Vortrag in Memmingen

Alt-Bundespräsident Joachim Gauck sagt, wo Toleranz ihre Grenzen hat

Volle Martinskirche in Memmingen: Vor rund 650 Zuhörern redet Alt-Bundespräsident und DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck über Freiheit und Toleranz. Dabei nimmt der 82-Jährige Bezug zu aktuellen Themen wie dem Krieg in der Ukraine und Parteien mit extremen Ansichten.

Volle Martinskirche in Memmingen: Vor rund 650 Zuhörern redet Alt-Bundespräsident und DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck über Freiheit und Toleranz. Dabei nimmt der 82-Jährige Bezug zu aktuellen Themen wie dem Krieg in der Ukraine und Parteien mit extremen Ansichten.

Bild: Ralf Lienert

Volle Martinskirche in Memmingen: Vor rund 650 Zuhörern redet Alt-Bundespräsident und DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck über Freiheit und Toleranz. Dabei nimmt der 82-Jährige Bezug zu aktuellen Themen wie dem Krieg in der Ukraine und Parteien mit extremen Ansichten.

Bild: Ralf Lienert

Joachim Gauck spricht in Memmingen vor über 600 Zuhörern über Freiheit und hat zum Krieg in der Ukraine klare Meinung – ebenso zum Umgang mit AfD.
24.11.2022 | Stand: 05:45 Uhr

Pfarrer, Bürgerrechtler, Bundespräsident: All das war Joachim Gauck. Als Autor des Buches „Toleranz: einfach schwer“ kam er jetzt nach Memmingen. Dort sollte der gebürtige Rostocker bereits im Mai auf Einladung des „Kuratoriums Memminger Freiheitspreis 1525“ auftreten, musste seinerzeit aber krankheitsbedingt absagen. Fit wirkte der langjährige Leiter der nach ihm benannten Stasi-Unterlagenbehörde bei seinem Besuch nun.

Memmingen ist dem 82-Jährigen wichtig, weil hier Bauern vor fast 500 Jahren ihre „Zwölf Artikel“ formulierten, die als erste europäische Freiheitsrechte gelten und deren Ziel „Freiheit für alle Menschen“ sich auch in unserem Grundgesetz findet. „Das Leben in Freiheit ist leider nicht selbstverständlich“, sagte Gauck. Gerade in Deutschland seien die Menschen eher ängstlich, was Veränderungen angeht. Das sei dann die „Stunde der Populisten“. In seiner gut anderthalbstündigen Rede sprach Gauck auch diese Themen an:

Was sagt Joachim Gauck zum Thema Toleranz?

Die Lebensentwürfe, Wertvorstellungen sowie religiösen und kulturellen Hintergründe der Menschen würden immer vielfältiger. Einige empfinden das als Bereicherung, andere als Bedrohung. Daher sei ein friedliches Zusammenleben ohne gegenseitige Toleranz schwierig. Auch wenn Fremdheit zu ertragen nicht immer leicht sei, dürfe man nicht vorschnell alles in Gut und Böse unterteilen. Toleranz müsse man lernen – sie habe aber ihre Grenzen. „Wir müssen gegenüber der Intoleranz intolerant sein“, betont Gauck und nennt als Beispiel die im Islam noch verbreitete Zwangsverheiratung von Mädchen.

Wie soll man sich gegenüber Putin zeigen?

Intoleranz müsse man auch gegenüber dem russischen Präsidenten Putin zeigen. Mit Blick auf den Krieg in der Ukraine sagt Gauck: „Da gibt es ganz klar Täter und Opfer.“ Das habe man in Westeuropa nach dem Ende der Sowjetunion in den 1990er Jahren so nicht erwartet. Das rechtfertige aber kein Verständnis für Putin, wie es das auch in Deutschland von einigen Politikern gebe. Stattdessen müssten die Europäer die Ukraine weiter unterstützen. Denn Putins System beruhe auf der Unterdrückung des Einzelnen. „Eigentlich müssten wir mit den Ukrainern kämpfen“ – wegen der Angst vor einem dritten Weltkrieg passiere das aber nicht.

Was sagt Gauck über die AfD?

Gerade im Süden Deutschlands gibt es aus Gaucks Sicht eine gut funktionierende Zivilgesellschaft. Doch in den östlichen Bundesländern sei das anders. Die Ursache sieht er in den Jahrzehnten der DDR-Diktatur. Mit Blick auf die AfD sagt Gauck, dass er sie „für verzichtbar“ hält, auch wenn sie für besorgte Menschen wie ein „Rettungsanker“ mit ihren vermeintlich einfachen Lösungen sei. Man müsse sich mit ihr in Debatten auseinandersetzen. Gauck bezeichnet das als „kämpferische Toleranz“. Denn Toleranz bedeute nicht „allgemeines Wohlbefinden“. In Skandinavien und der Schweiz würde das gut funktionieren.

Alt-Bundespräsident über die Welt im Wandel

Unzufriedenheit, Enttäuschung, Angst und auch Wut – das alles kann dazu beitragen, dass Menschen extreme Positionen einnehmen in Zeiten von Krisen und Wandel. Auch in Deutschland wünschen sich viele Sicherheit – durch eine Autorität, die „endlich durchgreift“, sagt Gauck. Gerade 2015 und 2016, als hunderttausende Flüchtlinge kamen, hätten Politik und Medien aber weitgehend die Sorgen der hiesigen Bevölkerung ignoriert. „Die Repräsentanzlücke“ nennt Gauck das. Das habe sich inzwischen geändert. Gauck spricht sich in diesem Zusammenhang für eine „rationale Asyl- und Zuwanderungspolitik“ aus.

Was sagt gauck über das Thema Verantwortung?

„Wir müssen das verteidigen, was wir lieben“, sagt Joachim Gauck mit Blick auf die Freiheit. Das sei keine leichte Aufgabe, aber es lohne sich. Von der Politik bräuchten die Menschen dafür mehr Mut, Trost und Erklärungen. Gauck bezeichnet sich selbst als „Liebhaber der Freiheit“. Diese Liebe sei aber durchaus in Gefahr, sagt er auf Nachfrage von Moderator Uli Hagemeier, dem Redaktionsleiter der Allgäuer Zeitung. Von den Politikern in Deutschland erwarte er, dass sie den Menschen auch in schwierigen Zeiten Mut machen, betont Gauck. „Wir können auch in Vielfalt wir selbst bleiben“, ist der Alt-Bundespräsident überzeugt.

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