Geschichtsforschung

Wie Politik im Allgäu zur Zeit der Reformation den Glauben lenkt

„Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein, je mehr du daran reibst, desto mehr duftet es“: Eine Ausstellung in Immenstadt verdeutlichte 2017 „Martin Luthers Spuren im Oberallgäu“.

„Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein, je mehr du daran reibst, desto mehr duftet es“: Eine Ausstellung in Immenstadt verdeutlichte 2017 „Martin Luthers Spuren im Oberallgäu“.

Bild:     Günter Jansen

„Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein, je mehr du daran reibst, desto mehr duftet es“: Eine Ausstellung in Immenstadt verdeutlichte 2017 „Martin Luthers Spuren im Oberallgäu“.

Bild:     Günter Jansen

Klaus Schröppel zeigt anhand der Reichsstädte im Allgäu und am Beispiel Sonthofens, wie vielfältig die Reformation in der Region wirkte und warum sich die Lehre Martin Luthers durchsetzte.
11.10.2020 | Stand: 05:30 Uhr

Mitunter folgt der Glaube ganz praktischen politischen Interessen. Das verdeutlicht ein Vortrag von Klaus Schröppel in Sonthofen. Der Lehrer für Geschichte, Griechisch und evangelische Religion am dortigen Gymnasium spricht in der Aula seiner Schule über die Reformation im Allgäu. Der Pädagoge hält dabei keine Unterrichtsstunde für Schüler ab, sondern bereichert die städtische Reihe „Sonthofen entdeckt Geschichte“ mit einem informativen und anregenden Beitrag.

Er spannt einen Bogen von den sozialen Spannungen zu Beginn des 16. Jahrhunderts als Ursachen der Reformation bis zum Augsburger Religionsfrieden 1555, der den Anhängern Luthers freie Religionsausübung zugestand. Doch nicht alle Unterstützer der Reformation folgten im Allgäu anfangs der Lehre Luthers. Es gab verschiedene Versuche der Erneuerung des Glaubens. Schröppel erläutert sie vor allem an Hand der Reichsstädte Kempten, Memmingen und Kaufbeuren, aber auch am Beispiel Sonthofens, das zumindest für kurze Zeit 1546 einen Pfarrer hatte, der die Reformation vertrat: Johannes Jung.

Im Schmalkaldischen Krieg, in dem Kaiser Karl V. gegen das Bündnis protestantischer Fürsten und Städte zu Feld zieht, haben zunächst die Protestanten die Oberhand. Johannes Jung aus Kempten wird am 25. Juli 1546 als neuer Pfarrer an St. Michael in Sonthofen eingesetzt. Auch in Oberstdorf und Rettenberg wirken protestantische Prediger. Doch durch den Verrat eines Fürsten, erklärt Schröppel, müssen die protestantischen Truppen bereits im Oktober das Allgäu wieder verlassen. Der Fürstbischof aus Augsburg beginnt mit der Rekatholisierung seines Machtbereichs und die protestantischen Pfarrer fliehen. In den Reichsstädten jedoch bestimmt der Rat, welche Pfarrer in ihren Mauern predigen.

In Kempten ist man lange wankelmütig, welcher reformatorischen Richtung man folgen soll: der Martin Luthers oder der Huldrych Zwinglis. Wittenberg, wo Luther wirkt, sei weit entfernt gewesen, erklärt Schröppel, Zürich, wo Zwingli predigt, dagegen nahe. So treten in Allgäuer Städten vielfach Pfarrer auf, die Zwinglis Lehre nahestehen. Sie üben deutliche Sozialkritik. Das kommt bei vielen Menschen gut an.

Denn es brodelt im Deutschen Reich, sagt Schröppel. Unfreie Bauern müssen Frondienste und Abgaben leisten. Durch eine große Rezession droht vielen Menschen ein sozialer Abstieg. Aus solcher Entwicklung resultieren schließlich die „Zwölf Artikel der Bauern“ von 1525. Ein zweiter Krisenherd ist die Kirche, in der Missstände herrschen: Pfarrherrn häufen Pfründe, die ihnen Wohlstand sichern, während Hilfspriester deren Arbeit versehen. Der Handel mit Ablassbriefen, die Sündern gegen Geldzahlungen das Fegefeuer verkürzen sollen, wird von der Kirche als lukrative Einnahmequelle verstärkt genutzt.

Gegen diese Missstände kämpfen die Reformatoren an: Sie stützen sich in ihrer Lehre allein auf die Bibel als Grundlage des christlichen Glaubens, nicht auf die kirchliche Tradition. Wobei Zwingli dazu radikalere Reformen propagiert als Luther. Zwingli setzt zum Beispiel auf ein Bilderverbot in der Kirche nach dem zweiten Gebot: Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen. Das führt dazu, dass es in Kempten zu einem „Bildersturm“ kommt, bei dem die St.-Mang-Kirche weitgehend leer geräumt wird.

Unterzeichnung der „Protestatio“

Offiziell freilich schließt sich die Reichsstadt Kempten den Anhängern Luthers an, denn mit ihnen erhoffen sich die Vertreter der Stadt einen größeren politischen Einfluss. So unterzeichnen sie 1529 die „Protestatio“ von sechs Landesfürsten und 14 Vertretern von Reichsstädten, um auf dem Reichstag zu Speyer gegen die Ächtung von Luthers Schriften und Lehre zu protestieren. Zu dessen Gründungsmitgliedern zählt 1531 die Stadt Memmingen. Auch dort sympathisiert man zunächst mit Zwinglis Lehre, schwenkt dann aber aus politischen Gründen zu Luther über. In Kaufbeuren findet eine radikale Lehre zunächst viele Anhänger, die der Täufer. Auf Druck der benachbarten Reichsstädte nimmt aber auch Kaufbeuren 1545 die „Confessio Augustana“, das Bekenntnis der lutherischen Reichsstände an. So bestimmen einmal mehr politische Überlegungen den Weg, den die Religionsausübung einschlägt.