Literaturhaus Allgäu

Vom Aufmucken in der Diktatur: Bettina Wilpert liest in Immenstadt aus neuem Roman

Intensive Recherche: Bettina Wilpert liest aus ihrem Roman „Herumtreiberinnen“ in Immenstadt Er führt zurück in die NS-Zeit und die DDR-Vergangenheit.

Intensive Recherche: Bettina Wilpert liest aus ihrem Roman „Herumtreiberinnen“ in Immenstadt Er führt zurück in die NS-Zeit und die DDR-Vergangenheit.

Bild: Nane Diehl

Intensive Recherche: Bettina Wilpert liest aus ihrem Roman „Herumtreiberinnen“ in Immenstadt Er führt zurück in die NS-Zeit und die DDR-Vergangenheit.

Bild: Nane Diehl

Autorin Bettina Wilpert liest im Immenstädter Literaturhaus Allgäu aus ihrem Roman „Herumtreiberinnen“. Er beleuchtet dunkle Kapitel der deutschen Geschichte.
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Von Veronika Krull
25.01.2023 | Stand: 15:00 Uhr

1980er Jahre in Leipzig: Die 17-jährige Manja und ihre Freundin Maxie brechen aus den Konventionen aus. Sie schwänzen den Unterricht, treffen sich stattdessen lieber mit Jungs. Als Manja bei einem intimen Beisammensein mit Manuel von der Volkspolizei ertappt wird, nimmt die Geschichte eine Wendung. Das Mädchen kommt auf eine so genannte venerologische Station, in der DDR gedacht für (vermutlich) geschlechtskranke Frauen, die zu „sozialistischen Persönlichkeiten“ erzogen werden sollten. In ihrem zweiten Buch hat sich die Leipziger Schriftstellerin Bettina Wilpert mit diesen Stationen auseinandergesetzt und nebenbei die Geschichte des Hauses in der Lerchenstraße erzählt – anhand von weiteren Frauenfiguren aus der NS- und aus der Jetztzeit. Am Freitag, 27. Januar, liest sie aus ihrem Buch „Herumtreiberinnen“ im Literaturhaus Allgäu in Immenstadt. Vorab hat sie dazu einige Fragen beantwortet.

Was oder wer hat Sie zu dem Roman inspiriert?

Bettina Wilpert: Das war bei einem Vortrag in Leipzig an der Gedenkstätte für Zwangsarbeit. Da habe ich das erste Mal von den venerologischen Stationen gehört. Ich fand die Geschichte erschütternd, und ich fand es erschütternd, dass so wenig Leute etwas davon wissen. Daraufhin habe ich mich damit beschäftigt. Der zweite Punkt: Ich bin ja in Bayern aufgewachsen und sozialisiert worden und lebe jetzt seit fast zehn Jahren in Leipzig. Ich habe immer schon mehr wissen wollen von der ostdeutschen Geschichte. Das waren dann die Aufhänger für mein Schreiben.

Das Wort „Herumtreiberinnen“ für den Titel ist nicht zufällig ge-wählt ...

Wilpert: Genau. Herumtreiberei war eines der ostdeutschen Begriffe für geschlechtskranke Frauen, für Frauen, die sich auf der Straße herumtreiben. Der Begriff ist immer noch negativ besetzt. Ich sehe darin aber eigentlich etwas Positives in dem Sinne, die Welt zu entdecken. Das haben die drei Frauen gemeinsam: Sie sind jung und wollen die Welt entdecken. Es werden ja auch nicht nur von den dreien Geschichten erzählt, sondern auch von Frauen auf der Station.

Wie umfangreich waren die Recherchen zur Nazi-Zeit und zur DDR in den 80er Jahren?

Wilpert: Ich habe mindestens ein halbes Jahr, ein dreiviertel Jahr recherchiert, auch noch während des Schreibens. Ich habe ganz viel wissenschaftliche Literatur gelesen. Zu den venerologischen Stationen gibt es zum Beispiel zwei große Publikationen. Auch online gibt es Interviews von Zeitgenossen. Zur NS-Zeit wurde mir eine Quelle zugespielt von einer Tochter von Arthur Hoffmann, einer der Widerstandskämpfer in Leipzig. Das war total spannend.

In einer Kritik der FAZ wurde bemängelt, dass die Frauenfiguren – um 1940 und 2010 – zu kurz kommen. War das beabsichtigt?

Wilpert: Das war nicht total beabsichtigt. Ich wollte eine Geschichte aus der DDR erzählen, aber auch von der Geschichte des Gebäudes. Der DDR-Teil ist die Hauptgeschichte. Das ist beim Schreiben einfach so passiert. Ich wollte auch die anderen Teile nicht künstlich strecken: Es sind einfach so Schlaglichter aus dem Leben.

Zeitenwechsel geschehen mitunter abrupt in einem Absatz. Warum?

Wilpert: Das ist gewollt. Im ersten Buch war das auch so. Ich glaube, ich muss das so schreiben. Ich würde das als Collage bezeichnen. Mit gefällt es, wenn es so schnell wechselt. Es ist in der Tat ein bisschen die Absicht, die Zeiten verwischen zu lassen. Das sieht übrigens jeder anders: Es gibt Leser, denen das gar nicht auffällt, die sagen, das sei gut zu lesen. Andere sind etwas verwirrt.

Wie reagiert das Publikum bei den Lesungen auf das Buch?

Wilpert: Gut. Ich glaube, die Leute sind sehr interessiert, auch interessiert an den Zeiten von NS- und DDR-Diktatur. Es gibt aber Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Im Westen haben viele noch nie etwas von den Stationen gehört, auch nicht von den Kinderheimen, die sehr brutal waren. Aber auch im Osten gibt es immer nur zwei, drei Leute, die mehr wussten.

Sie sind für Ihren Debütroman mehrfach ausgezeichnet worden. Fühlten Sie sich bei Ihrem zweiten Werk dadurch unter Druck gesetzt?

Wilpert: Ja, das hat mich schon unter Druck gesetzt. Aber es ist jetzt fast ein Jahr her, dass der Roman erschienen ist. Ich bin froh darüber, auch über die Rezensionen, die insgesamt positiv sind. Auch das Feedback zeigt mir, dass die Leser und Leserinnen es gut finden. Das ist das Wichtigste.

Die Lesung mit Bettina Wilpert findet am Freitag, 27. Januar, um 19.30 Uhr im Immenstädter Literaturhaus Allgäu statt. Karten gibt es über E-Mail: literaturhaus@immenstadt.de oder Telefon 08323/9988501.

Zur Person: Bettina Wilpert wurde 1989 in Eggenfelden bei Altötting geboren, studierte Kulturwissenschaft, Anglistik und Literarisches Schreiben in Potsdam, Berlin und Leipzig. 2018 erschien ihr Debütroman „Nichts, was uns passiert“, für den sie mehrere Auszeichnungen erhielt, unter anderem den „Aspekte“-Literaturpreis für das „beste literarische Debüt des Jahres“. (vk)

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