Ausstellung in Memmingen

Kaufbeurer Künstlerin thematisiert Unbehagen über Heimat und Herkunft

Künstlerin Cornelia Renz inmitten ihrer Ausstellung und der Installation „Reise nach Jerusalem“.

Künstlerin Cornelia Renz inmitten ihrer Ausstellung und der Installation „Reise nach Jerusalem“.

Bild: Ralf Lienert

Künstlerin Cornelia Renz inmitten ihrer Ausstellung und der Installation „Reise nach Jerusalem“.

Bild: Ralf Lienert

„Heimspiel“ nennt Cornelia Renz ihre Schau in der Mewo-Kunsthalle Memmingen. Wie die Künstlerin der Geschichte mit einer „Reise nach Jerusalem“ nachspürt.
15.10.2020 | Stand: 18:00 Uhr

Heimat: was für ein großer, aufgeladener Begriff! Für die Künstlerin Cornelia Renz – ausgebildet in der Neuen Leipziger Schule von Sighard Gille und Neo Rauch – war Heimat allerdings viele Jahre nur der bewusst zurückgelassene Ort, in dem sie aufgewachsen ist, nämlich Kaufbeuren. Erst über den Umweg Israel hat sie sich mit dem Thema Erinnerungen und Herkunft, mit dem Verhältnis von Heimischen, Vertriebenen und Zugewanderten beschäftigt.

In Israel lebt sie normalerweise etwa die Hälfte des Jahres. Normalerweise, weil wegen der Pandemie seit Monaten keine Einreise möglich ist. Also bleibt sie in Berlin, ihrem zweiten Standort. Und nun hat sie (fast) ein „Heimspiel“ in der Mewo-Kunsthalle in Memmingen, so der Titel ihrer Ausstellung, die dort bis zum 31. Januar zu sehen ist.

"Reise nach Jerusalem" ist ein Ausstellungsstück

Beinahe stolpert man beim Betreten der Schau über ein paar zum Kreis gestellte Kinderstühle. „Reise nach Jerusalem“ heißt das Werk. Und schon dreht sich das Gedankenkarussell: Hat das Spiel, das jeder kennt, etwa damit zu tun, dass im „Dritten Reich“ nicht alle Juden die Ausreise nach Palästina oder ins rettende Ausland geschafft haben? Ein harmloser Kindergeburtstagsspaß kippt damit schnell ins Drama, Unglück, Desaster.

Dieses Ambivalente, Vielschichtige und auch das Unbehagen, das damit oft ausgelöst wird, ist Programm in Renz’ Werken, die höchst politische Geschichten erzählen. Israel und Deutschland sind in der „Heimspiel“-Ausstellung die Pole, zwischen denen Renz sich künstlerisch bewegt. In ihren jüngsten Arbeiten erforscht sie israelische, palästinensische und deutsche Geschichte im Hinblick auf den Heimatbegriff. Auch Kaufbeurer Geschichte.

Cornelia Renz schafft komplexe Szenerien

Dabei ist Renz’ Arbeitsweise von der Collage geprägt. Sie hat eine Art Hinterglasmalerei auf großformatigen Acrylscheiben entwickelt, die sie meist mit Faserstiften bemalt. Mindestens zwei malt sie pro Werk. Erst übereinandergestaffelt ergeben sie ein Gesamtbild, nämlich komplexe Szenerien, in denen die Künstlerin Zitate aus der Kunstgeschichte, Comics, wissenschaftlichen Illustrationen oder Werbung einarbeitet und ihnen so eine neue Bedeutung zuweist. Auch Arbeiten anderer Künstler bezieht sie mit ein. In dieser Ausstellung sind es Videos von Raya Bruckenthal, Raafat Hattab und Yara Kassem Mahajena (alle Israel).

Anspielung auf den Nazi-Bürgermeister in Kaufbeuren

Renz kommt von der figurativen Malerei, hat ihr Schaffen aber früh auch aufs Objekthafte ausgeweitet. „Coating“ und „Heimat (Los)“ sind zwei Beispiele, die eigens für Memmingen entstanden sind – und die direkt auf Kaufbeuren Bezug nehmen. Mit „Coating“ reagiert sie auf das Projekt „Kaufbeuren unterm Hakenkreuz. Eine Stadt geht auf Spurensuche“ und die entsprechende Ausstellung im Stadtmuseum („da war ich zum ersten Mal stolz auf Kaufbeuren“). Man sieht eine Garderobe, an der ein schwarzes Sakko hängt, davor steht ein kleiner Buchsbaum auf einem Nierentischchen.

Wie vielschichtig und assoziativ Renz arbeitet, lässt sich beispielhaft daran zeigen: Die Anzugjacke spielt auf Hans Wildung an, von 1933 bis 1943 Bürgermeister in Kaufbeuren, auf dessen Amtsporträt die NSDAP-Kreisleiteruniform nach 1945 mit einem schwarzen Anzug übermalt wurde. Das Sakko in der Ausstellung hängt auf einem Kleiderbügel aus Allgäuer Buchsbaum – ebenso wie der Blumentopf eine Erinnerung an den jüdischen Kaufmann Ernst Buxbaum, der von 1938 bis 1939 im KZ Dachau inhaftiert war und sich anschließend das Leben nahm. Die Tapete dahinter hat Renz selbst gemalt, das Muster ist übernommen vom Cover eines Katalogs über den Hausgeistlichen Christian Frank der Heilanstalt Irsee, einem Zentrum der Euthanasie.

Bayerische Raute vereint sich mit mit Hammer und Sichel

Solche Tapeten, deren abstrakte Muster immer symbolische Zeichen sind, finden sich auch hinter weiteren Werken in der Ausstellung. Etwa hinter „Yes. we...“, wo auf Palästinenserfarben Davidsterne auftauchen, oder „Heimathunger“ , hinter dem sich die bayerische Raute mit Hammer und Sichel vereint.

Mit wenigen Blicken zu lesen sind sie also nicht, die bedeutungstiefen Werke von Cornelia Renz, in denen sie mit vielerlei Versatzstücken und Ambivalenzen spielt, und in denen sie manchmal auch selbst vorkommt. Aber das will sie auch gar nicht. „Die Leute sollen sich darauf einlassen und darüber nachdenken“, sagt sie. Im Raum mit zwei Videoarbeiten von Raya Bruckenthal und Raafat Hattab, in denen es vordergründig um Tätowierungen geht, steht eigens ein Sofa dafür. Zu manchen Arbeiten gibt es erklärende Texte.

Über die Wände der Kunsthalle zieht sich ein Spielfeld

Etwa zu „Heimat (Los)“ im letzten Raum dieser beeindruckenden und sehenswerten Schau. Über die Wände zieht sich ein Spielfeld – allerdings mit Anspielungen auf ein Brettspiel namens „Juden raus!“ Darauf hat Renz eine Art Totentanz platziert, in dem sie einiges aus ihrer katholisch geprägten Kindheit und Jugend in Kaufbeuren skurril verfremdet auftreten lässt. Inspiriert von Bildern mit gefolterten Heiligen in der Blasiuskirche („Self as Therese“), der heiligen Crescentia, dem Tänzelfest („Hopsa“) oder der Schwabenliesl (LieselGretel“).

All das spielt aber auch auf die Willkür der Beheimatung an – in unserer Zeit, der nicht mehr versiegenden Flüchtlingsströme. Wo gehört man dazu? Wo fühlt man sich ausgeschlossen? Warum will man irgendwo nicht mehr sein? Eine von Renz’ Erkenntnissen nach ihrer intensiven Beschäftigung damit ist: „Heimat ist nicht gutschlecht, sondern immer beides.“