Kaufbeuren

Und sie dreht sich immer weiter …

Schellack-Schallplatte

Schellack-Schallplatte

Bild: rho

Schellack-Schallplatte

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Über drei Jahrzehnte ging er selbst in den Kaufbeurer Laden „Die Schallplatte“, um sich in einer Welt aus Musiknostalgie und Sammlerstücken die ein oder andere Vinylscheibe zu kaufen. Jetzt übernimmt Alain Werner den Plattenladen seines Freundes Dieter Reiter – am heutigen Samstag wird das Geschäft in der Ludwigstraße neu eröffnet.

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Von Daniel Boscariol
25.10.2019 | Stand: 17:07 Uhr

Schon immer sei „Die Schallplatte“ ein Ort gewesen, um sich musikalisch weiterzubilden, erzählt er. Dieter Reiter habe ein enormes Fachwissen, das werde von vielen geschätzt. „Es gibt eine Stammkundschaft, die teilweise von Augsburg aus extra nach Kaufbeuren kommt.“

Reiter geht nach über drei Jahrzehnten in der Schallplatte in Rente. Durch die über Jahre gewachsene Freundschaft habe er den Entschluss gefasst, Alain Werner zu fragen, ob er sein Geschäft übernehmen wolle. „Der Laden ist mit ihm in guten Händen“, sagt Reiter. „Die Vielfalt der Schallplatte bleibt erhalten.“ Die breite Palette an unterschiedlichen Musikrichtungen sei sehr wichtig, sagt der 65-Jährige. In einer ländlichen Gegend wie dem Allgäu brauche es einen zentralen Ort, wo auch Exoten wie Cyberpunk, Ska oder Gothic zu finden sind. Es gebe in der Region kaum Plattenläden – anders als in München oder Augsburg. „Ein bisschen wehmütig bin ich natürlich schon, aber insgesamt vor allem glücklich, dass die Schallplatte von jemandem weitergeführt wird, der sich auch auskennt“, erzählt der ehemalige Besitzer.

Musik sei schon immer Alain Werners große Liebe gewesen. Der Traum, sich hauptberuflich damit auseinanderzusetzen, begleitet den  früheren Bauingenieur schon lange. Er bezeichnet sich selbst als Musikfanatiker, der ein umfassendes Wissen in nahezu jedem musikalischen Bereich hat. „Die Kunden genießen es, wenn der Verkäufer Vorschläge machen und professionell beraten kann“, erklärt Werner. 5000 bis 6000 Platten besitzt er selbst. Hört von Klassik über Jazz bis zu Hard-Rock alles und hat selbst jahrelang in einer Folk-Hardrock-Band namens „Clangrock“ als Keyboarder gespielt, die fünf Alben veröffentlicht hat.

Als Profimusiker weiß er, wie sich der Markt verändert hat und auch inzwischen wieder wandelt. „Die Schallplatte wird bleiben. Klar, heutzutage ist jede Art von Musik durch das Streaming sofort abrufbar. Das ist schon ein Vorteil,“ meint Alain Werner. „Doch wenn man sich wirklich auf die Musik konzentrieren möchte, ohne etwas nebenher zu machen, dann ist die Schallplatte unerlässlich.“ Ein solcher Tonträger sei ein Objekt zum Anfassen, kein digitales Datengeflecht auf Servern der großen Streamingdienstleister. Dadurch entstünden echte Kunstwerke. Man könne sich mit den Texten auseinandersetzen, die Bilder auf der Hülle während des Hörens betrachten. Gerade die Jugend wünsche sich wieder genau diese Art von Musikkonsum. „Für echten Musikgenuss ist Streaming leider viel weniger geeignet als Platten oder CDs.“

Dass die Digitalisierung in der Musik aber inzwischen eine unvermeidbar große Rolle spielt, macht sich auch am aufpolierten Konzept des Geschäfts bemerkbar. „Die Schallplatte“ wird unter Werner moderner. Kleine und große Veränderungen sollen für frischen Wind sorgen. Es wird unter anderem die Möglichkeit geben, alte Tonträger durch eine Schallplattenwaschmaschine reinigen zu lassen. Außerdem können diese auch digitalisiert werden, sodass vergessene Alben für immer erhalten bleiben. Größte Neuerung ist ein Online-Shop, der aktuell aufgebaut wird. Alle Platten und die vielen neuen CDs des Kaufbeurer Ladens werden online registriert und können somit im Internet bestellt werden. Nur dann eben ohne persönliche Beratung. Und ohne Getränke. „Ich werde auch Kaffee anbieten“, erzählt Werner, „für den eine Kaffeekasse bereitgestellt wird. Das Geld darin wird dann immer Ende des Jahres einer Nachwuchsband aus der Gegend gespendet.“ Auch für Musiker solle das Geschäft zu einem Treffpunkt werden, um sich auszutauschen und Kontakte zu knüpfen. „Es ist ein Stück Kaufbeurer Kultur, die nicht verloren geht“, fasst Dieter Reiter zusammen. „Die Musikszene der Stadt hat hier einen Treffpunkt, um Kontakte zu knüpfen.“

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Neben Platten von Beethoven, Techno-Urgesteinen, legendären Pink Floyd-Alben oder Meisterwerken des Rock wird es „die ein oder andere Sache fürs Auge geben“, kündigt Werner an. Gemeint ist damit unter anderem eine signierte E-Gitarre der Kultband Black Sabbath. Rockbands wie diese seien sowieso wieder in, speziell bei jungen Menschen. Und zur Musik der Eltern gehören eben auch die Vinylscheiben.