Meinung

Mehr Leben in die Altstadt: Zeit für mutige Ideen in Kaufbeuren

Leerstände sind auch in der Kaufbeurer Innenstadt ein Problem.

Leerstände sind auch in der Kaufbeurer Innenstadt ein Problem.

Bild: Mathias Wild

Leerstände sind auch in der Kaufbeurer Innenstadt ein Problem.

Bild: Mathias Wild

Kaufbeurens historisches Zentrum blutet aus. Die Stadtpolitik muss endlich neue Wege wagen.
09.01.2021 | Stand: 19:00 Uhr

Niemand zweifelt. Die Altstadt ist ein Schatzkästchen. Kaufbeurens historischer Kern, mit pittoresken Gebäuden, malerischen Gassen und einem neuen Bodenbelag in der Fußgängerzone. Einfach unverwechselbar. Doch das Bild hat Risse.

Denn die Probleme sind riesig. Und sie werden immer größer. Die Corona-Krise ist gnadenlos. Einzelhändler leiden massiv unter dem Lockdown, Veranstaltungen sind tabu. Die Tristesse vieler Leerstände verstärkt das Grau in Grau. Das Virus und die Folgen der Politik rund um dessen Bekämpfung wirken wie ein Katalysator für so vieles. Für die Digitalisierung etwa. Was gut ist. Für die Probleme der Geschäftsleute, das Ausbluten der Altstadt. Was erschreckend ist. Die Misere ist wohlbekannt.

Reichen die Bemühungen aus?

Ernsthafte Bemühungen von Politik und Handel um mehr Frequenz gibt es ja schon länger. Die Sanierung der Fußgängerzone war ein wichtiger Schritt. Das Leerstandsmanagement ist im Ansatz richtig. Veranstaltungen wie Märkte und das beliebte Candlelight-Shopping waren ein Segen und werden es wieder sein, wenn Covid-19 gebändigt ist. Aber reicht das alles, um der Innenstadt wirklich zu helfen?

Nein, es braucht endlich mutige Ideen, um das Zentrum voranzubringen. Es hilft nicht, nur über die Ansiedlung umstrittener Fachmarktzentren vor den Toren der Altstadt zu jammern. Ein Trend, der ohnehin nicht aufzuhalten ist. Wichtiger wäre, das Zentrum zu stärken und endlich mal wieder mutige Diskussionen anzustoßen.

Ein Dach für die Sedanstraße: Was für eine Idee

Was hat vor 15 Jahren die Vision eines Daches in der Sedanstraße für Furore gesorgt. Zugegeben, es wäre nur ein Mosaiksteinchen unter vielen notwendigen Veränderungen gewesen, um die Innenstadt wieder attraktiver zu machen. Doch die Idee, einzelne Straßenabschnitte zu kleinen Einkaufszentren zu machen, ist bis heute brillant. Brand- und Denkmalschutz, Finanzierungskonzepte – all das ist nicht einfach und gehört gelöst. Am Ende schlief dieses Projekt aber wegen Mutlosigkeit ein.

Oder die Idee der Freien Wähler Anfang 2019, die Fußgängerzone in die obere Kaiser-Max-Straße auszuweiten und darüber eine breite Diskussion mit Bürgern, Handel und Anwohnern zu eröffnen. Ausgeträumt offenbar, niemand spricht mehr drüber.

Mehr Fußgängerzone? Oder eine andere Fußgängerzone?

Auch die CSU brachte über ihren damaligen Kandidaten und heutigen Stadtrat Alexander Dobler während des Kommunalwahlkampfes die Anregung ins Spiel, kleinere Ladenflächen zu größeren zusammenzufassen und die Fußgängerzone in ihrer heutigen Form infrage zu stellen. Normalerweise ein Knaller, der mindestens ebenso große Empörung wie Zustimmung auslösen kann. Doch die Reaktion: gleich null. Als die Fridays for Future-Bewegung forderte, weitere Teile der Altstadt zumindest zeitweise autofrei zu machen, gingen die Emotionen wenigstens ein bisschen hoch.

Viele Diskurse dieser Art notwendig

Kaufbeuren braucht viel mehr solcher Diskurse. Auch und gerade in Corona-Zeiten, die den Menschen zurzeit so viel anderes abverlangt. Aber nur, wenn diese Debatten dann auch in Ergebnisse münden, wenn ein Versuch möglich und ein Scheitern erlaubt ist. Demnächst wird sich der neue Stadtrat mit dem aktuellen Entwurf des Einzelhandelsentwicklungskonzeptes befassen, das in seiner Bestandsaufnahme wenig Überraschendes enthält, dem Drama aber wieder einmal Ausdruck gibt. Dieses Strategiepapier stellt eine Diskussionsgrundlage für die Politik dar. Im besten Fall wird es ein Weckruf für alle sein, die das Zentrum endlich voranbringen wollen.