Kaufbeuren

Der vergessene Prozess

Geschichte Dietmar Schulze hat die juristische Aufarbeitung der Krankenmorde in Kaufbeuren und Irsee vor 70 Jahren dokumentiert
Von Elisabeth Klein
18.02.2020 | Stand: 14:30 Uhr

Während des Nazi-Regimes war die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee Teil eines schrecklichen Kapitels deutscher Geschichte. „Das ist, wo sie’s umbringen“, antwortete 1945 ein von amerikanischen Soldaten wahllos in der Stadt befragter zwölfjähriger Junge auf die Frage nach dem großen Krankenhauskomplex. Vier Jahre später verhandelte das Schwurgericht beim Landgericht Augsburg gegen den ehemaligen ärztlichen Direktor, Dr. Valentin Faltlhauser, gegen zwei Krankenschwestern, einen Pfleger und einen Verwaltungsangestellten wegen ihrer Verstrickung in die nationalsozialistischen Patientenmorde. Schon bald nach der Urteilsverkündung geriet dieser „Euthanasie“-Prozess jedoch in Vergessenheit. Rund 70 Jahre später hat der Leipziger Historiker Dr. Dietmar Schulze das Verfahren aufgearbeitet und analysiert. Die Ergebnisse fasste er im Buch „Auch der Gnadentod ist Mord“ zusammen, das in der Schriftenreihe des Bildungswerks des Bayerischen Bezirketags erschienen ist. Im Zuge der Ausstellung „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Eine Stadt geht auf Spurensuche“ stellten Autor und Herausgeber das Werk im Stadtmuseum Kaufbeuren der Öffentlichkeit vor.

Schulze nannte als wichtigste Quellen bei seinen Recherchen die Veröffentlichungen in den rund 30 bayerischen Tageszeitungen, wovon die „Schwäbische Landeszeitung“ (heuteAugsburger Allgemeine) mit 13 Beiträgen noch vor der lokalen Presse stand. „Der Allgäuer“ widmete dem Prozess neun umfangreiche Berichte und titelte unter anderem „Kaufbeurer Euthanasie-Prozess hat begonnen“ und „Die Behandlung von Reichsausschusskindern“. Dabei diente die Krankenakte des mit 13 Jahren umgebrachten Ernst Lossa der Staatsanwaltschaft als Präzedenzfall. Gleich am ersten Verhandlungstag am 8. Juli 1949 wurde Faltlhauser dazu zitiert: „Der muss weg!“ Auch die Vernehmung des Pflegers Paul Heichele wurde mit Spannung erwartet. Faltlhauser präsentierte sich, laut Schulze, bei der Gerichtsverhandlung als Arzt in einer Zwangslage, der nur das Beste für seine Patienten gewollt und aus „Mitleid“ gehandelt habe. Die von ihm entwickelte E(ntzugs)-Kost verharmloste er vor Gericht als „Einfache Kost“. Diese sei eine Reaktion auf den kriegsbedingten Mangel an Lebensmitteln gewesen und kein Mittel, um die Psychiatrie-Patienten systematisch verhungern zu lassen.

Das Augsburger Schwurgericht bestand aus drei Richtern und zwölf Geschworenen. Die Urteile fielen nach Schulzes Einschätzung ungewöhnlich mild aus: Faltlhauser erhielt wegen Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag in mindestens 300 Fällen eine Gefängnisstrafe von drei Jahren. Für die Pflegerinnen Mina Wörle und Olga Rittler betrug das Strafmaß wegen Beihilfe zum Totschlag 18 und 21 Monate. Pfleger Heichele wurde mit einem Jahr bestraft, wobei ihm und Wörle bereits die Internierungshaft angerechnet wurde und damit die Strafe als verbüßt galt. Georg Frick, Verwaltungsleiter der Heil- und Pflegeanstalt, wurde freigesprochen. Faltlhauser und Rittler blieben wegen Haftunfähigkeit trotz Verurteilung in Freiheit.

Auch wenn die Tageszeitungen von „Nichts als nackter Mord“ und „Verrohung der Sitten“ („Schwäbische Landeszeitung“) sprachen, war doch auch von einer „Tragik des Rechts“ zu lesen, wegen der die Urteilssprüche keiner Seite gerecht werden konnten. Das Interesse der Bevölkerung an dem Prozess sei vier Jahre nach Kriegsende gering gewesen, sagte Schulze: „Aus Desinteresse wurde Ablehnung, viele wollten nicht mehr mit Kriegsereignissen konfrontiert werden.“

Dass das Töten der Patienten auch dann noch anhielt, als die amerikanischen Soldaten in Kaufbeuren einmarschiert waren, lag laut Schulze nicht zuletzt an einem Schild an der Klinik, das auf die dortige Typhus-Gefahr hinwies. Der Vermutung, dass die milden Urteile etwas damit zu tun haben, dass die Richter im Strafprozess der Hitler-Ideologie anhingen, verneinte Schulze. Die beteiligen Juristen seien während der NS-Zeit sogar teilweise mit Berufsverboten belegt gewesen.

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Dr. Stefan Raueiser, der Leiter des Bildungswerks des Bayerischen Bezirketags, zitierte abschließend aus dem Dokumentarstück „Nebel im August“ von John von Düffel, das auf dem Roman des Irsees Robert Domes basiert. Weite Teile der Bevölkerung seien damals der Auffassung gewesen, dass die Täter „rechtens und aus Mitleid gehandelt“ hätten. Raueiser würdigte die gründliche Recherche des Autors und das Engagement der weiteren Beteiligten sowie des Mitherausgebers und Vorstandsvorsitzenden der Bezirkskliniken Schwaben, Thomas Düll. Dieser habe dazu beigetragen, dass die Geschichte des eigenen Hauses schonungslos dargestellt werden konnte.