Stadtgeschichte

Wie aus Kaufbeurer Blatternhaus die Königliche Gewerbeschule wurde

Das Gebäude der späteren Gewerbeschule zu Füßen der Blasiuskirche, wie es der Kaufbeurer Bildchronist Andreas Schropp 1848 gemalt hat.

Das Gebäude der späteren Gewerbeschule zu Füßen der Blasiuskirche, wie es der Kaufbeurer Bildchronist Andreas Schropp 1848 gemalt hat.

Bild: Schwangart (Repro)

Das Gebäude der späteren Gewerbeschule zu Füßen der Blasiuskirche, wie es der Kaufbeurer Bildchronist Andreas Schropp 1848 gemalt hat.

Bild: Schwangart (Repro)

Bilderchronist Andreas Schropp verewigte auch ein geschichtsträchtiges Anwesen am Kemptener Tor. Ursprünglich lag es aus gutem Grund außerhalb der Stadtmauer.
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Von Helmut Lausser
19.04.2021 | Stand: 06:30 Uhr

Der Kaufbeurer Konditormeister und Bilderchronist Andreas Schropp nutze vor allem seinen Ruhestand in den 1840er-Jahren, um Ansichten und Ereignisse in seiner seit 1802 bayerischen Heimatstadt zu dokumentieren. Dabei erlebte er persönlich auch das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnende Ausgreifen der Stadt vor die ehemals reichsstädtischen Mauern.

Wasser vom Märzisrieder Bach

Außerhalb von Stadtmauern und Gräben lagen zu Zeiten des Mittelalters und der frühen Neuzeit neben der Espan- und der Spitalmühle vor allem die Einrichtungen, die der Unterbringung und Quarantäne von Personen dienten, die von ansteckenden Krankheiten befallen waren. Zu Letzteren gehörten das 1182 gegründete Sondersiechenhaus bei St. Dominikus und das gegen Ende des 15. Jahrhunderts errichtete Blatternhaus vor dem Kemnater Tor. Bis 1596 stand an seiner Stelle das seit 1535 von der Stadt betriebene „Maienbad zum guten Brunnen“. Das Wasser kam vom Märzisrieder Bach, der hier unterhalb der Blasiuskirche in die Stadt geleitet wurde und später den Namen Blatterbach erhielt.

Sonderkrankenhaus

Im Blatternhaus waren die Familie des Blattervaters und bis zu 20 Patienten untergebracht. Dabei handelte es sich um Personen mit Syphilis („böse Blattern“), Pocken („schwarze Blattern“) und anderen ekelerregenden Krankheiten wie offen sichtbare Geschwüre und Hautleiden. Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts verlor das Blatternhaus allmählich seine Aufgabe als Sonderkrankenhaus und wurde von der Stadt nach dem Vorbild von Spital und Seelhaus zu einem Alters- und Pflegeheim umgewandelt. Am Ende der Reichsstadtzeit wurden dann schließlich auch Mittel- und Obdachlose ohne Krankheiten vom Rat hier eingewiesen. Als das Blatternhaus 1828 geschlossen wurde, kamen seine letzten Insassen als Pfründner in das 1825/26 von Karl Jakob Stecher neu errichtete Spital.

Klassizistischer Neubau

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich auch die Umgebung des Blatternhauses schon deutlich verändert. Insbesondere der Graben am Kemnater Tor, welches 1810 einstürzte, war aufgefüllt und an Privatpersonen veräußert worden. Das Blatternhaus selbst wurde im August 1828 öffentlich versteigert und für 1525 Gulden dem Baumeister Stecher überlassen. Dieser errichtet dann vor 1845 für Johann Georg Schweyer, den Wirt des Gasthauses „Zur Blauen Ente“, der späteren „Geiß“, auf dem Grundstück das heute noch bestehende klassizistische Gebäude. Es hat ein Walmdach, Rundbögen über den Fenstern im Untergeschoß und ein ebenfalls rundbogiges Portal mit geschnitzten Empire-Ornamenten. Gleichzeitig wurde das eigentliche Blatternhaus im hinteren Teil des Gartens zum Pferdestall und Waschhaus umgestaltet. 1851/52 verkaufte die Witwe Schweyers das neue Wohnhaus an den Königlich bayerischen Forstmeister Franz Thoma, den Großvater des Heimatdichters Ludwig Thoma, während ihr Sohn das Blatternhaus für sich behielt. Der von Thoma angelegte Garten mit seinem Springbrunnen fiel im 20. Jahrhundert dem Bau der Dresdener Bank zum Opfer. Das 1848 angefertigte Aquarell Schropps zeigt den Zustand des Anwesens Kemptener Tor 3 zu Zeiten Forstmeister Thomas mit Blick auf die Blasiuskirche, von der die Stadtmauer damals noch bis hinunter zum Scharfrichterhaus reichte.

Erfolg nach Anlaufschwierigkeiten

1854 jedoch erwarb die Stadt Kaufbeuren das Anwesen für die Landwirtschafts- und Gewerbeschule. Diese war seit 1834 im neuerrichteten Spitalgebäude untergebracht gewesen, sollte aber nach verschiedenen Anlaufschwierigkeiten im Oktober 1850 aus Kostengründen geschlossen werden. Ihr Überleben verdankte sie vor allem einer Initiative des Kaufbeurer Bürgermeisters und Landtagsabgeordneten Christoph Friedrich Heinzelmann, der in München nach der Gründung der Mechanischen Baumwollspinnerei und Weberei und dem Bahnanschluss auf das blühende Gewerbeleben in der Wer-tachstad und damit auf die Notwendigkeit der Ausbildung von Nachwuchskräften verweisen konnte. Die im neuen Schulhaus untergebrachte Landwirtschafts- und Gewerbeschule wurde deshalb schon im September 1855 zur Lehranstalt 1. Klasse mit drei Jahrgängen erhoben. Organisatorisch wurden Landwirtschafts- und Gewerbeschule im Sommer 1864 voneinander getrennt. Seitdem führte die Lehranstalt am Kemptener Tor den Namen „Königliche Gewerbeschule“. Diese zog schließlich im September 1873 in den neuen Schulhausbau, den sich die Stadt durch das Erbe der 1868 ermordeten Großhändlerseheleute Friedrich und Amalie Schrader leisten konnte. Im Gebäude der heutigen Schraudolph-Schule erlebte die Königliche Gewerbeschule 1877 ihre Aufstockung auf vier Jahrgangsstufen und die Umgestaltung zur „Königlichen Realschule“ mit den neu eingeführten Fächern Englisch und Kaufmännisches Rechnen. Das Schulgebäude am Kemptener Tor ist seit dem Auszug der Gewerbeschule in Privatbesitz.

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