Corona-Pandemie

Kinder leiden: Kein Antrieb, kein Schlaf, kein Appetit

Kempten KJF

Dr. Frank Guderian (links) und Severin Rasch von der Kinder- und Jugendklinik Josefinum suchen Teilnehmer für ein neues Projekt.

Bild: Ralf Lienert

Dr. Frank Guderian (links) und Severin Rasch von der Kinder- und Jugendklinik Josefinum suchen Teilnehmer für ein neues Projekt.

Bild: Ralf Lienert

Kindern und Jugendlichen machen die Folgen der Corona-Pandemie zu schaffen. Im Josefinum Kempten gibt es ein neues Behandlungsangebot
04.09.2021 | Stand: 18:00 Uhr

„Gemeinsam für psychische Gesundheit sorgen.“ Das ist das Leitmotiv der Kinder- und Jugendpsychiatrie der KJF-Klinik Josefinum in Kempten. „Gemeinsam für psychische Gesundheit sorgen“ bedeutet für den Träger, die Katholischen Jugendfürsorge der Diözese (KJF Augsburg), jungen Menschen und ihren Eltern „fachliche Unterstützung und sensible Begleitung“ anzubieten, um eine individuelle Lösung für ihre Schwierigkeiten zu finden. Die psychischen Probleme, die in der Ambulanz des Josefinums bei Kindern und Jugendlichen behandelt werden, sind laut Oberarzt Dr. Frank Guderian emotionale und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen bis hin zu schweren depressiven Episoden mit suizidalen Absichten. Diese hätten vor allem während der Pandemie (die aktuellen Zahlen für das Allgäu finden Sie hier) zugenommen.

Neues Behandlungsangebot

Jetzt bietet das Josefinum noch ein weiteres Behandlungsangebot an: Die Klinik beteiligte sich an einer Studie, die sich der Lebensqualität von Kindern psychisch kranker Eltern widmet. Für das Projekt „CHIMPSNET“ (children of mentally ill parents-network) werden Betroffene gesucht.

Voll belegt

Aus dem gesamten Allgäu kommen Kinder und Jugendliche in die Kinder- und Jugendpsychiatrie am Haubensteigweg in Kempten. Auf 25 Patientinnen und Patienten ist laut Guderian der stationäre Bereich ausgelegt, häufig würden bis zu 28 dort behandelt werden. Seit Jahren habe das Josefinum eine Belegung von über 100 Prozent. Die meisten Patientinnen und Patienten seien im Schulalter (6 bis 18 Jahre).

Soziale Kontakte fehlen

Hat sich Corona auf die Zahl der Behandlungen ausgewirkt? Zahlen kann Guderian nicht nennen, aber „ein Sommerloch haben wir nicht.“ Was der Mediziner damit meint: In den vergangenen Jahren sei es in der Ferienzeit stets ruhiger gewesen. Jetzt sei die Klinik ambulant wie stationär ausgelastet. Denn die Folgen der Pandemie machten sich erst später bemerkbar. So habe die Klinik zum Jahresende vermehrt Hilferufe früherer Patienten erhalten, deren Stabilität durch fehlende Aktivitäten und Strukturen gelitten habe. „Bei vielen hat sich eine depressive Entwicklung gezeigt“, sagt Guderian. Ab März kamen laut dem Arzt dann Kinder und Jugendliche, die noch nie in Behandlung waren, mit depressiven Symptomen in die Ambulanz. Mitverursacht wurden die Symptome oft durch den Wegfall sozialer Kontakte, aber auch jeglicher Freizeitaktivitäten.

Sechs Monate Wartezeit

Die Folgen: Die Wartezeit für eine ambulante Diagnostik betrage mittlerweile sechs Monate. Dennoch, sagt Guderian: „Alle, die im Notfall kommen, werden versorgt.“ Insgesamt habe die Pandemie die Krankheitsauffälligkeiten verschoben: Autisten beispielsweise seien während des Lockdowns manchmal besser zurechtgekommen. Eine Zunahme sei gerade bei Essstörungen oder jungen Menschen mit Ängsten zu verzeichnen gewesen.

Klärende Gespräche

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Und wie holen sich Eltern dann Hilfe? Die Klinik schaue sich genau an, wie dringend der Hilferuf sei. Akute Patientinnen und Patienten würden innerhalb kürzester Zeit zu einem „Clearingtermin“ eingeladen werden. In einem solchen klärenden Gesprächen ließen sich viele Themen im Vorfeld besprechen. Da Kempten über ein gutes Netz an Hilfsangeboten verfüge, werde auch dorthin weitervermittelt.

Bundesweite Studie

Was ist nun unter dem neuen Projekt „CHIMPSNET“ zu verstehen? Derzeit, sagt Projektmitarbeiter Severin Rasch, würden Kinder und Jugendliche (von 3 bis 18 Jahren) von einem psychisch kranken Elternteil für diese bundesweite Studie gesucht. Hauptsächlich gehe es darum, die Belastungen für die jungen Menschen zu erkennen, das Krankheitsverständnis zu verbessern und präventive Versorgungsstrukturen zu schaffen. Voraussetzungen: Die Kinder und Jugendlichen sollten nicht in Behandlung sein, ein Elternteil dagegen müsse eine psychiatrische Diagnose vorweisen.