Die Geschichte der Künstlerin

Eigenartige Kuscheltiere bevölkern die Villa Jauss in Oberstdorf

Villa Jauss

„Kuschelige Gestalten“: Silvia Jung-Wiesenmayer zeigt beim Oberstdorfer Kunstprojekt „Der andere Blick“ ihre Arbeiten „Standby Animals“ sowie „System“.

Bild: Günter Jansen

„Kuschelige Gestalten“: Silvia Jung-Wiesenmayer zeigt beim Oberstdorfer Kunstprojekt „Der andere Blick“ ihre Arbeiten „Standby Animals“ sowie „System“.

Bild: Günter Jansen

Mit ihren Arbeiten aus Filz bereichert Silvia Jung-Wiesenmayer das Oberstdorfer Kunstprojekt „Der andere Blick“. Wie sie diejenige wurde, die sie heute ist.
28.04.2021 | Stand: 19:45 Uhr

Mit Schlappohren, Schnuffelschnauze und Schmusepose erinnern die Stofftiere an selige Kinderzeiten. „Diese kuscheligen Gestalten“, wie Silvia Jung-Wiesenmayer ihre Geschöpfe aus Filz nennt, sind ein Hingucker in der Ausstellung „Der andere Blick“ im Oberstdorfer Kunsthaus Villa Jauss. Zwar sind die Objekte nur virtuell im Internet zu sehen, da die Infektionszahlen in Oberallgäu derzeit einen Besuch der Ausstellung nicht zulassen, doch auch auf diesem Weg entfalten die Arbeiten ihren Reiz.

Werke von elf Künstlerinnen aus der Region vereint diese Ausstellung. Sie, welche die weibliche Sicht auf die Welt zeigen will, liefert dabei dem Betrachter auch Erklärungen zu den Arbeiten mit. Erklärungen aus erster Hand – von den Künstlerinnen selbst. Jung-Wiesenmayer etwa erklärt, warum ihre knuddeligen Stofftiere, die sie „Standby Animals“ nennt, alle merkwürdige Eigenheiten offenbaren: So weist ein Tier als Bauchnabel eine Steckdose auf, ein anderes trägt als Schwanz ein Elektrokabel samt Stecker und ein drittes Stofftier scheint mit einem Selfiestick für Handyfotos verwachsen.

Ein Gefühl der Geborgenheit in der Ausstellung "Der andere Blick" in der Villa Jauss in Oberstdorf

„Mit den Funktionstasten“, erläutert Jung-Wiesenmayer, „vermischt sich für mich die Vorstellung, man könnte Gefühle aus der Kindheit einfach wieder einschalten, oder dass sie schon immer auf Standby sind.“ Die Figuren vermitteln für die Künstlerin „viel von dem Gefühl der Geborgenheit, wenn jemand da ist für einen, und der Verwirrung, dass man doch erwachsen ist und diesen kindlichen Trost nicht braucht.“

Neben diesen Stofftieren zeigt Jung-Wiesenmayer in Oberstdorf auch einen Kopfhörer und ein Kabelgeflecht aus Stoff. Die Materialverfremdung habe sie gereizt. Mit ihrem Ansatz, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, wird sie zu einem Musterbeispiel für jene elf Künstlerinnen, die mit ihren Arbeiten in der Villa Jauss zum „anderen Blick“ herausfordern.

Wie Silvia Jung-Wiesenmayer zur Künstlerin wurde

Dabei wurde Jung-Wiesenmayer die Kunst keineswegs in die Wiege gelegt. Die 54-Jährige stammt aus einer Hoteliersfamilie. 1966 in Riedenburg im Altmühltal geboren, wird das südliche Oberallgäu samt Kleinwalsertal für sie zu einer Region, die ihr Leben prägt. Die junge Frau beginnt zunächst eine Ausbildung in einem Hotel in Oberjoch. Denn sie wollte erst einmal weit weg von zu Hause. Doch ihr eigentlicher Wunsch ist es, den Beruf der Steinmetzin zu ergreifen.

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Der Weg dahin ist beschwerlich. Sie wagt ihn erst nach einer längeren Familienphase. Schließlich findet sie eine ideale Ausbildungsstelle bei Magnus Auffinger, dem Gunzesrieder Bildhauer, der damals noch einen Steinmetzbetrieb in Immenstadt führte. Er habe ihr Talent entdeckt, ihr eine künstlerische Ader bescheinigt und ein Händchen dafür, aus einem Stein neues Leben erwecken zu können, erzählt Jung-Wiesenmayer.

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Villa Jauss Ausstellung "Der andere Blick"

Später wagt Jung-Wiesenmayer wieder einen neuen Schritt. Sie studiert Bildhauerei an der staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Dabei ist sie fasziniert von Professor Udo Koch, der mit ungewöhnlichen Materialien wie Papier arbeitet. Dieser spielerische Umgang mit Dingen hat Silvia Jung-Wiesenmayer geprägt. Auch sie versucht, schwerem Material Leichtigkeit abzugewinnen. So formt sie zum Beispiel aus Stein ein Papierflugzeug, modelliert ein Beatmungsgerät aus Filz oder ritzt in Tonträger wie Schallplatten Flugzeuge ein und macht sie damit zu Flugzeugträgern.

Wie die Künstlerin der Austellung in der Villa Jauss Preise abräumt

Immer wieder erhält sie Auszeichnungen für ihre Arbeiten, so etwa 2004 den Rudolf-Zorn-Preis in Kempten oder 2009 den Johann-Georg-Fischer-Preis in Marktoberdorf oder die Kunstpreise der Städte Kempten (2012), Donauwörth (2014) oder Memmingen (2015). Doch auch in ihrem Beruf als Steinmetzin ist Jung-Wiesenmayer erfolgreich. So gestaltete sie zum Beispiel eine Mauer am neuen Waltenbergerhaus bei Oberstdorf. Immer wieder arbeite sie als Steinmetzin auch mit dem Oberstdorfer Architekten Klaus Noichl zusammen, erzählt Jung-Wiesenmayer.

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Einer dieser Gestaltungsaufträge wurde zu einem weiteren Wendepunkt im Leben der Künstlerin: der Platz vor und der Ausstellungsbereich im Walserhaus in Hirschegg. Bei diesem Großauftrag lernte sie ihren jetzigen Mann kennen. Sie, die lange Zeit in Immenstadt wohnte, lebt heute in Opfenbach im Westallgäu. Doch regelmäßig ist sie im Oberallgäu bei Ausstellungen vertreten und beeindruckt dort mit ihren ungewöhnlichen Arbeiten, etwa gehäkelten Mustern, die sie auf Papier übertragen hat, oder knuddeligen Stofftieren, die merkwürdige Eigenheiten aufweisen, wie jetzt im Internet zu sehen ist.

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Wissenswertes zur Ausstellung "Der andere Blick" in der Villa Jauss in Oberstdorf:

  • Die Ausstellung: „Der andere Blick“ wurde von der Fotografin Marion dos Santos aus Oberstdorf fürs Internet aufgenommen und mit Portraits der elf Künstlerinnen bereichert.
  • Die Künstlerinnen: Neben Silvia Jung-Wiesenmayer zeigen Elisabeth Bader, Waltraud Funk, Lucia Hiemer, Kristina Johlige Tolstoy, Anna Dorothea Klug, Amrei Müller, Nina Schmidbauer, Lucie Sommer-Leix, Elke Wieland und Annette Zappe ihre Werke.
  • Das Buch: Zur Ausstellung hat Rudolf Schnellbach ein Fotobuch zusammengestellt. Es kostet 36 Euro.

Ausstellung und Infos im Internet:

www.villa-jauss.de