Vor dem Auftakt der Vierschanzentournee

Warum ein Industriekletterer an der Skisprung-Schanze in Oberstdorf unterwegs war

Bei seiner Arbeit an der Schanze am Schattenberg genießt Marc Segger auch mal die Sonne und den Blick über Oberstdorf.

Bei seiner Arbeit an der Schanze am Schattenberg genießt Marc Segger auch mal die Sonne und den Blick über Oberstdorf.

Bild: Fotos. Marc Segger

Bei seiner Arbeit an der Schanze am Schattenberg genießt Marc Segger auch mal die Sonne und den Blick über Oberstdorf.

Bild: Fotos. Marc Segger

Marc Segger aus Hinterstein ist Industriekletterer. Vor dem Auftakt zur Vierschanzentournee war er im Stadion am Schattenberg. Was er dort machte.
28.12.2020 | Stand: 15:52 Uhr

Marc Segger ist ein gefragter Mann, wenn es um luftige Arbeiten geht. Genau gesagt, um Arbeiten in luftiger Höhe. Damit zum Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf das Stadion im gleißenden Licht erstrahlt, hat er vor Kurzem zum Beispiel Birnen ausgewechselt. Nicht irgendwelche Birnen, aber die der hoch aufragenden Leuchtmasten. Wie er das macht? Er steigt erst die Leiter hoch und seilt sich dann außen am Mast ab: Marc Segger ist Industriekletterer. Ein Job, der gefragt ist und den nur sportliche Menschen machen können, die gerne die Welt von oben betrachten, also schwindelfrei sind.

Kletterer gibt es freilich einige im Allgäu. Segger hat auch nicht die einzige Firma in der Region. Ihm ist aber wichtig, dass seine Mitarbeiter handwerkliches Geschick mitbringen. Schließlich muss auf Baustellen, viele Meter über dem Boden, öfter mal etwas repariert werden. Da sei es gut, wenn man Fachwissen vom Bau mitbringt.

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Als Gästeführer gearbeitet

So hat er selbst zunächst Schreiner gelernt. Mit 23, also vor 15 Jahren, kam er aus der Kölner Gegend ins Allgäu. „Ich liebe den Bergsport und das Klettern.“ Der Wahl-Hintersteiner arbeitete etliche Jahre als Gästeführer im Gebirge, seit 2020 betreibt er seine eigene Firma im Vollerwerb. „Ich bin auch ausgebildeter Rettungssanitäter und bei der Bergwacht Hinterstein aktiv.“ Segger ist dabei der „soziale Aspekt wichtig, aber auch die Kameradschaft“.

Den medizinischen Aspekt kann der Rettungssanitäter in seinem Job auch gut gebrauchen. Immer im Hinterkopf hat er das „Hänge-Trauma“. Dazu kann es bei einem Sturz kommen. Der im Gurt arbeitende Industriekletterer lande dann zwar im sichernden Seil. „Je länger man aber im Gurt hängt, desto wahrscheinlicher ist eine Durchblutungsstörung.“ 15 Minuten bleiben, um den Partner zu retten, sagt Segger. Deshalb seien Industriekletterer auf hohen Baustellen immer in Zweierteams unterwegs. Er nennt Hochhausfassaden in München oder auch den Fernsehturm in Hannover. „Der ist 136 Meter hoch“, sagt Segger. Die Beton-Armierungen hatten kontrolliert werden müssen. Es gehe immer um die Sicherheit, darum, dass den Menschen, die unten stehen, nichts auf den Kopf fällt.

"Im Frühjahr ist es oft problematisch"

Auch in der Breitachklamm ist das so. Da sei Segger mit Kollegen seit sechs Jahren regelmäßig am Schauen und Überprüfen. „Im Frühjahr ist es oft problematisch, wenn die Temperaturen im Plus-Bereich sind, aber nachts wieder in die Minusgrade sinken. Dann können Felsteile abplatzen“, sagt Segger.

Die Industriekletterer schauen darauf und „putzen die Felsen“. Es gebe auch Messpunkte im Stein. Da könne dann regelmäßig abgelesen werden, ob der Punkt wandert – und es zu einem Felsabsturz kommen könnte. Geologen seien natürlich die Fachleute, die dazu die Vorgaben machen. Der Beruf Industriekletterer sei im Kommen, denn an vielen Bauobjekten seien häufig erst lange nach der Fertigstellung Wartungs- oder Reparaturarbeiten nötig. Meist habe sich im Vorfeld jedoch niemand Gedanken gemacht, wie die Areale zu erreichen sind und merken dann, „dass zum Beispiel die Glaskuppel auf dem Dach nicht zugänglich ist, aber die Dichtung dort dennoch ausgewechselt werden muss“. Ein Fall für den Industriekletterer. „Der Vorteil unserer Arbeit liegt dabei in der Leichtigkeit. Segger meint, dass ansonsten schwere Gerüste installiert werden müssten. Er aber steigt oder klettert nach oben und seilt sich dann, nur an einem schmalen Seil hängend, ab. Für ihn immer wieder ein tolles Erlebnis. Die Aussicht von oben kann er dann bei seiner Arbeit durchaus genießen. Manch anderem würden da die Knie schlottern.