Blick in die Geschichte

Am Kaufbeurer Verkehrsknotenpunkt stand einst ein Stadttor

So malte Andreas Schropp die Befestigungsanlagen am Kaufbeurer Spitaltor und die Kirche des Heilig-Geist-Spitals (rechts), die 1805 abgebrochen wurden. Ganz rechts sind das heute noch besehende Spitalgebäude und die Spitze des Sywollenturms zu erkennen.

So malte Andreas Schropp die Befestigungsanlagen am Kaufbeurer Spitaltor und die Kirche des Heilig-Geist-Spitals (rechts), die 1805 abgebrochen wurden. Ganz rechts sind das heute noch besehende Spitalgebäude und die Spitze des Sywollenturms zu erkennen.

Bild: Schwangart (Repro)

So malte Andreas Schropp die Befestigungsanlagen am Kaufbeurer Spitaltor und die Kirche des Heilig-Geist-Spitals (rechts), die 1805 abgebrochen wurden. Ganz rechts sind das heute noch besehende Spitalgebäude und die Spitze des Sywollenturms zu erkennen.

Bild: Schwangart (Repro)

Bilderchronist Andreas Schropp hat auch das 1805 abgerissene Spitaltor verewigt. Es befand sich dort, wo heute der Verkehr über die Spittelmühlkreuzung tost.
So malte Andreas Schropp die Befestigungsanlagen am Kaufbeurer Spitaltor und die Kirche des Heilig-Geist-Spitals (rechts), die 1805 abgebrochen wurden. Ganz rechts sind das heute noch besehende Spitalgebäude und die Spitze des Sywollenturms zu erkennen.
Von Helmut Lausser
21.02.2021 | Stand: 12:27 Uhr

Für Kaufbeuren ist die Tätigkeit des 1781 hier geborenen und lebenden Konditormeisters und Bilderchronisten Andreas Schropp ein einmaliger Glücksfall. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es noch keine Fotografie und keine gedruckten Ansichtskarten gab, hielt er mit Bleistift und Pinsel in über 300 farbigen Zeichnungen Bauwerke und Ereignisse in der Wertachstadt fest. Diese Bilderchronik gibt das Aussehen der Reichsstadt Kaufbeuren vor der Eingliederung in das Königreich Bayern anschaulich wider. Zu den Bauwerken, an die ohne Schropps Bilder und die Vogelschaudarstellungen Caspar Sichelbeins von 1580 und Ernst Tobias Hörmanns von 1699 keine bildhafte Erinnerung mehr bestehen würde, gehören insbesondere die abgebrochenen Tortürme der spätmittelalterlichen Stadtbefestigung. Eine der ältesten Darstellung der Schropp’schen Bilderchronik ist eine Abbildung des 1805 abgetragenen Spitaltores an der heutigen Spittelmühlkreuzung.

Erstmals 1333 urkundlich erwähnt

Das Spitaltor selbst ist anlässlich der Stiftung der großen, außerhalb der Stadtmauer gelegenen Mühle der Familie Ostermann an das Spital im März 1333 erstmalig genannt. Zu diesem Zeitpunkt war sein Erscheinungsbild allerdings noch ein völlig anderes. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts verlief die Ummauerung der von den Staufern um 1200 gegründeten und geplanten Stadt noch oberhalb des heutigen Rosentals vom Ringweg in gerader Linie nach Norden. Das östliche Ende der ursprünglichen Besiedelung des Stadtgebietes dokumentiert noch heute die um mehrere Meter zurückversetzte Häuserflucht des Rosentals gegenüber der Kaiser-Max-Straße. Das 1249 als Pilger- und Krankenhospiz von Albert Schleher und seine Gemahlin zu Ehren des Heiligen Geistes und des Apostels Bartholomäus gestiftete Kaufbeurer Spital war eine von Augustinereremiten betriebene klösterlich organisierte Einrichtung. Sie lag – auch aus Gründen des Seuchenschutzes – außerhalb der eigentlichen Stadt und wurde wenigstens zweimal im Zuge von Belagerungen Kaufbeurens völlig zerstört.

Zollschranke mit Schlagbaum

Auch wenn es zunächst außerhalb lag, so befand sich das Spital doch auf der der Stadt zugewandten Seite des Verteidigungsgrabens und des Mühlbachs. Wer aus der Stadt heraus zur „Langen Brücke“ über die Wertach wollte, hatte hier zuvor zwei weitere Brücken zu überqueren, die von der Stadt militärisch gesichert wurden. Zudem gab es hier eine durch vorgelagerte Mauern geschützte Zollschranke mit Schlagbaum.

Wartehalle für Fuhrwerke

Die von Andreas Schropp dargestellte Befestigungsanlage am Spitaltor entstand im Zuge der im 15. Jahrhunderts vorgenommenen Verstärkung der städtischen Verteidigungsanlagen mit den zum Teil heute noch erhaltenenen Wehrtürmen. Der über dem Durchlass des Spitaltores errichtete Turm mit Satteldach war vier Stockwerke hoch, trug zwei Kupferköpfe auf dem Dach und war von beiden Seiter her mit der Stadtmauer verbunden. Links neben dem Turm führte ein Treppenaufgang zum Wehrgang hinauf. Unklar bleibt allerding, ob der Turm mit dem Gebäude der Spitalkirche baulich verbunden war, da sich in diesem Punkt verschiedene Darstellungen Schropps unterschiedlich deuten lassen. Immerhin scheint der Chor des Spitalkirche in die Ummauerung der Stadt einbezogen gewesen sein. Anders als beim Kemnatertor war dem Spitaltor ein wesentlich größerer Vorraum angegliedert, eine Art Wartehalle für die am Tor abzufertigenden Fuhrwerke mit mindestens vier Fensterachsen in der Tiefe. Diesem Vorbau schloss sich seitlich das Häuschen mit der Torwächterwohnung an. Nur beim Torwächter des Spitaltores war es der Überlieferung nach möglich, gegen eine kleine Gebühr in die Stadt eingelassen zu werden, wenn die Stadttore am Abend schon geschlossen worden waren. Das auf dem Schroppbild im Vordergrund rechts sichtbare Tor stand nach der Abbildung Hörmanns zusammen mit dem Zöllnerhäuschen auf der Ostseite der Brücke über den Stadtgraben und nicht an der Brücke über den Mühlbach. Anders als sein westliches scheint dessen östliches Ufer im frühen 19. Jahrhundert noch nicht vermauert gewesen zu sein, da in einer ganzen Reihe von Abbildungen Schropps der Mühlbach an dieser Stelle als Pferdeschwemme ausgewiesen ist.

Artillerie-Beschuss wohl eine Legende

Die sichtbaren Schäden am Turm des Spitaltores scheinen allerdings nicht, wie man zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Kaufbeuren zu wissen glaubte, auf einen Beschuss durch schwedische Artillerie unter Oberst Montgomery im Dreißigjährigen Kriege zurückgegangen zu sein, da der einzige Artilleriebeschuss dieser Jahre nach Aussage der Klosterchronik von der Kemnater Höhe her und durch kaiserliche Truppen erfolgte. Vielmehr scheinen die Verfallsspuren an Mauern und Türmen ihren Grund in der vom bayerischen Stadtkommissar Weber 1803 festgestellten baulichen Vernachlässigung der Stadtbefestigung gehabt zu haben. Schließlich hatten die Kaufbeurer angesichts der gesunkenden Bedeutung der mittelalterlichen Verteidigungsanlagen für den Schutz der Stadt die anfallenden Reparaturen aus Kostengründen schon seit Jahrhunderten auf die lange Bank geschoben.

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Es verwundert darum nicht, dass der Abbruch des Spitaltores und der Stadtmauer vom heutigen Stadttheater bis zum Sywollenturm bereits drei Jahre nach der bayerischen Übernahme Kaufbeurens genehmigt und vorangetrieben wurde. Schon vor 1810 wurde anstelle der 1807 abgetragenen Stadtmauer das klassizistische Walmdach-Anwesen Rosental 14 errichtet. Bis zur Entstehung der heutigen Spittelmühlkreuzung sollte es aber noch über 100 weitere Jahre dauern, da der südliche Stadtgraben erst verfüllt werden musste. Auf ihm wurde die Straße von Mindelheim nach Füssen um die Innenstadt herumgeführt, die sich seitdem vor dem alten Spitaltor mit der früheren Verbindung von Augsburg nach Kempten kreuzt.

Literatur: Jürgen Kraus und Stefan Fischer (Herausgeber): „Eine Liebe in Bildern. Die Kaufbeurer Ansichten des Konditormeisters Andreas Schropp“, Verlage Schwangart und Bauer, Kaufbeuren und Thalhofen 1997. Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.