Corona-Einsamkeit

Erzeihungsberaterin: "Viele Jugendliche haben Angst, das Leben zu verpassen"

Viele Jugendliche fühlen sich derzeit einsam. Die KJF-Erziehungsexpertin weiß, was dagegen hilft.

Viele Jugendliche fühlen sich derzeit einsam. Die KJF-Erziehungsexpertin weiß, was dagegen hilft.

Bild: KJF Augsburg

Viele Jugendliche fühlen sich derzeit einsam. Die KJF-Erziehungsexpertin weiß, was dagegen hilft.

Bild: KJF Augsburg

Die Kontaktbeschränkungen treffen Kinder und Jugendliche besonders hart. Was ihnen jetzt hilft? Eine Allgäuer Erziehungsberaterin hat Tipps für Eltern.

02.04.2021 | Stand: 12:00 Uhr

"Ich habe das Gefühl, dass ich gerade mein Leben verpasse“ – solche Sätze hören Martina Kokorsch und ihre Kolleginnen von der KJF Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung Kaufbeuren mit Außenstelle in Buchloe immer häufiger. Nach einem Jahr Pandemie leiden gerade Jugendliche unter den Kontaktbeschränkungen: Sie können keine Freunden treffen, nicht feiern gehen, nichts ausprobieren, sich nicht verlieben. „Die meisten haben keine Abwechslung im Alltag, man hält sich immer an einem Ort auf, bekommt keine Anregung, leidet unter Einsamkeit“, erklärt die Erziehungsberaterin.

Kleine Kinder reden oft nicht über Probleme

Jüngere Kinder äußern ihre Probleme oft nicht direkt – doch auch sie haben es jetzt schwer. Eltern merken dann, dass der Nachwuchs anstrengender ist als sonst, weil die Kinder viel Aufmerksamkeit suchen, nicht wissen, wie sie sich beschäftigen sollen oder aggressiv werden. Bei manchen Kindern treten somatische Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Schlafprobleme auf. Eltern falle es schwer, immer neue Ideen zu entwickeln, die Leichtigkeit in den ewig gleichen Familienalltag bringen. „Die Pandemie ist zu einer langen Durststrecke geworden“, so Kokorsch.

Vorfreude schaffen

Dennoch ermutigt sie Familien, Pläne zu schmieden, um sich auf etwas freuen zu können – auch, wenn das zweite Jahr in Folge keine Verwandtschaftstreffen, keine Ausflüge oder Urlaubsreisen zu Ostern möglich sind: „Familien können gemeinsam überlegen, wie man neue Rituale entwickeln oder bewährte in einer veränderten Form beibehalten kann.“ Außerdem rät Kokorsch, eine Pause vom Thema Schule und Lernen zu machen – zumindest am langen Osterwochenende, besser noch die kompletten Osterferien, wenn nicht gerade Abschlussprüfungen anstehen, denn „Pausen sind wichtig, um danach wieder erholter und effektiver arbeiten zu können“.

Gefühle nicht herunterspielen

Einsamkeit ist für Kinder jeden Alters sehr real spürbar. Eltern sollten nicht versuchen, ihrem Nachwuchs diese Gefühle auszureden oder sie herunterzuspielen, sondern nachfragen, zuhören, Verständnis zeigen. Übrigens: Nur weil ein Kind oder Jugendlicher sich nicht aktiv beschwert oder nach seinen Freunden fragt, heißt das nicht, dass sie oder er nicht leidet. Für Jugendliche sind meist nicht mehr die Eltern die ersten Ansprechpartner bei Problemen, sondern eher die beste Freundin oder der beste Freund. Eltern sollten tolerant sein – beispielsweise bei stundenlangen Telefonaten.

Manche Teenies brauchen einen Schubs

Manche Jugendliche sind kreativ, um mit ihrer Clique in Kontakt zu bleiben. Im Video-Anruf gemeinsam Hausaufgaben erledigen oder ein Sportprogramm durchziehen, sich zur Video-Konferenz am Nachmittag verabreden. Andere brauchen vielleicht Unterstützung der Eltern. Manchen Teenagern fehlt die Energie, neue Dinge anzugehen oder auszuprobieren, die ihnen dann Spaß machen und gut tun. Eltern dürfen da durchaus sanft anschieben, einen Spaziergang oder eine Radtour mit einer Freundin oder einem Freund oder einen Online-Sportkurs in die Tat umzusetzen. „Überlegen Sie, was Ihr Kind gut kann oder sehr gerne macht, und bauen sie diese Fähigkeiten und Interessen aktiv in den Tag ein“, so Kokorschs Rat an die Eltern. Zum Beispiel könne man mit Video-Tutorials neue Tanzschritte einstudieren oder ein neues Handwerksprojekt suchen.

Professionelle Hilfe annehmen

Wenn sich Kinder oder Jugendliche immer mehr zurückziehen, anhaltende Schlafprobleme oder Appetitlosigkeit auftreten, die keine medizinische Ursache haben, oder sie selbst Belastungen äußern, für die sie keine eigene Lösung wissen, bietet die KJF Erziehungs-, Jugend- und Familienberatung schnelle und kostenlose Hilfe an.

Erreichbar ist die KJF Kinder- und Jugendhilfe Kaufbeuren-Ostallgäu im Baumgarten 18, Telefon 08341/90240, E-Mail: eb.kaufbeuren@kjf-kjh.de
Zudem wird eine anonyme Onlineberatung angeboten.