Ungewöhnliche Perspektive

Vom Treppenhaus zum blauen Auge: Raffinierte Fotokunst aus Oberstdorf

Hartmut Faustmann Blaues (Treppen-)Auge

Fotokunst von Hartmut Faustmann: „Blaues (Treppen-)Auge“. Der Fotograf, der in Oberstdorf lebt, zeigt auf seiner Internet-Seite eine Vielzahl repräsentativer Arbeiten.

Bild: Hartmut Faustmann

Fotokunst von Hartmut Faustmann: „Blaues (Treppen-)Auge“. Der Fotograf, der in Oberstdorf lebt, zeigt auf seiner Internet-Seite eine Vielzahl repräsentativer Arbeiten.

Bild: Hartmut Faustmann

Hartmut Faustmann sucht stets die ungewöhnliche Perspektive. Im Internet präsentiert der Oberstdorfer Fotograf eine Auswahl seiner besoneren Aufnahmen.
13.01.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Manche Gebäude fordern förmlich dazu auf, die Kamera zu zücken und ein Foto zu schießen. Doch oftmals entstehen dann die gleichen oder zumindest ähnliche Bilder, hat Hartmut Faustmann festgestellt. Der Wahl-Oberstdorfer sucht dagegen die ungewöhnliche Perspektive, den überraschenden Ausschnitt – nicht nur bei beliebten Objekten. So hat er sich zum Beispiel beim Sony-Center in Berlin nicht auf eine Gesamtansicht, sondern auf ein Detail konzentriert: rote Linien in der Glasfassade und diese als Diagonale in den Blick gerückt.

„Als Amateurfotograf sollte man sich mit den Motiven Mühe geben“, sagt der 67-Jährige. Dass er das tut, und dass er mit diesem Ansatz erfolgreich ist, beweisen Auszeichnungen, die er als Mitglied der Fotofreunde Wiggensbach bei Wettbewerben gewonnen hat. Vor allem aber zeigt sein Internet-Auftritt, welch außergewöhnliches Gespür Hartmut Faustmann für spannende Motivauswahl und ausgefeilte Bildgestaltung besitzt. Er habe sich schon immer viel mit Bildender Kunst beschäftigt, erzählt der gebürtige Hesse, und viele Ausstellungen besucht.

Von der kleinen Kamera zur Konfirmation zum augezeichneten Amateurfotograf in Oberstdorf

In einem kleinen Dorf bei Limburg an der Lahn aufgewachsen, habe er zur Konfirmation eine kleine Kamera geschenkt bekommen und wild darauf losgeknipst. Das Interesse war geweckt. In der Schule besuchte er dann eine Fotoarbeitsgruppe, in der er das Entwickeln von Filmen lernte. Zuhause richtete er sich in der Gästetoilette eine eigene Dunkelkammer ein. In einer Tankstelle jobbte er am Wochenende und wusch Autos, um sich als Schüler Fotopapier und andere Utensilien für sein Hobby leisten zu können.

Doch als ein neuer Lebensabschnitt begann, trat das Fotografieren praktisch ganz in den Hintergrund: Hartmut Faustmann, damals in der Ausbildung zum Handelslehrer steckend, besuchte – aus Langeweile, wie er erzählt – eine Theateraufführung in Gießen. Sie wurde für ihn zum aufregenden Schlüsselerlebnis. Er lernte eine neue Welt kennen, jene der Bühne, und diese fesselte ihn so, dass er beschloss, neue Wege zu gehen:

Er studierte in Berlin Theaterwissenschaft und Germanistik, jobbte nebenher als Komparse am Schillertheater und schrieb Texte über das Theater für Zeitung und Rundfunk. Schauspieler wollte er nicht werden, er wurde Dramaturg. Er begann am Theater der Jugend in München, arbeitete dann in Göttingen, organisierte internationale Jugendtheatertreffen in Berlin und vieles mehr und war später unter anderem als Schauspieldramaturg am Stadttheater Nürnberg und am Schillertheater in Berlin tätig.

Wahl-Oberstdorfer Hartmut Faustammn reizen beim Fotogragieren besonders grafische Strukturen und geometrische Figuren

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Erst mit Anfang 50 regte sich wieder das Interesse für die Fotografie. Bis dahin habe er selbst im Urlaub kaum Aufnahmen gemacht, erzählt er. Doch die Technik des Fotografierens hatte sich mittlerweile gewandelt. Es gab Digitalkameras. Hartmut Faustmann war fasziniert davon, welche Aufnahmequalität selbst bei einer kleineren Kamera zu erzielen war. Er besuchte Einführungskurse, später Workshops. „Das alte Virus ist wieder ausgebrochen“, erzählt er. Die Kameras, die er benutzte, wurden größer. Am Ende arbeitete er wieder mit einer Spiegelreflex-Kamera. „Ich habe viel ausprobiert und viel gelesen“, erinnert er sich.

"Rotten Papers": ein Foto von Hartmut Faustmann
"Rotten Papers": ein Foto von Hartmut Faustmann
Bild: Hartmut Faustmann

Was ihn fotografisch besonders reizt, sind grafische Strukturen und geometrische Figuren. Sie kennzeichnen viele seiner Bilder – und natürlich sein Auge für das spannende Detail, das dann raffiniert in Szene gesetzt wird. Hartmut Faustmann hat solch spannende Details zum Beispiel in großzügigen, elegant geschwungenen Treppenhäusern gefunden, die in den 50er Jahren entstanden, oder in unansehnlicher Pappe, die in zerstörten Gewächshäusern ehemaliger DDR-Betriebe vor sich hin rottet.

Hartmut Faustmann liebt es, sich mit anderen Menschen über Fotografie und Aufnahmen auszutauschen. Er war in Berlin Mitglied zweier Fotoclubs, hat in der Bundeshauptstadt etwa 15 Einzelausstellungen und weitere Gruppenausstellungen bestückt und besucht gern das Fotofestival „Horizonte“ in Zingst an der Ostsee, ein internationales Treffen von Profis und Amateuren.

Fotograf Hartmut Faustmann und seine Frau verbringen ihren Ruhestand am Fuße des Nebelhorns

Vor zehn Jahren lernten er und seine Frau durch Freunde Oberstdorf kennen. Zuvor hatten sie öfters Urlaube bei Kitzbühel in Tirol verbracht. Oberstdorf gefiel den beiden so gut, dass sie beschlossen, im Ruhestand dorthin zu ziehen. Seit August 2016 leben sie am Fuße des Nebelhorns. Hartmut Faustmann hat eine neue fotografische Heimat bei den Fotofreunden in Wiggensbach gefunden. Ihnen gehört er seit vier Jahren an. Und er schwärmt: „Eine tolle Truppe.“

Auf die Perspektive kommt es an: "Red Lines" von Hartmut Faustmann.
Auf die Perspektive kommt es an: "Red Lines" von Hartmut Faustmann.
Bild: Hartmut Faustmann

Sein Können gibt Hartmut Faustmann auch weiter, etwa in Workshops für Jugendliche im Kleinwalsertal im Rahmen eines Ferienprogramms. Dabei geht es ihm darum, bei den jungen Menschen das Gespür für Motive und Bildgestaltung zu wecken. Er gibt ihnen Tipps, wie Fotos aus der Flut der Bilder, die täglich ins Internet eingestellt werden, herausragen. So wie die seinen.

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