Erinnerung

Mehr Raum für das Gedenken in Irsee

Prosektur Irsee provisorische Stützung

Die Prosektur, der frühere Aufbahrungs- und Untersuchungsraum für die Verstorbenen der Heil- und Pflegeanstalt Irsee, dient heute als Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“. Das Gebäude aus den 1880er Jahren wurde bis zu einer grundlegenden Sanierung nun statisch mit einem umlaufenden Zugband gesichert. Anschließend soll eine Neukonzeption des Gedenkortes folgen.

Bild: Mathias Wild

Die Prosektur, der frühere Aufbahrungs- und Untersuchungsraum für die Verstorbenen der Heil- und Pflegeanstalt Irsee, dient heute als Gedenkstätte für die Opfer der NS-„Euthanasie“. Das Gebäude aus den 1880er Jahren wurde bis zu einer grundlegenden Sanierung nun statisch mit einem umlaufenden Zugband gesichert. Anschließend soll eine Neukonzeption des Gedenkortes folgen.

Bild: Mathias Wild

Neben der Prosektur soll am Kloster Irsee künftig ein Informationsraum an die Opfer der NS-„Euthanasie“ und die Psychiatriegeschichte der ehemaligen Abtei erinnern.

23.05.2020 | Stand: 12:15 Uhr

Wie soll künftig an die Opfer der NS-Patientenmorde in der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Irsee erinnert werden? Im Auftrag des Tagungs-, Bildungs- und Kulturzentrum des Bezirks Schwaben, das heute in dem ehemaligen Kloster untergebracht ist, setzte sich ein Fachbeirat mit dieser Frage auseinander. Die Experten erarbeiteten ein Konzept, das die drei Säulen „Gedenken - Information - Bildung“ vorsieht. Der entsprechende Ausschuss des Bezirkstags von Schwaben hat bei seiner jüngsten Sitzung nun beschlossen, die Vorschläge des Fachbeirats umzusetzen.

Prosektur-Gebäude als Gedenkort

Das Konzept sieht vor, das in den 1880er Jahren errichtete Prosektur-Gebäude der Anstalt möglichst originalgetreu als Gedenkort zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zusätzlich empfahl der Fachbeirat, dem Vertreter aus Medizingeschichte, Gedenkstättenarbeit, Kunstgeschichte, Psychiatrie und Angehörigen angehören, einen ergänzenden Informationsraum an zentraler Stelle im Schwäbischen Bildungszentrum Kloster Irsee einzurichten.

Dort sollen sowohl über die psychiatrische Nutzung des Klostergebäudes zwischen 1849 und 1972 informiert, als auch Hintergründe und Einzelschicksale der NS-„Euthanasie“-Verbrechen in Irsee vorgestellt werden. Schließlich sollen bereits bestehende analoge Bildungsangebote und Publikationen gebündelt und um Online-Angebote ergänzt werden.

Emotional aufgeladenes Thema

„Für uns als Politiker war es wichtig, auf das Votum von Angehörigen und Fachleuten zu hören und ihren Empfehlungen zu folgen“, sagt Bezirkstagspräsident Martin Sailer, „gerade bei einem emotional aufgeladenen Thema wie der Erinnerungskultur ist es mir wichtig, Anregungen von Betroffenen aufzunehmen.“ Sailer zeigt sich auch froh darüber, dass sich sowohl der Fachbeirat als auch der Bezirkstags-Ausschuss einstimmig für das Gedenkstättenkonzept ausgesprochen hat. Nun hoffe er auf eine gesellschaftliche Akzeptanz dieses Vorgehens. Dr. Stefan Raueiser, der Leiter des Schwäbisches Bildungszentrums Irsee, zeigt sich ebenfalls erfreut über das klare Votum.

Nach jahrelanger Beschäftigung mit den Psychiatrie-Verbrechen in der ehemaligen Anstalt Irsee hat er den Anstoß dazu gegeben, ein Sanierungskonzept zu erarbeiten. „Im Mai 2011 haben mich Diskussionen im bundesweiten Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen ,Euthanasie’ und Zwangssterilisation überhaupt erst für die Thematik der Irseer Prosektur sensibilisiert“, berichtet er.

Auseinandersetzung um die künstlerische Überformung

Die vor zwei Jahren ausgetragenen Auseinandersetzungen um die künstlerische Überformung des Raumes (wir berichteten) und das eindeutige Votum zwischenzeitlich ermittelter Angehöriger hätten den Bezirk Schwaben dazu veranlasst, einen wissenschaftlichen Fachbeirat einzuberufen. Dieser habe jetzt „wichtige Anregungen zum weiteren Umgang mit diesem bedrückendsten Kapitel unseres Hauses gegeben“.

Als Sofortmaßnahme wurde die Prosektur notdürftig statisch gesichert. Die später hinzugefügten Ausstellungselemente in dem historischen Gebäude werden fachgerecht deponiert und, laut Raueiser, der historischen Forschung zugänglich bleiben. Anschließend ist die Sanierung des Baukörpers geplant, der anschließend barrierefrei zugänglich sein soll. Der Sektionsraum wird Schutz des historischen Steinbodens des Aufbahrungsraumes mit einer Glaswand abgetrennt.

Während der Frühjahrstagung des Arbeitskreises zur „Euthanasie“-Forschung im April kommenden Jahres im Kloster Irsee sollen dann Details des Sanierungskonzepts der Prosektur, der inhaltlichen Konzeption des Informationsraumes und zur Bündelung der Bildungsangebote der Öffentlichkeit vorgestellt werden.