Schauspieler-Portrait

Walser Regisseur lässt Karl Merkatz zum 90. Geburtstag über das Leben reden

„Ohne Empfindung und eigenes Gefühl kann man keine Rolle spielen“: Schauspieler Karl Merkatz spricht in einer Sendung zu seinem 90. Geburtstag über sein Leben.

„Ohne Empfindung und eigenes Gefühl kann man keine Rolle spielen“: Schauspieler Karl Merkatz spricht in einer Sendung zu seinem 90. Geburtstag über sein Leben.

Bild: Andreas Kolarik/Degn Film/ORF

„Ohne Empfindung und eigenes Gefühl kann man keine Rolle spielen“: Schauspieler Karl Merkatz spricht in einer Sendung zu seinem 90. Geburtstag über sein Leben.

Bild: Andreas Kolarik/Degn Film/ORF

Der österreichische Schauspieler Karl Merkatz plaudert mit dem Regisseur Tommy Schmidle über sein Leben. An welche Anekdoten er sich erinnert.
18.11.2020 | Stand: 11:30 Uhr

„Ungebrauchte Hakenkreuzfahne billig abzugeben.“ Das Schild im Schaufenster erregt den Unmut der Polizei im Österreich von 1938 nach dem Anschluss an das Deutschland der Nationalsozialisten. Der Inhaber des Schaufensters, der Fleischhauer Karl Bockerer, wird zur Rede gestellt. Er habe ordnungsgemäß beflaggt, antwortet er: Die neue Fahne sei zu groß. Sie reiche bis zum Boden. Er habe deswegen eine kleinere Fahne hinausgehängt – beim Klofenster.

Karl Merkatz hat für die Rolle des „Bockerers“, der wie in einem Schelmenroman die Mechanismen des nationalsozialistischen Terrorregimes bloßstellt, viele internationale Preise erhalten. Doch diese Figur ist nur eine von hunderten, die der österreichische Schauspieler mit Leben erfüllt hat. Am 17. November ist er 90 Jahre alt geworden. Im Gespräch mit Tommy Schmidle aus dem Kleinwalsertal redet er über sein Leben, am Freitag, 20. November, im Österreichischen Fernsehen.

Der Moderator, der auch für Gestaltung und Regie des 45 Minuten dauernden Films verantwortlich zeichnet, hat Karl Merkatz im Café Bazar in Salzburg getroffen. Einem Ort, an dem sich der Schauspieler oft mit dem Dichter Thomas Bernhard traf. Was sie verband und welch existenzielle Diskussionen sie einst führten, erzählt Karl Merkatz in diesem Gespräch. Ebenso offen berichtet er von der ersten Begegnung mit seiner Frau Martha, mit der er seit 1956 verheiratet ist.

Schauspieler Karl Merkatz über seine Entwicklung

Im Mittelpunkt der Plauderei, die Tommy Schmidle charmant leitet, steht aber die schauspielerische Entwicklung und Karriere von Karl Merkatz. Eingespielte Ausschnitte aus Film-, Fernseh- und Bühnenproduktionen bilden dabei die Grundlage für das Gespräch. 1930 in Wiener Neustadt geboren, absolviert Karl Merkatz eine Ausbildung zum Tischler. Auch die Schauspielerei sieht er bis heute nicht als Kunst, sondern als Handwerk an.

Erste Gehversuche als Darsteller machte er im Keller einer Kirche, dann auf der Laienbühne einer Pfadfindergruppe. Doch das Interesse, den Schauspielerberuf zu ergreifen, war geweckt. Karl Merkatz studierte in Salzburg, Wien und Zürich. Engagements führten ihn von Heilbronn an bedeutende Bühnen wie das Deutsche Schauspielhaus und das Thalia-Theater in Hamburg oder das Theater in der Josefstadt und das Burgtheater in Wien.

Karl Merkatz und seine Frau bei einer Eröffnungsfeier. Der österreicher studierte in Salzburg, Wien und Zürich.
Karl Merkatz und seine Frau bei einer Eröffnungsfeier. Der österreicher studierte in Salzburg, Wien und Zürich.
Bild: Georg Hochmuth, dpa (Archivbild)

Neben dem „Bockerer“, in dessen Rolle er in vier Filmen schlüpfte, war Karl Merkatz im Fernsehen ab 1975 vier Jahre der Hauptdarsteller in der Kultserie „Ein echter Wiener geht nicht unter“, deren Drehbuch ihm anfangs gar nicht gefallen habe und das er dann abwandelte. Mit Anfang 80 erzählt er in dem gleichnamigen Film, mehrfach preisgekrönt, – zusammen mit Christine Ostermayer – von zwei betagten Menschen, die eine von ihrer Umgebung missbilligte Liebesbeziehung eingehen. In dem historischen Film „Kleine große Stimme“ ist Karl Merkatz 2015 der alte Siegfried Goldberg, der auch im Jahr 1955 in Österreich mit unverhohlenem Rassismus konfrontiert wird.

Merkatz: "Ohne Empfindung und eigenes Gefühl" geht es nicht

Eindrucksvolle Filmausschnitte belegen, wie Karl Merkatz tief in eine Rolle eintaucht, die Psyche einer Figur ergründet: „Ohne Empfindung und eigenes Gefühl kann man keine Rolle spielen“, erklärt er. Es sei wichtig, „eine Figur so zu erfassen, dass man sie ist.“ Auch von schlimmen Momenten in seinem Leben erzählt Karl Merkatz und von einem überraschenden Angebot nach Hollywood. Über 250 Rollen in Film und Fernsehen hat er gespielt, über 150 auf der Bühne.

Eine wichtige für ihn war dabei Don Quichotte, der Ritter von der traurigen Gestalt, in Mitch Leighs Musical „Der Mann von La Mancha“: ein alter Mann, ein Träumer, der für seine Ideale eintritt, komme, was da wolle. Mit dem Alter hat Karl Merkatz kein Problem. Er akzeptiert es und blickt nach vorn: „Denn morgen ist wieder ein Tag.“

Die Sendung im Fernsehen: „Reden übers Leben. Karl Merkatz zum 90. Geburtstag“, ORF III, Freitag, 20. November, 20.15 Uhr, und danach eine Woche lang in der ORF-Mediathek.