75 Jahre Kriegsende

Gefangen in Russland: Ketterschwanger Familie erzählt

Auch in schweren Zeiten darf der Humor nicht zu kurz kommen

„Das Bild zeigt, dass auch in schweren Zeiten der Humor nicht zu kurz kommen darf“, schreibt Marlene Dopfer. Das Foto stammt aus der Sammlung ihres Großvaters Josef Müller und ist während der Kriegszeit auf dem Balkan entstanden.

Bild: Marlene Dopfer

„Das Bild zeigt, dass auch in schweren Zeiten der Humor nicht zu kurz kommen darf“, schreibt Marlene Dopfer. Das Foto stammt aus der Sammlung ihres Großvaters Josef Müller und ist während der Kriegszeit auf dem Balkan entstanden.

Bild: Marlene Dopfer

Marlene Dopfer schreibt gemeinsam mit ihrem Vater Alfred Müller über die Kriegsjahre ihres Großvaters Josef Müller.

07.06.2020 | Stand: 07:00 Uhr

In diesen Tagen, da sich das Kriegsende zum 75. Mal jährt, denke ich daran, wie unser Opa Josef Müller diese Zeit erlebt hat. Er verbrachte seine jungen Jahre in Ketterschwang. Da bewirtschaftete die Familie eine kleine Landwirtschaft und er arbeitete im Staatsforst. Für „bewährte Waldarbeiter“ bestand damals die Möglichkeit, sich zum Förster weiterzubilden. Diese Schule hätte für ihn am 1. November 1939 angefangen, aber zwei Monate zuvor begann der Zweite Weltkrieg und der Traum war vorbei.

Am 1. Februar 1940 musste er zum „Forstschutz“ einrücken, einer halbmilitärischen Formation, die mit Zivilpersonen Waldarbeiten erledigte, zuerst in Polen, später in Russland. Dort erhielt er seine Einberufung zu den Gebirgsjägern nach Sonthofen. Nach drei Monaten Grundausbildung ging es wieder über den Balkan nach Russland. In der Divisionszeitung hat ein Stabsgefreiter nette Karikaturen gezeichnet, meistens wie die Russen laufen, wenn die Deutschen kommen. Unser Opa kommentierte gegenüber uns viele Jahre später, „die haben uns aber schon gezeigt, wer läuft“.

In den letzten Kriegstagen an Malaria erkrankt

Er bekam dann die letzten Kriegstage noch Malaria und hat den Arzt um den Heimatlazarettschein gebeten. Dieser aber lehnte ab: „Kamerad, wir marschieren geschlossen nach Hause“ war die Antwort. Sich ohne diese Legitimation durchzuschlagen, war nicht möglich. Wer sich zwei Kilometer hinter der Front nicht ausweisen konnte, wurde von SS-Kommandos am nächsten Baum wegen „Feigheit vor dem Feind“ aufgehängt. Also ging es weiter nach Westen. Nach der Kapitulation am 8. Mai wurde versucht, sich bis ins amerikanische Gebiet durchzuschlagen. Wieder kam ihnen die SS entgegen. „Dort könnt ihr nicht durch, dort sind die Russen.“ „Wo wir herkommen sind auch die Russen“.

Müller gerät in amerikanische Gefangenschaft

Also ging es wieder zurück. Der Lastwagen, den sie bisher benutzt hatten, erlitt dann noch einen Achsbruch. So ging es zu Fuß weiter. Und so erreichten sie am 11. Mai gegen Abend von Amerikanern besetztes Gebiet. Sie hatten ihr Ziel erreicht: Gefangenschaft bei den Amerikanern.

Nach ein paar Tagen war in der Nacht viel Fahrzeuglärm zu hören – am Morgen standen die Russen vor dem Tor. Einige Wochen später ging es mit der Eisenbahn in Viehwaggons eng auf dem Boden liegend nach Osten, nach Tscheljabinsk, dem Tor zu Sibirien. Unser Großvater arbeitete zuerst auf einer landwirtschaftlichen Kolchose. Dort hatte er sich im eisigen Winter Finger und Zehen erfroren. Viele Kriegsgefangene sind an Hunger und Erschöpfung gestorben. Opa sagte: „Die Russen hatten ja selber nichts. Grund: Misswirtschaft.“ Später arbeitete er in einer Panzerfabrik in der Sowjetunion. Bei einem Unfall brach er sich zwei Rippen, bekam Lungen- und Rippenfellentzündung und lag wochenlang im Lazarett. Eine jüdische Ärztin, die sich, wie er immer betonte, sehr um ihn angenommen hat, ermöglichte es, dass er im Sommer 1947 entlassen wurde. Nach vier Wochen Transport kam er am 2. August 1947 wieder zu seiner Familie nach Ketterschwang.

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