30 Jahre als Mundart-Autorin

Nach 114 Kolumnen für die AZ reicht es fast 100-jähriger Neugablonzerin

Lisl Vietze ist 99 Jahre alt und hat bis Dezember 2020 für den Gablonzer Mundartkreis geschrieben.

Lisl Vietze ist 99 Jahre alt und hat bis Dezember 2020 für den Gablonzer Mundartkreis geschrieben.

Bild: Gablonzer Mundartkreis

Lisl Vietze ist 99 Jahre alt und hat bis Dezember 2020 für den Gablonzer Mundartkreis geschrieben.

Bild: Gablonzer Mundartkreis

Lisl Vietze hat viele Texte für die AZ-Kolumne „Nej su wos“ geschrieben. Im Sommer wird die frühere CSU-Stadträtin 100 – und findet, dass es jetzt genug ist.
Lisl Vietze ist 99 Jahre alt und hat bis Dezember 2020 für den Gablonzer Mundartkreis geschrieben.
Von Petra Wiesmayer
24.02.2021 | Stand: 09:42 Uhr

Nach 114 Texten für die AZ-Kolumne „Nej su wos“, unter der an jedem zweiten Samstag Geschichten in der der Gablonzer Mundart Paurisch erscheinen, ist es genug. Das findet jedenfalls Elisabeth „Lisl“ Vietze, und hat sich deshalb im Dezember 2020 in den Ruhestand verabschiedet – nach 30 Jahren als Autorin. Im hohen Alter von 99 Jahren hat sie es sich schließlich auch verdient, den Stift liegen zu lassen.

Verwöhntes Einzelkind

Als sie am 6. Juli 1921 im deutschsprachigen Labau bei Gablonz in der damaligen Tschechoslowakei als Tochter eines Landwirts und Schmuckwarenerzeugers geboren wurde, war die Welt für sie noch in Ordnung. „Ich hatte eine wunderbare Kindheit“, erzählt Lisl Vietze und gibt zu, dass sie als Einzelkind „ganz schön verwöhnt“ worden sei. Irgendwann sei aber ihre Mutter „zu Verstande gekommen“ und habe ihr nicht mehr alles durchgehen lassen, scherzt sie. Doch auch das Leben ließ schon bald nicht mehr viel durchgehen. Aus einem geplanten Studium wurde nichts. „Hitler stand schon an der Grenze und kam dann auch rein. Somit hat sich die politische Lage nicht mehr mit dem gedeckt, was wir eigentlich wollten“, erinnert sie sich. So musste sie ein Jahr auf dem elterlichen Hof mitarbeiten: „Das war harte Arbeit, aber vielleicht war das auch gut so. Da fällt man dann im Leben nicht gleich um, wenn es mal schwierig wird.“ Später leistete sie ihren Arbeitsdienst in der Röhn unter der Wasserkuppe ab.

Odyssee durch Deutschland

Der Krieg und seine Folgen waren unerbittlich. 1945/46 wurde die sudetendeutsche Bevölkerung aus ihrer Heimat vertrieben. Lisl Vietze traf es besonders hart. „Eines Morgens, im Sommer 1945, hieß es plötzlich, wir müssen raus. Bis um acht Uhr musste der Hausschlüssel abgegeben werden.“ Mit 30 Kilo Gepäck wurde die Familie ausgewiesen. Die Hoffnung, dass alles nur eine Machtdemonstration sei und sie schnell wieder nach Hause dürften, zerschlug sich bald. Es folgte eine Odyssee über verschiedene Stationen im russisch besetzten Osten Deutschlands, dann in den Westen, bis nach Geislingen an der Steige.

"Der beste Mann im Leben"

Dort lernte Lisl im Jahr 1949 bei einer Tanzveranstaltung ihren Mann Gerhard kennen. „Er war der beste Mann, den es im Leben gab. Es gab nie ein böses Wort“, schwärmt sie noch heute: „Das nenne ich ‚mein erfülltes Leben’.“ 1950 heiratete das Paar und vier Jahre später kam Tochter Anita zur Welt, die sich heute liebevoll um ihre Mutter kümmert. Vier Jahre später zog die kleine Familie nach Neugablonz und eröffnete die Fleischerei Vietze. „Hier habe ich viele Bekannte von früher wiedergetroffen, das war sehr schön.“

Nach genau 20 Jahren Ehe, 1970, starb Gerhard Vietze nach mehreren Schlaganfällen viel zu früh. Im Jahr darauf gab Elisabeth die Fleischerei auf und engagierte sich seitdem sozial und politisch – unter anderem bei der Caritas. Von 1983 bis 1996 war sie Mitglied der CSU-Fraktion im Kaufbeurer Stadtrat, wo sie auch gegen die Einflugschneise am Fliegerhorst stimmte. Die Volksschule in Oberbeuren verdankt ihr ein Satteldach. „Es hieß, das Flachdach muss saniert werden, aber wir hatten eigentlich schon beschlossen, aufgrund der Wetterverhältnisse keine Flachdächer mehr zuzulassen“, berichtet die 99-Jährige. Lisl setzte sich schließlich durch – die Schule bekam ein Satteldach.

Mit Verdienstmedaille ausgezeichnet

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Ihr Einsatz für die Bürger wurde 1988 mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland honoriert. Auch in der Wertachstadt würdigte man ihre Arbeit und verlieh ihr im Jahr 2009 die „Kaufbeuren-aktiv-Medaille“.

Mittlerweile ist Elisabeth Vietze längst in Rente und feiert im Juli ihren 100. Geburtstag. „Meine Mutter ist mit 68 Jahren gestorben und ich wäre in sechs Monaten 100. Ich kann das immer noch nicht glauben“, lacht sie.

Fit mit Schwedentropfen und Bachblüten

Ihr Interesse an Politik und am Tagesgeschehen hat sie aber nicht verloren. Das und der Austausch mit Freunden seien auch die Geheimnisse ihres langen und gesunden Lebens. „Und Schwedentropfen und Bachblüten. Und natürlich eine positive Einstellung zum Leben – auch trotz Corona.“