Mobilität Kaufbeuren

Es hat Zoom gemacht - wenn Autos zu leise sind

Strom Tanken in der Tiefgarage Gersthofen

Sogar das Tanken ist leiser als bei einem Benziner. Aber für manche Verkehrsteilnehmer ist die Geräuschlosigkeit auch ein Problem.

Bild: Marcus Merk (Symbolbild)

Sogar das Tanken ist leiser als bei einem Benziner. Aber für manche Verkehrsteilnehmer ist die Geräuschlosigkeit auch ein Problem.

Bild: Marcus Merk (Symbolbild)

Geräuscharme oder E-Fahrzeuge sind für einige Verkehrsteilnehmer ein Problem. Die Politik will reagieren.
05.01.2022 | Stand: 11:00 Uhr

„...und es hat Zoom gemacht“, so beschreibt eine AZ-Leserin die Begegnung mit einem E-Auto. Sie habe ja kein Problem damit, dass die Fahrzeuge so leise sind, sagt die AZ-Leserin, aber ihr Pferd schon. Denn die Frau saß auf dem Rücken des Tieres, als das Auto auf einem breiten Ziehweg vorbeifuhr und ihr Pferd erschreckt wurde. Leise sei ja gut, aber zu leise nicht, meint die Frau. Ein weiterer Leser sieht das ähnlich: Er schaue zwar immer nach links und rechts, doch beim erneuten Blick nach links sei sein Puls in die Höhe gegangen und er nach hinten gestolpert. Denn da sei nun ein Auto gewesen.„Wenn man ein Fahrzeug einfach nicht hört, erschrickt man schon. Ein bisschen mehr Krach darf es dann schon sein“, meint der Mann.

In der Branche schon lange ein Thema

Das Thema sei bislang im Landratsamt Ostallgäu nicht bekannt – zumal die Behörde für die Lautstärke von E-Mobilen auch nicht zuständig sei, teilt sie mit. „Die Problematik ist bei uns im Haus als solche nicht bekannt“, erklärt auch Tobias Müller, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Stadt Kaufbeuren. Aber Müller verweist auf technische Verfahren, um eine gewisse Geräuschkulisse zu erzeugen: „In der Automobilbranche ist das seit Jahren ein Riesenthema, da vor allem Blindenverbände dafür kämpfen, dass die Fahrzeuge hörbar sind.“

Handicap für Blinde und Sehbehinderte

So schreibt der Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden: „Nach Studien amerikanischer Verkehrsbehörden sind elektrische Fahrzeuge zu 37 Prozent öfter in Unfälle mit Fußgängern verwickelt als ihre konventionell betriebenen Pendants. Fußgänger können ein elektrisch betriebenes Auto erst akustisch wahrnehmen, wenn es weniger als acht Meter entfernt ist, was bei einer Geschwindigkeit von 20 km/h einer Zeitspanne von eineinhalb Sekunden bis zum Aufprall entspricht.“

Akustische Signale gefordert

Deshalb machen sich der Verein und andere Institutionen für akustische Signale von E-Autos oder geräuscharmen Fahrzeugen stark. Denn diese seien für viele Verkehrsteilnehmer notwendig: „Diese Gruppe beinhaltet Kinder, Fahrradfahrer, ältere und unaufmerksame Verkehrsteilnehmer und insbesondere blinde und sehbehinderte Fußgänger, für deren sichere räumliche Orientierung im Straßenverkehr Geräusche unabdingbar sind“, warnt der Blinden- und Sehbehindertenverein. Und von solchen Signalen können auch Tiere und ihre Halter profitieren, erklärt Müller. Laut dem bayerischen Verkehrsministerium habe die Politik auch schon reagiert: „Die Problematik, dass Elektrofahrzeuge aufgrund ihres geringen Fahrgeräusches schlecht akustisch wahrgenommen werden können, ist nicht neu“, teilt ein Sprecher mit.

Verordnung der EU

Die Europäische Union habe deshalb bereits 2014 die europaweit gültige entsprechende Verordnung über den Geräuschpegel von Kraftfahrzeugen verabschiedet. „Aufgrund dieser Verordnung müssen neue Elektro- oder Hybridfahrzeugtypen seit 1. Juli 2019 und alle neuen Elektro- und Hybridfahrzeuge seit 1. Juli 2021 mit einem System zur akustischen Warnung (Acoustic Vehicle Alerting System/kurz AVAS) ausgestattet werden“, teilt das Ministerium weiter mit.

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Ob das ausreichend ist, wird die Praxis zeigen – in den Fällen der beiden AZ-Leser war das wohl noch nicht so. Zumal die Pressestelle des Kraftfahrt-Bundesamtes erklärt: „Eine Nachrüstung für bereits im Verkehr befindliche Fahrzeuge ist nicht verpflichtend.“

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