Kaufbeurer Geschichte

Als Kemnat bis an den Bodensee reichte

Die Burg Kemnat ist ohne Zweifel geschichtsträchtig und bildete Jahrhunderte lang das Zentrum einer ausgedehnten Adelsherrschaft. Der „Römerturm“ geht allerdings nicht auf die antiken Besatzer aus Italien zurück, sondern wurde erst im Mittelalter errichtet.

Die Burg Kemnat ist ohne Zweifel geschichtsträchtig und bildete Jahrhunderte lang das Zentrum einer ausgedehnten Adelsherrschaft. Der „Römerturm“ geht allerdings nicht auf die antiken Besatzer aus Italien zurück, sondern wurde erst im Mittelalter errichtet.

Bild: Mathias Wild

Die Burg Kemnat ist ohne Zweifel geschichtsträchtig und bildete Jahrhunderte lang das Zentrum einer ausgedehnten Adelsherrschaft. Der „Römerturm“ geht allerdings nicht auf die antiken Besatzer aus Italien zurück, sondern wurde erst im Mittelalter errichtet.

Bild: Mathias Wild

Demnächst erscheint der vierte Band der Kaufbeurer Stadtgeschichte, der den 1972 eingemeindeten Dörfern gewidmet ist. Was die Autoren herausgefunden haben.
17.01.2021 | Stand: 06:30 Uhr

Rund zehn Jahre hat es gebraucht, bis aus der Idee zu einem vierten Band der Kaufbeurer Stadtgeschichte nun demnächst ein gedrucktes Buch wird (wir berichteten). Voraussichtlich Anfang Februar erscheint das Werk, das der Historie der Stadtteile Hirschzell, Oberbeuren und Kemnat gewidmet ist. Ein langwieriges und aufwendiges Projekt, das sich jedoch gelohnt hat, wie die Kapitel zeigen, die der Allgäuer Zeitung bereits vor der Veröffentlichung vorliegen. So etwa die Darstellung der Ur- und Frühgeschichte sowie der Herrschafts- und Besitzstrukturen auf dem Gebiet der drei Dörfer bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Diese haben der 2018 verstorbene Karl-Maria Haertle sowie Andreas Weileder und Michael Haller fundiert aufgearbeitet.

Was der "Römerturm" mit den Römern zu tun hat

Der „Römerturm“ in Großkemnat und die umgebende Burganlage sind sicher die prominentesten Zeugen der langen und wechselvollen Geschichte der drei heutigen Stadtteile. Mit den Römern, wie man noch im vorigen Jahrhundert meinte, hat das Bauwerk jedoch nichts zu tun. Vielmehr stammt es aus dem Mittelalter. Funde römischer Münzen hat es zwar etwa in Oberbeuren gegeben. Sie sind allerdings nicht erhalten. So bleibt es, laut Weileder, nach wie vor Spekulation, ob die Römerstraße von Kempten nach Epfach eventuell von der Bergmangalpe über Oberbeurer Flur hin zum Freyberg bei Hirschzell (westlich der Mooshütte) geführt hat und ob Oberbeuren römische Siedlungswurzeln haben könnte. Die Tatsache, dass die dortige Pfarrkirche dem heiligen Dionysius geweiht ist und einiges mehr, deute jedenfalls auf eine sehr frühe Gründung des Dorfes hin – spätestens durch die Alamannen zwischen 500 und 600 nach Christus. Erstmals urkundlich erwähnt wird Oberbeuren als „Burun“ allerdings erst 1172. Im Althochdeutschen bezeichnet dieses Wort schlicht ein Haus oder später dann eine Ansammlung davon bis hin zur Stadt. Um es vom später von den Staufern gegründeten Kaufbeuren, ebenfalls „Buron“ genannt, abzugrenzen, bekam das Dorf aufgrund seiner Lage südlich („oberhalb“) der Stadt den Namen Oberbeuren.

Vorchristliche Kultustätte

Zeugnisse menschlicher Besiedlung im Raum Kaufbeuren gibt es freilich schon aus deutlich früherer Zeit. Auf dem bereits erwähnten Hirschzeller Freyberg finden sich etliche Wälle und Gräben, die zusammen mit dort gemachten archäologischen Funden für eine vielleicht schon steinzeitliche Siedlung sprechen. Auf dem Höhenrücken westlich der Wertach zwischen Oberbeuren und Märzisried gab es Funde aus der Hallstattzeit (800 bis 500 vor Christus) und aus der Latènezeit (500 bis 15 vor Christus). Die alte Flurbezeichnung „Weyherberg“ für den Bereich südlich des Hirschzeller Schlossberges könnte zudem für einen „Weiheberg“, eine vorchristliche Kultstätte, stehen.

Hirschzell erstmals 839 erwähnt

Auch in den schriftlichen Zeugnissen taucht Hirschzell relativ früh auf. Das Dorf, das wahrscheinlich als eine Außenstelle des Missionsklosters Osterzell gegründet wurde, ist 839 erstmals in einer Urkunde erwähnt, mit der Abt Tatto von Kempten dem kaiserlichen Kaplan Ratolf die klösterliche Filiale namens „Herilescella“ auf Lebenszeit überlässt. Die Bezeichnung hängt mit dem Wort „Herilin“ zusammen, das sich auf einen Familiennamen aber auch auf das Amt eines Ortsgeistlichen beziehen kann. Mit dem gleichnamigen Wildtier hat der Name Hirschzell dagegen nichts zu tun. So geschrieben wird der Ort erst ab dem 16. Jahrhundert.

Ungewöhnlich gut dokumentiert

Von 1188, aus der Zeit als die Herren von Apfeltrang in Kemnat eine Burg bauten, stammt die erste urkundliche Erwähnung dieses Stadtteils, und auch die Benennung hängt mit diesem Bauvorhaben zusammen. Denn mittelhochdeutsch wird mit „keminata“ oder auch „cheminata“ ein heizbarer Raum und damit im weiteren Sinne eine bewohnbare Befestigung bezeichnet. Diese Burg blieb über Jahrhunderte das Zentrum eines eigenen Herrschaftsgebietes, weshalb der Werdegang der damit unmittelbar verbundenen Dörfer auch ungewöhnlich gut in den Quellen dokumentiert ist. Die Kemnater Ortsgeschichte habe zudem „Bezüge zu den mächtigsten Akteuren des Reiches und bietet zahlreiche verschiedene Besitz- und Herrschaftstransaktionen“, schreibt Michael Haller. Auch in Hirschzell und Oberbeuren habe es zwischenzeitlich Herrschaftsinhaber mit entsprechenden (vermutlich) burgartigen Amtssitzen gegeben. Aber diese Dörfer gerieten relativ bald unter die Herrschaft und damit in den geschichtlichen Schatten der aufstrebenden Reichsstadt Kaufbeuren sowie der weiteren politischen Akteure in der Region: das Hochstift Augsburg, das Fürststift Kempten, das Reichskloster Irsee und eben die Herrschaft Kemnat.

Aufstieg in den Hochadel

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Diese geht auf die Herren von Ronsberg/Ursin (Irsee) zurück, denen im 11. und 12. Jahrhundert ein beeindruckender Aufstieg gelang. Höhepunkt war 1182 die Erhebung Heinrichs I. von Ronsberg zum Markgrafen. Doch bald nach diesem Schritt in den Hochadel starb die männliche Linie des Geschlechts aus. Zum Verwalter für den Besitz der Ronsberger wurden die Ritter von Apfeltrang bestimmt. Der um 1200 geborene Volkmar II. „sollte die Herrschaft Kemnat zu einem einflussreichen Bestandteil des Allgäus fortentwickeln“ – „mit einer stattlichen Burg im Zentrum“, zusätzlichen Ländereien am südlichen Ufer des Bodensees und einer bedeutenden Rolle im Herrschaftsgeflecht der Stauferkönige. Volkmars Nachfahren agierten weniger geschickt, sodass die Kemnater Herrschaft zunächst an die Herren von Ramschwang und dann an die Herren von Benzenau ging. Aus letzterem Geschlecht stammte auch Simprecht, der das Kemnater Territorium 1551 zu einem großen Teil an das Stift Kempten verkaufte. Die Kemnater Burg diente fortan nur noch als Verwaltungssitz.

Kontroverse Nachbarschaft

Zwischen den neuen, klösterlichen Herren des Kemnater Gebietes und der Reichsstadt Kaufbeuren entwickelte sich eine kontroverse Nachbarschaft, die immer wieder von juristischen und auch gewaltsamen Auseinandersetzungen geprägt war. Nicht umsonst ist im neuen Band der Stadtgeschichte ein eigenes Kapitel diesen „Streitigkeiten in Mittelalter und früher Neuzeit“ gewidmet. Diese endeten dann – wie viele andere Jahrhunderte andauernde Entwicklungen in Kaufbeuren und seinen heutigen Stadtteilen – abrupt, als die Region Anfang des 19. Jahrhunderts ins Königreich Bayern eingegliedert wurde. Am 1. Juli 1972 folgte die Eingemeindung von Kemnat, Oberbeuren und Hirschzell nach Kaufbeuren. Doch die Dörfer seien nicht einfach in der nun kreisfreien Stadt „aufgegangen, sondern immer noch als lebendige, abgrenzbare und – auch aufgrund ihrer langen Tradition – stolze Gemeinwesen vorhanden“, resümiert Autor Michael Haller. Das Erscheinen des neuen Stadtgeschichte-Bandes ist dafür ein weiterer Beweis.

Das Buch

Der vierte Band der Kaufbeurer Stadtgeschichte erscheint wiederum beim Bauer-Verlag in Thalhofen. Das reich bebilderte Buch hat 382 Seiten und kostet 32 Euro. Als Veröffentlichungstermin ist Anfang Februar angepeilt. Vorbestellungen beim Buchhandel und beim Verlag sind bereits möglich.