Streifzug

Am Kaufbeurer Tiefpunkt

Sommerserie ab ins Unterholz

Zum niedrigsten Punkt des Kaufbeurer Stadtgebietes muss man sich durchs Gestrüpp vorarbeiten. Von dort zum Neptunbrunnen im Zentrum führte der AZ-Streifzug.

Bild: Mathias Wild

Zum niedrigsten Punkt des Kaufbeurer Stadtgebietes muss man sich durchs Gestrüpp vorarbeiten. Von dort zum Neptunbrunnen im Zentrum führte der AZ-Streifzug.

Bild: Mathias Wild

Wer und was begegnet einem, wenn man vom niedrigsten Ort auf dem Gebiet der Wertachstadt ins Zentrum wandert? Ein Selbstversuch an einem Sommernachtmittag

31.07.2020 | Stand: 17:46 Uhr

Gar nicht übel für einen absoluten Tiefpunkt. Nachdem mich das GPS-Gerät zuletzt durch das Gestrüpp einer Aufforstung im lichten Wald geleitet hat, stellt sich ein umfassendes Naturerlebnis ein. Hier also irgendwo zwischen Baumstümpfen, dornigen Brombeerstauden, ganzen Feldern voller Binsen, die an Mini-Bambusse erinnern, und hoffnungsvoll in die Höhe strebenden Fichtenpflänzchen befindet sich der tiefstgelegene Punkt Kaufbeurens: 660 Meter über dem Meer. Doch schnell bekommt die Idylle Risse. Zum Rauschen der nahen Wertach, die hier geradezu wie ein Wildbach über die Stadtgrenze sprudelt, gesellt sich das bisweilen noch lautere Rauschen des Verkehrs auf der B 16. Als sich beim weiteren Weg entlang des Flusses das Gestrüpp etwas lichtet, ist die Zivilisation auf einen Schlag auch optisch wieder voll da. Die Autos auf der Bundesstraße schießen zischend vorbei, und darüber erhebt sich fast schon unwirklich ein Kieskoloss, aus dem Zylinder aus Beton ragen: die ehemalige Kaufbeurer Mülldeponie.

Menschengemachter Berg

Der menschengemachte Berg verschwindet wieder hinter dem satten Grün der Wertachau, der Wald entlässt mich auf eine frisch abgemähte Wiese. Daneben ebenfalls ein frisch aufgeforstetes Areal. Dessen Grenzpunkte sind mit Holzpfählen markiert. Wohl um sie zu erhöhen und besser sichtbar zu machen, haben die Besitzer einen Kochtopf oder auch den Handgriff eines Einkaufswagens aufgesetzt. Ein Trampelpfad führt zu einem weiteren Waldstück. Dort kündigen grüne Stahlpfähle, Maschendraht und zwei Reihen Stacheldraht dezent, aber unmissverständlich an, dass die Stadt mit ihren gut 45 000 Einwohnern ganz nah ist – hier vielleicht sogar so konzentriert wie kaum an einem anderen Ort Kaufbeurens. Es beginnt der lange Weg entlang des riesigen Areals der Kläranlage. Hier vermischt sich das Summen der Insekten mit dem ständigen Surren der Pumpen und Anlagen. Typischer Kläranlagen-Geruch setzt sich in der Nase fest, nicht penetrant, aber eben wahrnehmbar. Sechs Millionen Kubikmeter Abwasser werden hier pro Jahr gereinigt und anschließend in den Leinauer Kanal, einen Seitenarm der Wertach, entlassen.

Ein trauriges Bild

Doch der künstliche Wasserlauf auf der anderen Seite des Spazierweges gibt ein trauriges Bild ab. Er liegt derzeit fast ausgetrocknet da, und man kann die vielen Einlaufrohre und die Befestigung des Flussbettes mit Betonsteinen sehen. So trocken war der Sommer doch bisher nicht?, frage ich mich. Die Antwort lässt noch einige Hundert Meter auf sich warten. Zuerst aber kommt ein älterer Herr mit seinem Hund auf dem schmalen Pfad entgegen. Er gehe gerne hier spazieren, das Klärwerk störe ihn dabei nicht. Das sei ja schließlich wichtig und müsse auch irgendwo stehen. Dagegen hält er das nahe gelegene Gewerbegebiet Untere Au für „völlig überflüssig“. „Das sollten Sie mal schreiben“, gibt der Senior, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, dem wandernden Redakteur mit auf den Weg.

Des Rätsels Lösung

Eine Lücke im Gebüsch gewährt einen weiten Ausblick in die Wertachebene vom Leinauer Hang bis zum Leinauer Kirchturm. Auf einem Getreideacker bringt ein Mähdrescher staubend die Ernte ein. Auf der anderen Seite des Weges ragen in der Sonne strahlend die eiförmigen Faultürme der Kläranlage hoch in den wolkenlosen Himmel. Der lebhafte Verkehr auf der Buronstraße zeigt endgültig an, dass die Stadt erreicht ist. Dazu kommt Baustellenlärm, der des Rätsels Lösung bringt: Das Kolbwehr, wo der Leinauer Kanal von der Wertach abgeht, wird gerade umgebaut. Deshalb ist der abzweigende Kanal trockengelegt. Das Donnern der Bagger und Lastwagen ist auch im angrenzenden Wertachpark unüberhörbar. Eine große Familie mit osteuropäischen Wurzeln lässt sich davon aber nicht stören. Dichte Rauchschwaden wabern von ihrem Grill über das Freizeitgelände. Die Kinder toben auf den Spielgeräten, die Erwachsenen genießen die Sonne. Nebenan an der DAV-Kletteranlage nimmt eine Gruppe älterer Alpinisten die anstehende Route in Augenschein, ein großes Transparent macht auf den Klimawandel aufmerksam.

Beste Bedingungen für Weintrauben

Zwischen dem Wertachpark und den dicht gedrängten Einfamilien- und Reihenhäusern am Sonneneck bringt noch ein letzter Acker Stadt und Land zusammen. Sogar ein Hahn kräht aus irgendeinem Garten. Dann aber geht es hinein ins Wohnstraßengewirr. Die gefühlte Temperatur an diesem Sommertag steigt auf den Asphaltgehsteigen noch einmal deutlich an. Beste Bedingungen für die Weintrauben, die an einer Einfahrt in der Eggenthaler Straße in üppigen Laub wachsen. Ein Schild am Siebenkatzensteg warnt dagegen vor den winterlichen Gefahren für Fußgänger und Radfahrer auf der eleganten Metall-Hängebrücke.

Wie ein mahnender Finger ragt der Turm der Pfarrkirche Heilige Familie aus dem Häusermeer auf. Das moderne Gebäude einspricht zwar nicht gerade dem, was der barock geprägte Allgäuer von einer „Wallfahrtskirche“ erwartet. Aber nach Müllberg, Kläranlage und Wehrbaustelle tun Einkehr, Kunst und Kühle in dem beeindruckenden, aber leider oft übersehenen Kaufbeurer Gotteshaus gut. Die Nachkriegsmoderne hat halt einen schlechten Ruf – hier zu unrecht. Jede zweite Kirchenbank ist wegen der Corona-Abstandsvorschriften mit weißen Kordeln gesperrt. Die Pandemie ist auch an diesem ruhigen Sommernachmittag präsent – und sei es nur durch die weggeworfenen Schutzmasken, die allerorten zu finden sind. Am Ende der Wanderung werde ich elf Stück davon auf meinem Weg gezählt haben.

Zeitreise in wildem Wechsel

Der weitere Weg ist dann wie eine Zeitreise durch die Kaufbeurer Geschichte – und zwar im wilden Wechsel. Am Hofanger stechen die Schaufenster eines Tattoo-Studios heraus, während wenige Meter weiter altertümliche Häuserblocks mit Wandmalereien die Blicke auf sich ziehen. Die Schriftzüge und Wappen von „Brünn“, „Friedland“, „Karlsbad“ und „Falkenau“ sowie eine Familie in böhmischer Tracht grüßen von der Hauswand und erinnern an die Vertriebenen, die hier wohl die Erstbezieher waren. Ein Aha-Erlebnis am Webereck: Den dortigen Arbeiter-Wohnblock von 1908 habe ich von der Mindelheimer Straße schon öfters wahrgenommen. Aber vom Innenhof aus präsentiert sich das Gebäude im historisierenden Jugendstil noch beeindruckender.

Himmlisches und Irdisches

Ein aktuelles Beispiel von Wohnbaukultur folgt am Bettelsteigweg. Beim Blick über den Mühlbach reihen sich scheinbar unzählige weiße Kuben aneinander. Was wohl die Bauhaus-Baumeister dazu sagen würden, dass ihre schon vor 100 Jahren entwickelten Architekturprinzipien hier und heute wieder so fröhlich nachgeahmt werden? Nur durch eine Mauer getrennt, gewinnt plötzlich wieder das alte Kaufbeuren mit den Gebäuden der Espachmühle die Oberhand. Endspurt: Über die Josef-Landes-Straße führt der Weg ins Ur-Kaufbeuren. Aus der Martinskirche dringt Orgelmusik. Doch bei der Ankunft am Neptunbrunnen kommt wir weniger Himmlisches in den Sinn als vielmehr sehr Irdisches. Ein Kanaldeckel, der unter meinem Schuh poltert erinnert mich daran, dass auch die Abwasserleitung darunter irgendwie zurück zur Kläranlage führt – ganz in die Nähe des niedrigsten Punktes von Kaufbeuren.