Kaufbeuren

Kunsthaus-Direktoren erzählen eine unglaubliche Geschichte

Gerne extravagant gab sich der Fotokünstler Adolphe de Meyer. So auch auf diesem Porträt, das seine Kollegin Gertrude Käsebier 1903 von ihm anfertigte (Ausschnitt).

Bild: Gertude Käsebier/Kunsthaus Kaufbeuren

Gerne extravagant gab sich der Fotokünstler Adolphe de Meyer. So auch auf diesem Porträt, das seine Kollegin Gertrude Käsebier 1903 von ihm anfertigte (Ausschnitt).

Bild: Gertude Käsebier/Kunsthaus Kaufbeuren

Warum Boris von Brauchitsch und Jan Wilms eine Biografie über Fotokünstler und Lebemann Adolphe de Meyer herausgebracht haben

06.06.2020 | Stand: 06:30 Uhr

Das echte Leben ist bisweilen viel unglaublicher als die beste Fantasiegeschichte. Nun hat es  der Lebemann und Fotokünstler Adolphe de Meyer nie so ganz genau mit der Wahrheit genommen. Aber selbst das, was Boris von Brauchitsch, Gründungsdirektor des Kunsthauses, Kaufbeuren, historisch verbürgt über seinen Werdegang herausgefunden und in einem herrlichen Buch veröffentlicht hat, lässt den Leser verblüfft und bereichert zurück. Der Band entstand im Zusammenhang mit der aktuellen Schau „Strike a pose“ in der Wertachstädter Ausstellungshalle, bei der auch etliche Arbeiten de Meyers zu sehen sind. Entsprechend steuerte von Brauchtischs Nachfolger Jan T. Wilms ein Nachwort bei.

Große kunsttheoretische Diskussionen

Adolphe Meyer kam am 1. September 1868 in Paris als Sohn einer wohlhabenden Dresdner Familie zur Welt. Arbeit hatte der großbürgerliche Lebemann nicht nötig. Er entdeckte vielmehr die Fotografie für sich, die zu dieser Zeit gerade Thema großer kunsttheoretischer Diskussionen war. Kann eine Maschine, sprich die Kamera, Kunst erzeugen?, lautete eine zentrale Frage. Als Antwort rückten viele Fotografen von der rein dokumentarischen Wirkung ihres Mediums ab und versuchten, künstlerische Effekte zu erzeugen. Die Stilrichtung des Piktorialismus entstand.

Eine Hochzeit zum Schein

Meyer reiste und fotografierte viel, beteiligte sich an Ausstellungen, knüpfte Kontakte zur Avantgarde dieses Genres – und genoss vor allem sein Leben als Dandy. Dabei lernte er Olga Caracciolo kenne, das Paten- und vielleicht auch uneheliche Kind des englischen Thronfolgers. Von ihr wurde Meyer in die ebenso exklusiven wie dekadenten Salons in London eingeführt. Die beiden heirateten 1899. Allerdings nicht, weil sie sich ineinander verliebt hätten. Vielmehr diente die vermeintlich bürgerliche Ehe dazu, die jeweiligen (homo-)sexuellen Neigungen möglichst unbehelligt von Gesellschaft und Justiz ausleben zu können. Wohl dank der engen Verbindungen zum späteren englischen König Edward VII. wurde aus Adolphe Meyer schließlich auch Baron Adolphe de Meyer.

Angespannte politsche Stimmung

Als sich die politische Stimmung im Vorfeld des Ersten Weltkriegs zunehmend gegen den Deutschen, Juden und Homosexuellen de Meyer richtete, knüpfte er engere Kontakte in die USA. Die dortigen Entwicklungen in der Fotokunst, die letztlich zum Niedergang des Piktorialismus führten, inspirierten ihn. Dies zeigte sich besonders in seinen Bildern von der skandalträchtigen Avantgarde-Tanztruppe „Ballets Russes“.

1914 ging das Paar nach New York. Der 45-jährige Adolphe de Meyer wurde von den Zeitschriften „Vogue“ und „Vanity Fair“ fest angestellt und war damit der „erste Modefotograf der Geschichte“, wie von Brauchitsch schreibt. De Meyer fungierte in der US-Metropole als „Zeremonienmeister des guten Geschmacks“ und revolutionierte die Magazin-Fotografie. Die Models waren in seinen Bildkompositionen nicht mehr nur Figurinen, die die neueste Mode trugen, sondern wurden zu kunstvoll inszenierten Persönlichkeiten.

In Hollywood gestorben

Doch die berufliche Routine – obwohl immer wieder unterbrochen von luxuriös-dekadenten Ausflügen in alle Welt – nagte am Lebemann de Meyer. Er wechselte zum Konkurrenzblatt „Harper’s Bazaar“, verlor schließlich seine Festanstellung, wandte sich zunehmend der Esoterik und auch den Drogen zu. Nach einem Zwischenspiel in Europa musste er 1939 vor den Nationalsozialisten flüchten, landete schließlich in Hollywood und starb dort verarmt und belächelt vermutlich am 6. Januar 1946.

Das Buch und die Ausstellung

Das Buch: Boris von Brauchitsch: „Adolphe de Meyer. Begegnung mit dem Faun“, Edition Braus, Berlin 2020. Der edel gestaltete Band hat 120 Seiten, kostet 19,95 Euro und ist im Buchhandel sowie im Kunsthaus Kaufbeuren erhältlich. Die dortige Ausstellung „Strike a pose. Intuition und Inszenierung“ wurde bis zum 19. Juli verlängert. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr.