Kaufbeuren

Der Gewinner ist – abgekratzt

Zwischen-Raum-Projekt Zum Abschluss der mehrmonatigen Stadtgalerie in Kaufbeurer Schaufenstern vergibt der Kulturring Preise. Das Siegerwerk von Rainer Hahn macht dem Konzept der Aktion alle Ehre
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Von Martin Frei
19.10.2019 | Stand: 18:54 Uhr

Das Temporäre als Konstante – rund fünf Monate lang galt dieser Grundsatz in der Kaufbeurer Altstadt. Der Kulturring hatte Kunstschaffende dazu eingeladen, leer stehende Schaufenster und Geschäfte auf Zeit mit ihren Werken und Aktionen zu bespielen. Nach drei Ausstellungsphasen, bei denen insgesamt 40 Künstler ihre Werke an zahlreichen Orten im Zentrum der Wertachstadt ausgestellt oder auch geschaffen haben, war es nun an der Zeit, Preise zu verleihen. In den früheren Geyrhalter-Geschäftsräumen in der Kaiser-Max-Straße, einem der Brennpunkte der „Zwischen-Raum“-Aktion, wurde ein Werk zum Sieger gekürt, das dem Konzept der Aktion alle Ehre macht: Rainer Hahns „Gravitationswellen“.

Den mit 1500 Euro dotierten ersten Preis erhielt der aus Kaufbeuren stammende und jetzt in München tätige Künstler und Kunsterzieher für eine Arbeit, die er eigens für das Kulturring-Projekt entwickelt hat. In mehreren Arbeitsphasen gestaltete er ein leeres Schaufenster in der Ledergasse 10. Hahn beklebte es mit Ausschnitten aus fotografischen Schnappschüssen, die er etwa am Kaufbeurer Bahnhof oder im Jordanpark gemacht hat. Diese wurden malerisch überarbeitet und die dargestellten Personen und Gegenstände mit vielfachen Umrisslinien, den namensgebenden „Gravitationswellen“, umgeben. Hahn habe das Thema Leere „auf ganz poetische, zauberhafte Weise behandelt“, heißt es in der Begründung der Jury.

Dieser gehörten Stadtmuseumsleiterin Petra Weber und der Ruderatshofener Künstler Christian Hörl an, die nun auch die Preise überreichten. Weitere Mitglieder waren der Kunstpädagogik-Professor Oliver Reuter, Jan T. Wilms, Direktor des Kaufbeurer Kunsthauses, und Harry Vogel vom Kulturring-Beirat. Hahn zeigte sich überrascht davon, dass trotz des Tänzelfest-Trubels während der letzten Arbeitsphase an seinem Werk doch viele Passanten stehen geblieben seien, um es zu betrachten. „Es hat mir Spaß gemacht“, berichtete der Künstler. Am Ende der Ausstellungszeit Mitte Juli kratzte Hahn dann das komplette Werk wieder von der Scheibe und zerstörte es damit unwiederbringlich. Doch auch das habe zum Konzept des Projektes und damit auch zu seiner Arbeit gehört.

Den zweiten Preis teilen sich die Schwestern Sharon und Priska Engelhardt (jeweils 750 Euro). Sie stammen aus Kaufbeuren, studieren Kunst und absolvieren derzeit ihre Auslandssemester in der Slowakei und in der Türkei, weshalb ihr Vater Karl Engelhardt die Auszeichnung entgegennahm. Sharon Engelhardt überzeugte mit ihrer Installation „I have nothing to wear“ (Ich habe nichts anzuziehen). Sie füllte ein Schaufenster mit Jeans-Hosen, die den Eindruck erweckten, dass sie gerade erst ausgezogen wurden. Dabei habe die Jury der reizvolle Gegensatz zwischen Leere und Überfluss und die darin implizierte Konsumkritik angesprochen. „You take my breath away“ (Du nimmst mir den Atem) hieß die prämierte Arbeit von Priska Engelhardt: Vogelmodelle aus Ton, die in Vakuumbeuteln aus Plastik eingeschweißt sind. Für die Künstlerin ein Symbol dafür, was passiert, „wenn einer Stadt die Luft zum Atmen fehlt“, für die Jury eine „sehr ästhetische“, aber gleichzeitig „irritierende“ Umsetzung der „Zwischen-Raum“-Thematik. Vater Karl Engelhardt sieht in der Auszeichnung eine „große Ermutigung“ für den weiteren künstlerischen Weg seiner Töchter. „Ich bin einfach happy“, sagte er. Sichtlich glücklich mit seinem dritten Preis (500 Euro) war auch Moritz Vodermeier. Der aus Marktoberdorf stammende Filmer und Fotograf hatte die Stadtgalerie mit großformatigen, eindringlichen Porträts bereichert. Geschaffen hat er diese in der Ambrotypie-Technik, einem fotografischen Verfahren, das vor rund 170 Jahre entwickelt wurde. Dabei mussten die abgelichteten Personen, die schwere Schicksalsschläge hinter sich haben und sich deshalb in einem Zwischenraum von Leben und Tod befanden, nicht weniger als acht Sekunden für die Belichtung stillhalten. Dadurch entsteht eine „unglaubliche Tiefe der Bilder“, die auch die Jury beeindruckt hat. Vodermeier sieht seine aufwendig produzierten Werke als einen Versuch, Bildern in Zeiten der digitalen Bilderflut „wieder Wert zu geben“. Er finde es „unglaublich“, dass er mit seinem Kunstkonzept bei der Jury „auf Gehör gestoßen“ ist.

Manfred Knoll vom Kulturring-Vorstand überreichte den Publikumspreis. 382 Betrachter der Stadtgalerie sind dem Aufruf gefolgt, ihr Lieblingswerk auszusuchen und dies mittels Stimmzettel oder im Internet kundzutun. Die mit 500 Euro dotierte Auszeichnung ging schließlich an Bertram Maria Keller für sein Streetart-BMK-Projekt. Der Marktoberdorfer sprühte unter anderem Graffitis auf Pappe und Porträts auf übermalte Leinwände. Mit seinen Werken füllte er nicht nur Schaufenster und Räume in der Kaiser-Max-Straße 15, sondern veranstaltete Performances mit Livemusik, die auch viele zufällige Passanten an seine Kunst heranführten. Dieser direkte „Kontakt mit der Öffentlichkeit“ sei ihm sehr wichtig gewesen, berichtete er.

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Ganz zu Ende sei das „Zwischen-Raum“-Projekt mit der Preisverleihung noch nicht, sagte Knoll und verwies auf die weiteren Programmpunkte(siehe Info-Kasten). Er nutzte aber die Gelegenheit, bereits den Eigentümern der betreffenden Geschäftsräume für ihre Offenheit und Kooperation sowie dem Kulturring-Team, insbesondere Daniel Herrmann, für ihren großen Einsatz zu danken.