Kaufbeuren

Immer auf Touren

Porträt Ilse Konrad

Porträt Ilse Konrad

Bild: Mathias Wild

Porträt Ilse Konrad

Bild: Mathias Wild

Ehrenamt Ilse Konrad (90) liebt Kultur, Berge und Herausforderungen. Bei Exkursionen trägt die Wanderleiterin der Alpenvereinssektion ihre Begeisterung weiter
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Von Alexander Vucko
08.12.2019 | Stand: 17:21 Uhr

Ziele und Herausforderungen sind Teile ihres Lebens: Mal war es der 4000er, mal ist es der Kaufbeurer Wertachweg. Ilse Konrad wurde sogar einmal beste Armbrustschützin beim Prominentenschießen. Zum Tänzelfest 1972 war das. Als 43-Jährige. „Auch in altersabgespeckter Form macht das Engagement immer noch Spaß“, sagt die Kaufbeurerin heute. Nach wie vor führt sie Touren für die Alpenvereinssektion Kaufbeuren-Gablonz, begeistert Menschen für Wanderungen rund um die Stadt oder Kloster Andechs. „Und barfuß laufen bei der Kneippwanderung tut es ja auch“, sagt die 90-Jährige, die ungern über ihr Alter spricht. Lieber nennt sie sich „zeitreich“.

„Ehrenamtliches Engagement und Bewegung sind für mich ein Fitnessprogramm für die eigene Gesundheit“, sagt sie. Es habe ihr zeitlebens auch Eigenständigkeit gegeben – und Eigensinn, bekennt sie lachend. Schon damals, als Ilse Konrad nach dem Krieg aus Gablonz ins Allgäu kam und wie so viele Vertriebene misstrauisch empfangen wurde. In Leinau tobte sie sich in der Damen-Handballmannschaft auf dem Fußballplatz aus, baute den örtlichen Sportverein mit auf, spielte dann Tennis im TV Neugablonz. „Gablonz war durch die Industrie einst quasi eine Weltstadt“, erzählt sie augenzwinkernd. Diesen Geist hätten die Vertriebenen auch in ihre neue Heimat mitgebracht.

Ilse Konrad absolvierte eine kaufmännische Ausbildung, packte überall mit an. Zum Alpenverein kam sie, weil sie nicht nur kritisieren, sondern „gestalten und mitarbeiten“ wollte. Anfangs, das war 1978, unterstützte sie die Jugendarbeit der Sektion bei mehrtägigen Wanderungen mit ihren Kochkünsten. Lieder am Lagerfeuer und Fischsuppe für heutige Stadträte und den Oberbürgermeister – die Erinnerungen verblassen nicht. Bald führte sie ihre eigenen Touren, gründete die erste Wandergruppe der damaligen Sektion Kaufbeuren. Mit Gruppen organisierte sie Fahrten ins Elbsandsteingebirge, Riesengebirge und in die Hohe Tatra. Der Kontakt zu polnischen Bergfreunden lag ihr besonders am Herzen.

Durch eine Wanderleiterausbildung in der Sebastian-Kneipp-Akademie in Bad Wörishofen brachte sie weitere gesundheitsfördernde Aspekte in ihre Unternehmungen ein. Vor sechs Jahren wurde Ilse Konrad als älteste aktive Tourenleiterin der Sektion mit der Kaufbeuren-aktiv-Medaille ausgezeichnet. „Schön und bereichernd sind die Begegnungen und Freundschaften“, sagt sie über ihr ehrenamtliches Engagement, das sie in Herz Jesu in Neugablonz, im Tänzelfestverein, in Schulen, bei Rotem Kreuz und Frauenbund, der Volkshochschule, im Kreisfischereiverein, in Skiclub und Spielvereinigung erbrachte. Mal war sie als Leiterin, mal im Hintergrund tätig, mal per pedes oder auf Skiern, mal auf dem Rad unterwegs.

Selbstständigkeit sei ihr zeitlebens wichtig gewesen, erzählt Ilse Konrad, deren Mann früh starb. „Bewegungsfreude, Neugierde, Familie, Glaube und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten“ hätten ihr durchs Leben geholfen. Als Großmutter lebt sie in einem Mehrgenerationenhaushalt. Die Liebe zur Natur reichte sie in der Familie weiter, etwa an ihre Tochter Ulrike Seifert, die seit Jahrzehnten als ehrenamtliche Funktionärin für Gleichstellung und Familienbergsteigen im Alpenverein steht.

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Längst ist für Ilse Konrad das Kulturelle in den Mittelpunkt ihrer Exkursionen gerückt. Mitgeher überrascht sie mit Drei-Gipfel-Touren in München, Ausflügen an die renaturierte Isar, immer verbunden mit Besonderheiten der bayerischen Kultur- und Naturlandschaft. Sie hilft mit in Gruppen, die Namen wie „Nicht mehr so gut zu Fuß“ und „Draußen vor der Haustür“ haben, in denen es nicht um sportliche Herausforderungen, sondern das Gemeinschaftserlebnis geht. Altersbedingte Einschränkungen nimmt sie mit Demut an und freut sich umso mehr, die Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemeinsam mit ihrer Tochter zu organisieren. „Das“, sagt sie lachend, „ist ja oft auch eine Herausforderung.“