Naturschutz

Wo Schnarrschrecke, Blutstorchenschnabel und Graslilie wieder zuhause sind

Geoökologin Kathrin Schratt zeigt Richard Math, dem Vorsitzenden der Oberstdorfer Rechtler eine seltene Pflanze, die sich im Oytal wieder angesiedelt hat.

Geoökologin Kathrin Schratt zeigt Richard Math, dem Vorsitzenden der Oberstdorfer Rechtler eine seltene Pflanze, die sich im Oytal wieder angesiedelt hat.

Bild: Susanne Lorenz-Munkler

Geoökologin Kathrin Schratt zeigt Richard Math, dem Vorsitzenden der Oberstdorfer Rechtler eine seltene Pflanze, die sich im Oytal wieder angesiedelt hat.

Bild: Susanne Lorenz-Munkler

Oberstdorfer Rechtler renaturieren gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband Oberallgäu Alpflächen im Oytal. Dort haben sich bereits wieder seltene Arten von Pflanzen und Tieren angesiedelt.
Geoökologin Kathrin Schratt zeigt Richard Math, dem Vorsitzenden der Oberstdorfer Rechtler eine seltene Pflanze, die sich im Oytal wieder angesiedelt hat.
Von Susanne Lorenz-Munkler
10.10.2020 | Stand: 14:00 Uhr

Begeistert blickt Richard Math, Vorsitzender der Oberstdorfer Rechtler, ins Oytal. Auf die Vor- und Nachweiden für das Galtvieh, das hier im Tal geälpt wird. Die Weiden wirken gepflegt. Nur ab und zu stehen Büsche am Rande steil abfallender Schotterfelder. Kaum Unkraut wie Ampfer, Adlerfarn oder Pestwurz wächst dort, sondern seltene Gewächse wie die Felsbirne oder Wachholdersträucher. Mit ein Erfolg der Renaturierung, die von den Rechtlern und dem Landschaftspflegeverband Oberallgäu an der Stelle betrieben wird.

Son finden sich auf den Alpflächen im Oytal Arten, die man sonst eher in Südtirol findet. Denn im Frühling schmilzt der Schnee dort schnell. „Aufgrund der speziellen Lage, aber vor allem durch die alpwirtschaftliche Nutzung sind hier wahnsinnig artenreiche Lebensräume entstanden“, sagt Leonie Schaefer vom Landschaftspflegeverband. Seit 2017 betreut der Pflegeverband 50 Hektar Alpflächen mit, zehn davon liegen im Oytal. Dort wurde in der Fläche vor allem entbuscht und die Fichten wurden entfernt, die alles beschattet hätten, erklärt sie. „Nur so viel, dass der Charakter einer offenen Landschaft erhalten bleibt“, ergänzt ihre Kollegin, die Geoökologin Katrin Schratt.

Zuschüsse vom Freistaat

Finanziert wurden die noch laufenden Maßnahmen aus Mitteln des Landschaftspflegeverbands und Zuschüssen des Freistaates „Wir haben hier Kalkmagerrasen weit unterhalb der Baumgrenze auf 1300 Metern Höhe mit stark besonnten Hängen“, sagt Leonie Schaefer. Das sei ein Lebensraum für wärmeliebende Arten, die sonst im Oberallgäu nicht vorkommen – wie die rotflügelige Schnarrschrecke, der Blutstorchenschnabel, die ästige Graslilie und diverse Reptilienarten.

Die steilen exponierten Hanglagen in mittlerer Höhenlage mit Schotter-Untergrund und dünner Humusschicht seien wegen ihrer Ausrichtung nach Süden stark temperaturbegünstigt. Dazu kommt die Landschaftsdynamik durch Lawinen und Steinschlag, die diesen einmaligen Lebensraum schaffen.

Seit 2019 ist der Landschaftspflegeverband mit vielen Helfern aus den Reihen der Rechtler und Oberstdorfer Landwirten dort tätig. „Unser Ziel ist es, insgesamt zehn Hektar dieser Fläche wiederherzustellen, die in der Vergangenheit mit Fichten zugewachsen sind.“

Im Fall des Oytal-Projekts sei der Grundeigentümer, die Oberstdorfer Rechtler, selbst auf den Verband zugegangen, weil der Wald immer mehr in die Weiden vorgedrungen war. Verbandsvorsitzender Math erinnert sich: „Wir hatten schon bei anderen Projekten gute Erfahrungen mit dem Verband gemacht.“ Denn der LPV pflegt auch Flächen auf der Söller-, Mädele-, Gerstruber- und Traufbergeralpe.

„Ein bürokratisches Monster“

„Wir Älpler pflegen unserer Flächen zwar mit großer Sorgfalt, aber manchmal kommen wir fast nicht mehr nach“, sagt Math. Deshalb seien die Rechtler „dankbar, dass wir einen Partner gefunden haben, der uns fachlich und finanziell unterstützt“. Gemeinsam haben die Akteure im Oytal viele Flächen entbuscht. Ein mühsames Geschäft, weil das alpine Gelände maschinell nicht bewirtschaftet werden kann.

Ganz problemlos verlief die Maßnahme aber nicht. Denn Teile des Geländes liegen im Schutzwaldgebiet und das Oytal gehört zum FFH-Gebiet Allgäuer Hochalpen. „Wir brauchten extra Rodungs- und Ausnahmegenehmigungen der Höheren Naturschutzbehörde für eine Arbeit, die im Grunde jeder Älpler macht“, erklärt Math: „Es war ein bürokratisches Monster, bis wir hier Oktober 2019 loslegen konnten.“

Ein großer Vorteil sei es, mit den Rechtlern zu arbeiten, sagt Kathrin vom LPV: „Auf anderen Flächen wissen wir nie, ob sie in zehn oder 20 Jahren noch bewirtschaftet werden. Hier geht es weiter.“ Die Alpwirtschaft sei eben Basis der Rechtler. Schratt: „Das ist super investiertes Landschaftspflegegeld.“