Das Buch:

Bodenständiger Beobachter

Lesung Theo Waigel erläutert im Kaufbeurer Stadttheater einfach und authentisch seine Sicht der Dinge
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Von Klaus Thiel
10.05.2019 | Stand: 15:38 Uhr

Am Ende seiner Lesung im voll besetzten Kaufbeurer Stadttheater ging Theo Waigel auf die aktuelle Weltpolitik ein. Der ehemalige Bundesfinanzminister stellte seine Sicht der Dinge zum Brexit, zur umstrittenen Gas-Pipeline aus Russland, zum Dieselskandal und zur „Pegida“-Bewegung dar. Wie schon den ganzen Abend über erläuterte er Fakten und Hintergründe und wirkte dabei stets überzeugend und ehrlich. Ehrlichkeit sei in seinem privaten wie auch im politischen Leben das Mantra seines Wirkens, betonte der 80-Jährige. Deshalb hat er seiner kürzlich erschienene Autobiografie auch den Titel „Ehrlichkeit ist eine Währung“ gegeben.

Simone Page, Kaufbeurer Filialleiterin der Buchhandlung Edele, die die Lesung veranstaltete, hatte in ihrer Begrüßung den Werdegang des in Oberrohr bei Krumbach geborenen und auf einem Bauernhof aufgewachsenen Waigel vorgestellt. Dann folgte eine faszinierende Geschichtsstunde, bei der der „Macher“ des Euro und Mitgestalter der deutschen Einheit geschickt dafür sorgte, dass die (welt-)poltitische Bühne gar nicht mehr so groß und unnahbar wirkte. Verblüffend, ja faszinierend einfach schildert er seine Erinnerungen. Wenn er von den Seiten seines Buches aufsah und in freier Rede fortfuhr, war kein Unterschied in der Formulierung und Betonung erkennbar. Wie Waigel schreibt, so spricht er auch. Seine Sprache wirkte bisweilen kühl und sachlich nüchtern, war aber stets treffend und kam ganz ohne Worthülsen aus. So zeugte Waigels Lesung von seiner charakterlichen Bodenständigkeit und Beharrlichkeit, die ihn auch bei aufwühlenden Ereignisse nach außen hin gelassen wirken lassen. Waigel befasst sich in seinen Erinnerungen auch ausführlich mit dem Begriff „Heimat“, geht auf seine Herkunft und sein späteres globalen Wirken ein, „Vom Dorf in die Welt“, ist das entsprechende Kapitel betitelt. Neben seinem Geburtsort Oberrohr sei für ihn Seeg zu einer zweiten Heimat geworden, wo er mit seiner zweiten Frau, der früheren Skirennläuferin Irene Epple, lebt. „Ohne Irene wäre mein Leben trostlos geworden“, bekanntge er freimütig. Für Heiterkeit im Publikum sorgen seine Anekdoten über die Begegnungen mit den Großen der politischen Welt, seien es die nationalen Größen wie Strauß, Kohl und Schäuble oder auch Gorbatschow und Schewardnadse. Dabei seien es die kleinen Dinge, die Großes bewirkten, sagte Waigel.

Nach viel Geschichte und vielen Geschichten, die er in seinem Werk durchaus vergnüglich aufgeschrieben hat, verriet Waigel noch seine Lebensmaxime: „Ich möchte in keiner anderen Zeit leben als im Jetzt.“