Jugendhilfe

Familien am Limit

Konradinschule Zaun, Kinder haben am Zaun der Konradinschule Zettel mit Wünschen aufgehängt.

Während der Schließungszeit haben die Schulsozialarbeiterinnen am Zaun der Konradin-Grundschule eine Mitmach-Galerie eingerichtet. Jeden Tag haben Kinder neue Kunstwerke abgegeben, die sie zu Hause gemalt hatten. Viele haben Nachrichten an ihre Klassenkameraden dazu geschrieben – so konnten sie zumindest indirekt in Kontakt bleiben.

Bild: Mathias Wild

Während der Schließungszeit haben die Schulsozialarbeiterinnen am Zaun der Konradin-Grundschule eine Mitmach-Galerie eingerichtet. Jeden Tag haben Kinder neue Kunstwerke abgegeben, die sie zu Hause gemalt hatten. Viele haben Nachrichten an ihre Klassenkameraden dazu geschrieben – so konnten sie zumindest indirekt in Kontakt bleiben.

Bild: Mathias Wild

Geschlossene Schulen und Kitas, kaum Kontakte – der Lockdown traf Familien hart. Erst recht die, die ohnehin schon Probleme hatten. Wie Mitarbeiterinnen der Lebenshilfe in Kaufbeuren ihnen durch die schwere Zeit geholfen haben

30.06.2020 | Stand: 18:00 Uhr

Vor allem Kinder und Jugendliche hatten es in den vergangenen Monaten schwer – Schule und Kindertagesstätten waren zu, sie durften weder Freunde treffen noch Oma und Opa besuchen. Die Auswirkungen der Pandemie trifft Familien hart – erst recht, wenn sie sowieso schon Probleme hatten, ihren Alltag zu bewältigen. Mit solchen Familien arbeitet Sozialpädagogin Andrea Nieberle-Schmid, zum einen in der Jugendsozialarbeit an der Konradin-Grundschule, zum anderen bei den Ambulanten Hilfen der Lebenshilfe Ostallgäu. Sie betreut Familien, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind. Die Gründe dafür seien unterschiedlich, oft leidet ein Elternteil an einer Suchterkrankung oder einer psychischen Störung. Viele der Familien seien über lange Zeit von Armut bedroht und für manche sei jetzt die Corona-Krise existenzbedrohend geworden.

Auch während des Lockdowns hat die Sozialpädagogin den Kontakt zu den Familien gehalten, wenn auch nicht in gewohnter Form. Denn Nieberle-Schmid erfüllt bei ihrer Arbeit auch den Kontrollauftrag des Jugendamtes, das ihr die Familien vermittelt. „Wir waren immer im Austausch mit den Familien – teilweise per Telefon, haben aber auch die persönlichen Besuche aufrechterhalten“ – so gut das eben ging, unter Auflagen. Treffen wurden nach draußen verlegt, fanden vom Balkon aus oder über das Treppenhaus statt. „In den Gesprächen habe ich gespürt, dass nicht nur die Jugendlichen, sondern auch ihre Eltern den Austausch brauchen“, erzählt sie. Denn lange waren außerhalb der eigenen Familie ja so gut wie keine Kontakte erlaubt.

Seit Generationen beim Jugendamt bekannt

Allerdings haben auch vor der Krise viele der Familien, mit denen Nieberle-Schmid regelmäßig zu tun hat, eher zurückgezogen gelebt. Weil sie Sprachschwierigkeiten haben, oder auch materielle Probleme. „Bei manchen ist kaum ein soziales Umfeld vorhanden, die Familien sind über mehrere Generationen hinweg beim Jugendamt bekannt“, sagt Nieberle-Schmid.

Wenn in Familien etwas nicht stimmt, falle das oft zuerst den Lehrern auf, etwa weil ein Kind im Unterricht dauernd müde ist, sich aggressiv verhält, bedrückt wirkt oder tagelang in der selben Kleidung zur Schule kommt. Die Lehrkräfte sehen die Kinder täglich – normalerweise. Doch als die Schulen zu waren, seien viele Kinder nicht mehr erreichbar gewesen: „Von manchen haben wir wochenlang nichts gehört, wir wussten nicht, wie es ihnen geht und ob sie mit den Aufgaben im Homeschooling klar kommen.“

Kein Kontakt zu Gleichaltrigen

Kinder und Jugendliche sind es gewohnt, täglich mit Gleichaltrigen zusammen zu sein und brauchen das auch. Nach rund zwei Monaten ohne geregelte Kinderbetreuung sei die Belastung für viele Familien extrem gewesen, hat Natalie Hanke festgestellt, die im sozialpädagogischen Fachdienst und in der heilpädagogischen Tagesstätte (HPT) der Lebenshilfe arbeitet. „Vor allem nach den Osterferien haben viele Kinder das Homeschooling zunehmend verweigert“, sagt Hanke. In der HPT werden Kinder von der ersten bis zur neunten Klasse betreut, die einen besonderen Förderbedarf im sozial-emotionalen Bereich und oft auch eine ADS- oder ADHS-Diagnose haben. Für diese Kinder und Jugendlichen sei es besonders wichtig gewesen, dass die HPT nach Ostern wieder öffnen durfte: „Es waren gleich am ersten Tag alle wieder da.“ Auch während der Schließung hat Hanke Kontakt zu den Familien gehalten, mit Eltern und Kindern telefoniert, Laptops für den Unterricht zu Hause organisiert oder Lernmaterial vorbeigebracht. „Ich habe oft gemerkt, wie dankbar die Eltern sind, dass sich jemand ihre Sorgen anhört“, erinnert sich Hanke. Vor allem Alleinerziehende seien an ihre Grenzen gekommen, genau wie Elternpaare, bei denen einer im Homeoffice und der andere im Schichtdienst arbeitet, gleichzeitig aber zwei oder drei Kinder rund um die Uhr zu Hause betreut und unterrichtet werden mussten.

Nur getrennt in den Garten

Die HPT ist jetzt wieder geöffnet – mit Hygienekonzept, zwei getrennten Gruppen, die sich nicht begegnen dürfen, und festen, getrennten Garten- und Essenszeiten. „Das widerspricht eigentlich unserem offenen Konzept, gerade der Garten ist wichtig, weil viele Kinder bei uns einen großen Bewegungsdrang haben“, erklärt Hanke. Aber anders gehe es nicht und die Kinder machen gut mit: „Sie haben verstanden, dass gerade eine schwierige Zeit ist.“

Defizite wirken nach

Auch wenn Kitas und Schulen bald wieder zum Normalbetrieb zurückkehren – im Herbst werde keine Klasse einfach an den altersüblichen Stoff anknüpfen können. „In vielen Familien, mit denen wir arbeiten, wird zu Hause ausschließlich russisch, serbisch oder kroatisch gesprochen. Weil der Austausch mit anderen Jugendlichen lange weggefallen ist, haben die Kinder sprachliche Rückschritte gemacht und lesen jetzt zum Beispiel plötzlich mit Akzent“, erzählt Nieberle-Schmid. Der Lockdown werde Folgen haben, die in den kommenden zwei Jahren an den Schulen spürbar werden.