Julia Bosse:

Väter, Töchter, Politik

Bosse Doppelinterview

Bosse Doppelinterview

Bild: Mathias Wild

Bosse Doppelinterview

Bild: Mathias Wild

Gespräch Julia Bosse (22) von der Generation KF im Dialog mit Stefan Bosse (54) von der CSU. Was sich die Jung-Politikerin von ihrem Vater, dem Oberbürgermeister, wünscht
22.11.2019 | Stand: 15:43 Uhr

Väter und ihre Töchter – immer etwas Besonderes. Im Falle des Kaufbeurer Oberbürgermeisters Stefan Bosse und seiner ältesten Tochter Julia wird aus dem Besonderen noch einmal etwas ganz Besonderes: Julia will mit der neuen politischen Gruppierung Generation KF zu den Stadtratswahlen im März 2020 antreten – und damit gegen die CSU-Liste von Vater Stefan. Ein Gespräch über Erziehung, Visionen, Politik – und Wünsche.

Was ist denn die Generation KF und was will sie?

Wir haben uns im September als Verein gegründet und sind mittlerweile 50 junge Leute. Das finde ich schon beachtlich. Unser oberstes Ziel ist es, Kaufbeuren attraktiver zu machen.

Wie politisch war denn Ihre Kindheit und Jugend?

Ich war schon immer politisch interessiert. Ich wollte immer beim Papa mitgehen und habe ihm auch schon in der zweiten, dritten Klasse Reden geschrieben. Jetzt studiere ich ja Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Würzburg. Kommunalpolitik finde ich superspannend. Das hat mich auch dazu gebracht, vor zwei Jahren diese Idee zu entwickeln: wie wär´s mit einer jungen Liste für den Stadtrat.

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Ihr Vater hat seine eigene junge Liste, die Junge Union. Nichts für Sie?

Wenn ich den Wahl-O-Mat mache, kommen bei mir die Grünen raus. Ich möchte aber parteipolitisch einfach noch nicht aktiv werden. Jetzt geht es mir darum, dass junge Leute mitmischen und dafür ist so eine unabhängige Liste das passende Format.

Herr Bosse, Sie sind auch nicht mit dem CSU-Parteibuch auf die Welt gekommen.

Ich war auch immer schon politisch interessiert, aber nicht parteipolitisch. Ich bin erst 1998 in die CSU eingetreten, da war ich schon 34 Jahre alt. Zuvor war ich eher in der grünen Ecke unterwegs, ich war Mitglied im Bund Naturschutz zum Beispiel und habe mit einer Polizeigasmaske gegen das Autorennen am Oberjoch demonstriert und hätte dann beinahe noch Probleme wegen des Vermummungsverbotes bekommen. Die Julia war, im Gegensatz zur kleineren Schwester, tatsächlich schon immer politisch interessiert.

Und der Papa als Oberbürgermeister hat das Interesse weiter beflügelt?

Bei Julia kam sehr früh dieser Punkt, ich möchte irgendwie auch mal so Richtung Politik gehen, deswegen auch das Studium. Aber was auch ganz klar war: Ich gehe nicht in die Kommunalpolitik. Also deinen Job, Papa, mache ich nicht!

Wegen des zeitlichen Aufwandes?

Ja, ich habe gesehen, wie sein Alltag so abläuft. Ich fand das sehr spannend, aber gleichzeitig auch sehr, sehr fordernd.

Wie war denn Ihre Reaktion, als Sie von der neuen politischen Gruppierung erfahren haben?

Ich habe natürlich viel mit Julia gesprochen. Auch immer wieder über das Thema, dass bei uns zu wenig junge Leute dabei sind. Bei der letzten Wahl haben wir von der CSU fünf Sitze verloren und dabei sind gerade die jungen Frauen auf den vorderen Plätzen bei uns nicht gewählt worden.

Glauben Sie, Frau Bosse, dass junge Menschen auf einer eigenen Liste mehr Chancen haben?

Wir sind alle so zwischen 18 und 30 Jahre alt und wir sind parteiunabhängig. Dadurch können wir mehr Leute ansprechen. Wir sehen uns mehr als Bewegung. Bisher sind nur vereinzelt junge Leute auf die Listen für die Stadtratswahlen gesetzt worden. Wir sind 50 Leute! Damit hätte ich im Frühjahr, als das ins Rollen kam, niemals gerechnet.

Wie viele davon sind denn am Ort in Kaufbeuren?

Zehn sind in Kaufbeuren, die meisten anderen in Augsburg, München, also ziemlich nah. Aber wir alle sehen unseren Lebensmittelpunkt hier und wollen auf lange Sicht wieder nach Kaufbeuren kommen. Wir sind hier verwurzelt. Für uns ist Kaufbeuren einfach unsere Heimat.

Und wo liegt der Altersdurchschnitt bei der CSU-Liste?

Wenn es bei der Julia von 18 bis 30 geht, könnte ich jetzt sagen, bei uns geht es von 30 bis 80. Tatsächlich liegt die Altersspanne bei uns zwischen 26 und 69, wir haben schon auch ein paar jüngere. Aber in aussichtsreicher Position? Wir haben ganz schwere Diskussionen, wie so eine Liste aufgebaut sein muss. Wir kämpfen mit den etablierten Stadträten um jeden Platz, damit wir auch vorne jemand rein bekommen, der neu und jung ist. Der Altersschnitt wird bei uns unter den ersten 20 Plätzen etwa bei 52 Jahren liegen, auf der Gesamtliste bei etwa 47 Jahren. Das ist ja nicht schlecht, weil es geht hier auch viel um Erfahrung, um Wissen.

Sie werden der Spitzenkandidat sein, Herr Bosse, Sie auch, Julia?

Das werde ich nicht sein. Ich bewerbe mich um einen Platz unter den ersten fünf. Als Ziel haben wir uns einen Sitz im Stadtrat gesetzt, mehr wäre natürlich besser.

Wie wollen Sie verhindern, über kurz oder lang in ähnliche Strukturen wie die etablierten Parteien zu verfallen?

Da muss man aufpassen, dass man immer die Dynamik hält. Wir wollen uns bemühen, dass wir immer mehr neue junge Leute für uns begeistern. Einige von uns werden sich sicher irgendwann anderswo parteipolitisch engagieren, das ist dann auch in Ordnung.

Bei welchen Punkten in der Stadtpolitik glauben Sie denn, dass die junge Stimme fehlt?

Ganz klar sollte die Stadt einen mutigeren Schritt in Richtung Digitalisierung gehen. Wir sehen das auch als Ansatz, um zum Beispiel dem Leerstand in der Innenstadt entgegenzuwirken. Dass die Leute online nachschauen, welche Produkte sind verfügbar und dann tatsächlich in die Läden gehen und einkaufen. Ein Problem sind auch die unterschiedlichen Öffnungszeiten. Außerdem würden wir gerne eine Bürgerplattform etablieren, wo man direkt Ideen einbringen kann. Natürlich sind uns auch soziale und kulturelle Themen sehr wichtig. Ich persönlich träume auch von einem Stadtstrand in Kaufbeuren – fände ich megacool.

Herr Bosse, Sie arbeiten sich ja schon seit vielen Jahren an Themen zur Innenstadtbelebung ab.

Die Kunst ist, nicht nur die Idee zu haben, sondern auch einen Weg für die Umsetzung zu finden. Die Ideen sind mannigfaltig vorhanden. Bei den Zielen für die Innenstadt kann man nur mit kleinen Schritten vorankommen. Zum Beispiel die Sonnensegel: Da gibt es Schwierigkeiten mit dem Brandschutz, mit dem Denkmalschutz, mit den Anwohnern. Jetzt fangen wir ganz klein am Kirchplatz an, um zu zeigen, wie es aussehen könnte. Ich finde es gut, wenn da Mitstreiter da sind, aber ich warne vor der Illusion, dass die jetzt alles spontan verändern können.

Ist das für Sie, Frau Bosse, auch ein wenig entmutigend?

Ich weiß, wie Politik läuft, es geht immer um Kompromisse. Aber ich bin trotzdem der festen Überzeugung, dass man da mehr bewegen kann.

Ist Ihnen Ihr Vater zu pragmatisch?

Er ist schon offen für Ideen. Er bringt mich in vielerlei Dingen auch wieder auf den Boden der Tatsachen. Aber man darf trotzdem nicht aufhören, Ideen zu haben.

Haben Sie keine mehr, Herr Bosse?

Meiner Erfahrung nach sind die guten machbaren Ideen schon überwiegend abgefrühstückt. Es lohnt sich, um die guten Ideen zu kämpfen, die bisher nicht machbar waren. Und natürlich gibt es Sachen, die einfach keinen Sinn machen.

Zum Abschluss, Frau Bosse, was wünschen Sie Ihrem Papa für die nächsten sechs Jahre?

Ich wünsche ihm innovative Ideen, gute Unterstützung von Seiten des Stadtrats und der Bürger und viel, viel Rückenwind.

Mit den Bosses sprachen Jessica Stiegelmayer, Renate Meier und Jürgen Gerstenmaier