Auszeichnung

Initiator und Motor moderner Psychiatrie

Prof. Dr. med. Michael von Cranach war ausschlaggebend für die Aufarbeitung der Euthanasie während des NS-Regimes in Bayern. Außerdem hat er die psychiatrische Versorgung im Allgäu über lange Zeit maßgeblich geprägt.

Prof. Dr. med. Michael von Cranach war ausschlaggebend für die Aufarbeitung der Euthanasie während des NS-Regimes in Bayern. Außerdem hat er die psychiatrische Versorgung im Allgäu über lange Zeit maßgeblich geprägt.

Bild: Mathias Wild (Archiv)

Prof. Dr. med. Michael von Cranach war ausschlaggebend für die Aufarbeitung der Euthanasie während des NS-Regimes in Bayern. Außerdem hat er die psychiatrische Versorgung im Allgäu über lange Zeit maßgeblich geprägt.

Bild: Mathias Wild (Archiv)

Prof. Dr. med. Michael von Cranach erhält für seine zahlreichen Verdienste die Bezirksmedaille. Er konzipierte die Euthanasie-Ausstellung "In memoriam".
04.11.2021 | Stand: 11:50 Uhr

Weil er sich um die Weiterentwicklung der psychiatrischen Versorgung und um die Aufarbeitung der Verbrechen der Euthanasiemorde an psychisch kranken Menschen während der NS-Zeit verdient gemacht hat, wurde Prof. Dr. med. Michael von Cranach im Rahmen der jüngsten Sitzung des schwäbischen Bezirkstags die Bezirksmedaille verliehen. Von 1980 bis 2006 war der 80-Jährige Leitender Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses (BKH) Kaufbeuren.

Der „Bericht über die Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik Deutschland“ , den der Bundestag 1975 in Auftrag gegeben hatte, empfahl unter anderem die Förderung von Beratungsdiensten und Selbsthilfegruppen, eine gemeindenahe Versorgung, die Umstrukturierung der großen psychiatrischen Krankenhäuser sowie die Gleichstellung somatisch und psychisch Kranker.

Bezirkstagspräsident Martin Sailer (links) überreichte Prof. Dr. med. Michael von Cranach die Bezirksmedaille.
Bezirkstagspräsident Martin Sailer (links) überreichte Prof. Dr. med. Michael von Cranach die Bezirksmedaille.
Bild: Elisabeth Heisig

Als Ärztlicher Direktor Initiator und Motor

Für deren Umsetzung in Schwaben war von Cranach als Leitender Ärztlicher Direktor entscheidender Initiator und Motor, heißt es in Pressemitteilung der Bezirks. Auf sein Betreiben hin wurde die empfohlene Dezentralisierung und Reformen am BKH Kaufbeuren durch Gründungen der BKH Kempten (1986) und Memmingen (1994) sowie der Tagesklinik Lindau (1992) umgesetzt.

Auch wurden eine psychiatrische Familienpflege, ambulante Dienste und Wohnheime für psychisch kranke Menschen in Kaufbeuren und Umgebung gegründet, damals als Teile des BKH und heute des Unternehmensbereichs „Wohnen und Fördern“ der Bezirkskliniken. Beteiligt war von Cranach auch an der Einführung von Projekten wie der „Blauen Blume“, die seit 2002 eine gemeindenahe Versorgung älterer Menschen mit psychischen Erkrankungen ermöglicht.

Würde psychisch kranker Menschen stets im Zentrum seines Wirkens

„Herr von Cranach hat innerhalb und außerhalb der Klinik ein neues Verständnis der Rollen von Patientinnen und Patienten, Angehörigen und Therapeutinnen und Therapeuten gefördert, weg von einem paternalistischen Verständnis psychiatrischer Therapie hin zu einem gleichgestellten Trialog auf Augenhöhe“, so Bezirkstagspräsident Martin Sailer. „Die individuellen Bedürfnisse, die Freiheitsrechte und die Würde psychisch kranker Menschen standen und stehen stets im Zentrum seines Denkens und Wirkens.“

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"Lichter gegen das Vergessen" für Opfer der NS-„Euthanasie“

Dies zeige auch von Cranachs Einsatz für die Aufklärung, wissenschaftliche Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit den „Euthanasie“-Krankenmorden während der NS-Zeit – nicht nur am Standort Kaufbeuren, sondern weltweit. Er erforschte die Geschichte der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt und ihre Rolle im Rahmen der Krankenmorde. Heute befindet sich im BKH Kaufbeuren eines der bedeutendsten Historischen Archive mit etwa 25 000 Akten zum Krankheitsverlauf von nahezu allen Patientinnen und Patienten, die zwischen 1849 und den 1950er Jahren dort behandelt wurden. (Lesen Sie auch: Lichter gegen das Vergessen - Für Opfer der NS-"Euthanasie")

Ausstellung über NS-Verbrechen: "In memoriam" weiltweit beachtet

Die Veröffentlichung seiner Ergebnisse setzte eine Aufarbeitung der NS-Verbrechen in allen bayerischen Psychiatrien in Gang, zudem konzipierte er die weltweit beachtete Ausstellung „In memoriam“ über die Euthanasiemorde in der Zeit der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Mit seinem bis heute andauernden Engagement für Aufklärung und Erinnerungskultur erwarb sich von Cranach auch international hohes Ansehen.

Beim Deutschen Ärztetag 2021 wurde von Cranach für seine Verdienste die Paracelsus-Medaille verliehen, die höchste von diesem Gremium zu vergebende Auszeichnung. Nun erhielt von Cranach mit der Bezirksmedaille die höchste Auszeichnung, die der Bezirk Schwaben zu vergeben hat.

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