Kunst in Wertach

Wertacher Kunstkreis bietet Einblicke, die erschüttern

„Dachau 1945“: Die Malerin Monika Herlein hat dieses erschütternde Portrait eines KZ-Häftlings geschaffen. Es ist in der Ausstellung des Wertacher Kunstkreises zu sehen.

„Dachau 1945“: Die Malerin Monika Herlein hat dieses erschütternde Portrait eines KZ-Häftlings geschaffen. Es ist in der Ausstellung des Wertacher Kunstkreises zu sehen.

Bild: Rudolf Schnellbach

„Dachau 1945“: Die Malerin Monika Herlein hat dieses erschütternde Portrait eines KZ-Häftlings geschaffen. Es ist in der Ausstellung des Wertacher Kunstkreises zu sehen.

Bild: Rudolf Schnellbach

Der Wertacher Kunstkreis setzt sich unter dem Motto „Gedächtnis und Erinnerung“ in einer Internet-Schau mit den Schrecken des Nazi-Terrors auseinander.
17.11.2020 | Stand: 21:01 Uhr

Wer sitzt oder kauert in den Eisenbahnwaggons, die diese Dampflok zieht? Der Schlot der Lok wird von einem anderen Bild überlagert: Eine junge Frau kämmt sich: „Goldenes Haar“ heißt dieser Beitrag von Sabine Ackermann zur Ausstellung „Gedächtnis und Erinnerung“. Sie hat der Wertacher Kunstkreis anlässlich der Vergabe des ersten W. G. Sebald-Literaturpreises initiiert.

Die sollte in diesem November gekoppelt mit einer Tagung zum Werk des Schriftstellers stattfinden. Doch jetzt wurden Tagung und Preisverleihung wegen der Corona-Pandemie auf den Juni nächsten Jahres verschoben. Der Kunstkreis, der seit zwei Jahren an dem Projekt arbeitet, wollte nicht länger warten, erklärt dessen Leiter Holger Doose. Weil allerdings wegen des staatlich verhängten Verbotes kultureller Veranstaltungen derzeit keine Ausstellungen stattfinden können, wurde die Schau ins Internet verlegt. Dort sind die Werke ab Donnerstag, 19. November, auf der Seite der Gemeinde Wertach 30 Wochen lang zu sehen: Wertacher Kunsträume ab 19. November im Internet.

In seinem Werk greift der 1944 in Wertach geborene Schriftsteller W. G. Sebald, der 2001 in seiner Wahlheimat England starb, immer wieder die Zeit des Nationalsozialismus auf – beziehungsweise deren Verarbeitung oder Nicht-Verarbeitung. „Gedächtnis und Erinnerung“ sind zentrale Themen.

Wertach: Kunstkreis zeigt Erschütterndes

Und vage, wie oft Erinnerungen im Gedächtnis verankert sind, schieben sich auch die gegenständlichen Darstellungen in Sabine Ackermanns zweiteiliger Collage „Goldenes Haar“ in den Vordergrund: Schienen, Schriften, Schicksale. Der Titel zitiert dabei ein Motiv aus Paul Celans „Todesfuge“, die mit verrätselten Bildern den Holocaust andeutet, die massenhafte Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten. Die Immenstädter Malerin folgt der dramaturgischen Vorgabe des Dichters auf einfühlsame Weise.

Erschütternd wirkt das Portrait eines befreiten Häftlings aus dem Konzentrationslager, das Monika Herlein aus Waltenhofen in ihrem Acryl-Gemälde „Dachau 1945“ zeigt. Das in Schwarz-, Weiß- und Grautönen gehaltene Bild erhält nur durch ein fahles Gelb ein wenig Farbe. Heike Hüttenkofer aus Immenstadt demonstriert in ihrem Bild „Entwürdigt“, was von vielen der Menschen im Vernichtungslager Auschwitz nur noch übrig geblieben ist: die Lagerkleidung.

Einen Bombenangriff während des Zweiten Weltkriegs, den die Familie wie durch ein Wunder überlebt hat, kann Heidi Riefler aus Oy bis heute nicht vergessen. Ihn verarbeitet sie in ihrer Mischtechnik „4. Dezember 1944“. An die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Böhmen und Mähren nach dem Zweiten Weltkrieg erinnert Silvia Krist aus Wertach in ihrer Mischtechnik „Anna“.

Doch die Ausstellung kreist nicht nur um die Verbrechen der Nationalsozialisten und deren Folgen. Die Ausstellung fasst ihr Thema weiter: Sie verdeutlicht ganz allgemein, was Menschen Menschen antun können. Gerhard Benz aus Sonthofen nutzt dazu Fotografien von Mahnmalen aus dem Ersten Weltkrieg: Gräberfelder und Bunkeranlagen. Ulrich Kirsch aus Blaichach schlägt in seinem Mixed-Media-Bild „Totenstille“ einen Bogen vom trojanischen Krieg bis in die Gegenwart. Fred Spahr aus Oy zeigt in seinen Acryl-Gemälden Ureinwohner, die in früheren Zeiten als „Wilde in Menschenzoos“ zur Schau gestellt wurden. Angela Steur aus Kempten feiert das „Ende der Apartheid“ in Südafrika mit hoffnungsvollen Gesichtern. Humboldt Mucks aus Wertach veranschaulicht in einer Collage aus Augenpaaren, deren Zentrum ein Bubengesicht bildet, was „Angst“ bedeutet. Und Birgit Hefter aus Immenstadt nutzt Buchstaben und Farben, um „Schuld“ symbolhaft begreifbar zu machen.

Die Ausstellung nähert sich aber auch generell dem Phänomen des Erinnerns: Walter Felser aus Oy lässt in einer Keramik dem Gehirn gute Erinnerungen entwachsen. In einer Zeichnung von Peter Vogt aus Fischen schweben Gedanken an die Jugend über dem Kopf eines alten Mannes. Heidi Urban aus Marktoberdorf erweckt „beschaulichere Zeiten“ mit einem „Zeitsprung“ zum Leben. Annemarie Augsten aus Kempten illustriert in einem „Aufgelösten Portrait“, wie schwer fassbar letztendlich Erinnerungen sind.

Werke im Internet präsentiert

Beate Nagel aus Unterschwarzenberg weist in einer Installation darauf hin, dass Erinnerungen auch mit Düften und anderen persönlichen Erlebnissen verbunden sein können. Und Rudolf Schnellbach aus Westerhofen dokumentiert in einer Aufnahme die Bedeutung der Fotografie für das Erinnern.

Der Fotograf hat auch die 30 Kunstwerke dokumentiert, die jetzt im Internet präsentiert werden – jeweils mit einem Kommentar der Künstler versehen.