Schutz gegen Hochwasser im Allgäu

Jetzt sind die Allgäuer Kommunen gefragt - und die Bürger

Wasser von oben und von unten: Die Verbindungsstraße von Irsee nach Bickenried (unten) muss an der Kurve häufig saniert werden. Grund ist ein unterirdischer Wasserlauf. In der Gemeinde war früher das Kloster hochwassergefährdet.

Wasser von oben und von unten: Die Verbindungsstraße von Irsee nach Bickenried (unten) muss an der Kurve häufig saniert werden. Grund ist ein unterirdischer Wasserlauf. In der Gemeinde war früher das Kloster hochwassergefährdet.

Bild: Mathias Wild

Wasser von oben und von unten: Die Verbindungsstraße von Irsee nach Bickenried (unten) muss an der Kurve häufig saniert werden. Grund ist ein unterirdischer Wasserlauf. In der Gemeinde war früher das Kloster hochwassergefährdet.

Bild: Mathias Wild

Nicht nur Kommunen werden zum Handeln gezwungen, auch die Eigenverantwortung der Bürger wächst. Fachleute warnen: Jetzt müsse man sich beeilen.
04.09.2021 | Stand: 12:36 Uhr

2018 verwandelte ein Dürresommer die Region teilweise in ausgedorrte Flächen, heuer sorgten extreme Niederschläge im Juli für bange Gesichter: Zwar war das Allgäu nicht so stark betroffen wie die Bewohner an Ahr oder Erft. „Aber punktuelle Starkregen, wie wir sie in Rettenberg und Sonthofen hatten, sind schon etwas Neues“, berichtet Karl Schindele, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Kempten.

In Irsee – teilweise über 800 Meter hoch gelegen – fragte deshalb ein Gemeinderat nach einer Studie für potenzielle Hochwasser. Möglichen Überflutungen sieht die Kommune zwar eher gelassen entgegen, aber Gefahren durch Hangrutsche, wie sie etwa in Rheinland-Pfalz zu sehen waren, weniger. Deshalb will die Gemeinde nun eine Studie in Auftrag geben.

Hochwasser: Gefährdungspotenzial in Irsee

In Irsee haben zwei Straßen – beide in Hanglage – bei Hochwasser Gefährdungspotenzial. Von einer floß das Wasser in Richtung Bildungszentrum und Kloster und sorgte dort mehrmals für Schäden. Das habe die Gemeinde in den Griff bekommen: „Wir haben Sinkkästen eingebaut, die an Autobahnen verwendet werden. Seitdem haben wir Ruhe“, berichtet Bürgermeister Andreas Lieb.

Doch punktuelle Starkregen seien eine neue Dimension, zumal zwischen der Gemeinde und dem Ortsteil Bickenried eine unterirdische Wasserader ist, die die dortige Verbindungsstraße alljährlich verschiebt und sogar für Verwerfungen auf der Kreisstraße nach Leinau weiter abwärts sorgt. (Lesen Sie auch: Schutz vor Starkregen und Hochwasser: So wappnet sich das Günztal für Fluten)

Fast schon rituell wurden die Straßen alle paar Jahre ausgebessert. „Wir waren auch vorsichtig bei Baumaßnahmen in der Nähe und beobachten die Situation permanent. Momentan haben wir aber kein Problem mit Hangrutschen“, erklärt der Bürgermeister. In den anliegenden Straßen werde auf Risse und Spalten geachtet. Aber angesichts der Katastrophen-Bilder nach den Starkregen und des neuesten Klimaberichts werde die Gemeinde auf jeden Fall aktiv werden, betont Lieb – „eher früher als später“.

Die Günz tritt über die Ufer: Auch bei den aktuellen Starkregenfällen fasst das eigentliche Flussbett das viele Wasser nicht mehr, wie dieses Foto zeigt, das am Montag von der Liebenthannmühle Richtung Obergünzburg aufgenommen wurde.
Die Günz tritt über die Ufer: Auch bei den aktuellen Starkregenfällen fasst das eigentliche Flussbett das viele Wasser nicht mehr, wie dieses Foto zeigt, das am Montag von der Liebenthannmühle Richtung Obergünzburg aufgenommen wurde.
Bild: Peter Roth

Kaum eine Allgäuer Kommune ist gegen Unwetter gerüstet

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Das empfiehlt auch Professor Wolfgang Günthert vom Institut für Wasserwesen der Universität der Bundeswehr in München. In seiner neuesten Studie warnt er, dass kaum eine Kommune auf die kommenden Unwetter vorbereitet sei.

„Besonders wichtig ist mir, für jedes besiedelte Gebiet eine Gefahrenanalyse zu erstellen. Angefangen von bisherigen Einsätzen der Feuerwehr über alte Karten, aus denen man erkennen kann, wo früher Gewässer waren, die überbaut wurden, über topografische Geländekarten bis hin zu digitalen, hydraulischen Modellen zur detaillierten Überflutungsberechnung“, erläutert Günthert. Dabei sollten die Gemeinden unbedingt die Wasserwirtschaftsämter mit ins Boot holen: „Die verfügen über enormes Wissen vor Ort.“ (Lesen Sie auch: Extremwetter! Versichert? - Worauf es bei der Versicherung für Hauseigentümer ankommt)

Das bestreitet Schindele nicht. Der Leiter der Kemptener Einrichtung verweist auf lokale oder regionale Konzepte zu Sturzfluten, die der Behörde gefördert werden. Zumal Wildbäche im südlichen Allgäu schwer kalkulierbar sind und punktueller Starkregen überall niedergehen könne.

Darüber berät auch das Amt: So sollen Kommunen schon bei der Ausweisung von Neubaugebieten, Gefahrenpotenzial berücksichtigen: „Nicht an Bäche bauen, aber auch an Hänge denken.“ Gerade bei Flächen mit Gefälle können sich starke Oberflächenwasser bilden. Deshalb seien Hangpflege oder Leitdämme sehr wichtig, betont Schindele: „Auf einen Hangrutsch durch Sättigung mit Wasser weisen wir immer wieder hin.“

Gefährlicher Niederschlag: Im Juni hagelte es bei Füssen.
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Bild: Elfriede Strodl

53 Millionen Euro für den Hochwasserschutz

Und der Hochwasserschutz wurde in den vergangenen 20 Jahren massiv forciert: Das Wasserwirtschaftsamt hat 53 Millionen Euro in 53 Projekte gesteckt – der Zweckverband Gennach-Hühnerbach 30 Millionen in elf Bauwerke von Bidingen bis nördlich von Lamerdingen. Aber auch die Eigenvorsorge der Bürger müsse gestärkt und gefordert werden, sagt Schindele. Das umfasse die Wahl der Bauplätze, Versicherungen für Haus und Inventar, wasserdichte Keller oder zumindest die Abdichtung der Schächte.

Die Eigenverantwortung betont auch Günthert: „Zunächst ist es wichtig, besonders die Menschen zu sensibilisieren, die bisher nicht betroffen waren.“ Einen ersten Überblick zur Gefährdungslage des Wohnortes können Bürger im Umweltatlas (www.umweltatlas.bayern.de) bekommen, rät Schindele.

Auch die Wasserversorger nehmen sich des Themas an – zuletzt vor allem wegen des Dürresommers: „2018 hat allen Wasserversorgern gezeigt, dass Grundwasser nicht unendlich ist“, erklärt Hermann Heiß, Geschäftsführer der Gennach-Hühnerbach-Gruppe (GHG). Die hatte damals zwar keine Lieferprobleme, aber einer ihrer Brunnen zog Luft. Inzwischen ist die GHG im Sachsenrieder Forst fündig geworden und will dort einen dritten Brunnen in Betrieb nehmen.

Zudem werden Kooperationen ausgebaut. „Wir haben unsere Lehre aus dem Sommer gezogen“, versichert Heiß. Inzwischen habe der Regen immerhin die Speicher in der Region gefüllt: „Die taggenauen Aufzeichnungen zeigen, dass die Quellschüttungsmengen wieder auf dem sehr guten Niveau des ersten Halbjahres 2018 – vor dem Trockensommer – liegen. Die Grundwasserpegelstände unserer Brunnen haben sich ebenfalls erholt und erreichen nahezu die Werte von früher“, sagt Tobias Müller, Pressesprecher der Stadt Kaufbeuren, für das kommunale Wasserwerk. Dennoch betont auch er, dass es ohne Netzwerk nicht mehr gehe: „Mehrere Standbeine sind wichtig für eine sichere Versorgung aller Bürger.“

Zwar gab und gebe es derzeit keine Gefährdungslage durch Hangrutsche oder Muren, versichern Heiß und Müller – das werde aber auch weiter beobachtet. Denn angesichts der Naturgewalten fragt Heiß: „Was ist nicht unmöglich?“

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