„Nach-Spiel-Zeit“ mit zwei Oberallgäuer Ski-Stars

Zwei Wege, ein Ziel: Die Karrieren von Johannes und Dominik Stehle

Der eine, ein Virtuose im Slalom, der andere, ein Speed-Spezialist auf der Piste. Die Karrieren von Dominik (links) und Johannes Stehle verliefen grundsätzlich unterschiedlich – heute sind die beiden 34-jährigen, bzw. 39-jährigen Oberallgäuer aber angekommen: Und genießen das Familienleben.

Der eine, ein Virtuose im Slalom, der andere, ein Speed-Spezialist auf der Piste. Die Karrieren von Dominik (links) und Johannes Stehle verliefen grundsätzlich unterschiedlich – heute sind die beiden 34-jährigen, bzw. 39-jährigen Oberallgäuer aber angekommen: Und genießen das Familienleben.

Bild: Fotos: Schmelzer, imago

Der eine, ein Virtuose im Slalom, der andere, ein Speed-Spezialist auf der Piste. Die Karrieren von Dominik (links) und Johannes Stehle verliefen grundsätzlich unterschiedlich – heute sind die beiden 34-jährigen, bzw. 39-jährigen Oberallgäuer aber angekommen: Und genießen das Familienleben.

Bild: Fotos: Schmelzer, imago

Nach ihrer Ski-Karriere haben sich Johannes und Dominik Stehle für einen sportfernen Job entschieden. Nach dem Weltcup-Trubel genießen sie heute das Idyll.
28.04.2021 | Stand: 16:11 Uhr

Wenn Dominik und Johannes Stehle auf ihre Karrieren als Skirennläufer zurückblicken, haben sie trotz unterschiedlicher Disziplinen eines gemeinsam: Das Ende hätten sich die Brüder anders vorgestellt. Der Ältere, der 39-jährige Johannes, hat sein letztes Rennen am 29. März 2008 bei den nationalen Meisterschaften in Sarntal „nicht mehr ganz auf dem Schirm“, im Gegenteil zum letzten Weltcup-Auftritt. Daran kommen ihm „dunkle Erinnerungen“. In Kitzbühel stellte es den Abfahrt-Spezialisten an einer „unspektakulären Stelle“ auf. Sein durch den Sturz lädiertes Knie zwang Stehle zur Pause. „Mit Müh’ und Not“ kämpfte er sich zurück, war aber nie schmerzfrei und verkündete am Ende dieser „krampfhaften Saison“ mit 27 Jahren sein Karriereende.

Johannes Stehle: "Nie dahin, wo ich hinwollte"

„Unterm Strich lief es zwei bis drei Saisons ganz gut, aber mein Knie konnte den Belastungen nie standhalten. Ich bin nie dahin gekommen, wo ich eigentlich hinwollte“, resümiert der 39-Jährige. Schon mit 17 Jahren erlitt Johannes Stehle seinen ersten Kreuzbandriss, nur drei Jahre später den zweiten. Das machte es für ihn immer schwierig, den Extrembelastungen, die eine vereiste Weltcup-Piste fordert, standzuhalten. Mit Ergebnissen um Platz 20 etablierte er sich dennoch in der erweiterten Weltspitze.

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„Wenn man da ist, will man auch ganz nach vorne“, sagt Johannes Stehle. Zwei Jahre hat er noch mehr dafür getan – ohne Erfolg. Mit Blick auf das Risiko einer erneuten schweren Verletzung hat er letztlich aufgegeben. „Mit 27 kann man noch anderes anfangen“, schildert die Gedanken zur damals „rationalen Entscheidung, Risiko und nutzen abzuwägen“. Bereut habe er den Entschluss nie. „Ich hänge am Skisport, weil er meine große Leidenschaft ist, aber diese Leidenschaft kann man auch anders leben“, sagt er. So genießt es der zweifache Familienvater auch nur, mit seinen Töchtern Mina (5) und Greta (3) auf der Piste zu sein.

Johannes (rechts) und Dominik Stehle bei einem Empfang 2008.
Johannes (rechts) und Dominik Stehle bei einem Empfang 2008.
Bild: Peter Stehle

Was seinen beruflichen Lebensweg angeht, hat er sich bewusst für einen Kontrast entschieden – seit 2009 ist er als Finanzberater mit Fokus auf Vermögensaufbau, Immobilien und Versicherungen tägig. Stehle genießt das Umfeld und die Kollegen als Abwechslung zur Tätigkeit in der Skischule. Bereits 2001 hat er die Prüfung zum staatlichen Skilehrer absolviert, gehört dem Ausbilder-Team des Skilehrerverbandes an und war als Prüfer tätig.

Nach dem Weltcup-Zirkus: Kein Leben aus dem Koffer mehr

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Der Sprung ins Trainergeschäft hat sich nie ergeben, allerdings „wollte ich auch kein Leben aus dem Koffer mehr“, sagt Stehle, der als stellvertretender Vorsitzender für den Allgäuer Skiverband fungiert. Die Jahre als Sportler waren für ihn „eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte“, sagt der Familienmensch. Ständig auf Reisen wolle er heute aber nicht mehr sein. Aus seiner aktiven Zeit sind ihm nicht nur Freundschaften, sondern auch „super Erlebnisse“ geblieben. Highlights waren für ihn „die Momente, in denen der Knoten aufgeht“.

Wie am 15. Dezember 2007 bei der Abfahrt in Gröden, als er mit Platz 17 sein bestes Weltcup-Resultat einfuhr. In Garmisch gelang ihm im Training ein sechster Platz, im Rennen riss ihm die Platte vom Ski. „Höhen und Tiefen prägen die Persönlichkeit. Man lernt, mit Rückschlägen umzugehen und ist gerade in der momentanen Situation stressresistenter“, sagt Johannes Stehle.

Sein Bruder spricht ebenfalls davon, dass die Zeit im Leistungssport ihn „charakterlich geformt und geprägt“ hat. Dominik Stehle kann zwar auf eine längere Karriere zurückblicken – allerdings ging diese im vergangenen Jahr „komisch“ und unerwartet zu Ende. Seinen Rücktritt zum Saisonende hatte der 34-Jährige zwar schon geplant, dass der Slalom in Chamonix am 8. Februar 2020 sein letztes Rennen sein sollte, stellte sich aber erst später heraus.

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Durch die Pandemie wurde Kranjska Gora abgesagt und dem Allgäuer Slalomspezialisten so die Chance genommen, sein letztes Karriererennen bewusst genießen zu können. Danach hat sich der 34-Jährige gesammelt. „Mir war es wichtig, auch beruflich ein für mich erfüllendes Leben zu finden“, betont Dominik Stehle. Schon früh schloss daher in der aktiven Zeit sein Bachelor-Studium in International Management mit Masterarbeit ab.

Dominik Stehles Familiengründung in Burgberg

An eine Trainertätigkeit habe er zwar gedacht, wollte sich jedoch „andere Türen aufmachen“ und suchte vor allem im Hinblick auf die Familiengründung einen geregelten Tagesablauf. Bewusst entschied er sich ebenso gegen eine Berufslaufbahn beim Zoll und stellte sich hingegen mit dem Schritt in die freie Wirtschaft bewusst einer beruflichen Herausforderung – und das in den unsicheren Pandemie-Zeiten.

Innerhalb kürzester Zeit änderte sich so das Leben des Skirennläufers: Im Mai 2020 heiratete er seine Verena, im Juni erblickte Söhnchen Carl das Licht der Welt und im Oktober zog die junge Familie von Innsbruck nach Burgberg. Der dreimalige deutsche Slalommeister arbeitet mittlerweile als kaufmännischer Projektangestellter und genießt sein neues Leben. „Ich war gespannt, wie ein Leben ohne Sport wird“, sagt der 34-Jährige – wenn er nun aber die Geisterrennen am Fernseher verfolgt, bitzelt es ihn gar nicht. „Ein Abschiedsrennen und eine Party wären schön gewesen“, gesteht Dominik Stehle.

So nimmt er die schönen Erinnerungen der „coolen Jahre“ mit, beispielsweise den vierten Platz 2016 bei seinem Lieblingsrennen in Schladming, drei deutsche Meistertitel, die Teilnahme an zwei Weltmeisterschaften, sowie Reiseerlebnisse, Kontakte und „die vielen zwischenmenschlichen Momente“, aus denen sich auch viele Freundschaften entwickelt haben. Vor allem die Tatsache, „dass Freundschaften, wie zu Felix Neureuther, über den Leistungssport hinaus hängenbleiben“, ist für Dominik Stehle eine besonders schöne Erfahrung.