Häusliche Gewalt

"Eine schnelle Aufnahme ist so gut wie unmöglich"

Opferverbände befürchten, dass Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zu mehr häuslicher Gewalt führen. In vielen Familen steigt der Stresslevel.

Opferverbände befürchten, dass Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zu mehr häuslicher Gewalt führen. In vielen Familen steigt der Stresslevel.

Bild: Maurizio Gambarini, dpa (Symbolbild)

Opferverbände befürchten, dass Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen zu mehr häuslicher Gewalt führen. In vielen Familen steigt der Stresslevel.

Bild: Maurizio Gambarini, dpa (Symbolbild)

Betroffene finden auch während der Pandemie Zuflucht im Frauenhaus Kaufbeuren-Ostallgäu. Doch Corona erschwert die Arbeit der Helferinnen zusätzlich.
02.02.2021 | Stand: 07:00 Uhr

Opferverbände warnen, dass im Lockdown das Aggressionspotenzial in Familien steigen könnte und Ausgangssperren zu einem Anstieg von häuslicher Gewalt führen. Wie die Situation in Kaufbeuren und dem Ostallgäu aussieht, darüber hat die AZ mit Diplom-Sozialpädagogin Katja Mann, Leiterin des Frauenhauses Kaufbeuren-Ostallgäu, gesprochen.

Haben sie in den letzten zehn Monaten mehr Hilferufe erhalten als vor der Pandemie?

Katja Mann: Im Vergleich zum Vorjahr beispielsweise haben wir einen leichten Anstieg an Anfragen zur Aufnahme im Frauenhaus zu verzeichnen. Während es in 2019 105 Hilferufe gab, ist die Zahl der Anfragen zur Aufnahme ins Frauenhaus im Jahr 2020 auf 109 gestiegen, also kein großer Anstieg an Hilfegesuchen. Was sich allerdings in der Pandemie verändert hat, ist das Prozedere der Aufnahme, das zum Schutz der Frauen und Kinder mit hohen Sicherheitsvorschriften belegt wurde und eine schnelle Aufnahme so gut wie unmöglich macht.

Deutlich weniger Frauen können aufgenommen werden

Dadurch konnten im Vergleich zum Vorjahr deutlich weniger Frauen aufgenommen werden, da die Quarantäneregelungen eine zeitliche Entzerrung der Aufnahmen vorschreiben.

Wie gehen Sie mit der Situation um?

Mann: Die Situation war zu Beginn der Pandemie für alle Mitarbeiterinnen eine hohe Belastung.

Angespannte Situation für alle

Wenn man in einer systemrelevanten Einrichtung wie dem Frauenhaus arbeitet und gleichzeitig mit einer großen Unsicherheit in Bezug auf die gesundheitliche Situation von Bewohnerinnen und Kolleginnen umgehen muss, gleichzeitig viele neue Vorschriften den Alltag erschweren und die belasteten Klientinnen und deren Kinder unter der zusätzlich angespannten Coronasituation leiden, sind das auf jeden Fall nervliche Belastungen. Wir haben aber glücklicherweise bisher das Frauenhaus komplett coronafrei halten können und hoffen, dass das auch weiter gelingt.

Hat das Frauenhaus Kaufbeuren genügend freie Plätze, um allen Betroffenen, die sich an Sie wenden, helfen zu können?

Mann: Das Hauptproblem im Frauenhaus Kaufbeuren-Ostallgäu ist die bauliche Beschaffenheit.

Quarantänemaßnahmen schwer umzusetzen

Dadurch, dass die Frauen in einer Art Wohngemeinschaft mit gemeinsamer Benutzung von Bad und Küche untergebracht sind, sind Quarantänemaßnahmen nur mit hohem Aufwand durchzuführen. Da würden im Endeffekt mehr Zimmer alleine nicht genügen, um zu Coronazeiten zügig aufnehmen zu können. Im ersten Lockdown hat das Frauenhaus mit Unterstützung der Stadt Kaufbeuren und dem Landratsamt Ostallgäu nach zusätzlichen Wohnmöglichkeiten gesucht, welche wir dann doch nicht benötigt haben.

Beratung deutlich stärker gefragt

Den Frauen, die abgewiesen werden mussten, versuchen die Sozialpädagoginnen, telefonische Beratung oder Beratung per E-Mail anzubieten, was in 2020 deutlich häufiger in Anspruch genommen wurde. Auch vermitteln wir an Frauenhäuser im Umkreis, die noch einen Platz frei haben. Auch unsere Ehrenamtlichen im telefonischen Rufdienst sind wichtige Ansprechpartnerinnen.

Das Frauenhaus ist rund um die Uhr erreichbar unter der Telefonnummer 08341/166 16.