Porträt

Allgäuer Günter Klamert erfand den ehrenamtlichen „Helfer vor Ort"

Ein Allgäuer gründet ehrenamtlichen Rettungsdienst.

Ein Allgäuer gründet ehrenamtlichen Rettungsdienst.

Bild: Marlene Weyerer (Symbolbild)

Ein Allgäuer gründet ehrenamtlichen Rettungsdienst.

Bild: Marlene Weyerer (Symbolbild)

Vor 33 Jahren rief er den Rettungsdienst für den Notfall ins Leben. War das die Geburt der ersten süddeutschen Staffel des "First Responder Dienstes"?

09.08.2020 | Stand: 06:00 Uhr

Günter Klamert ist das, was man einen Macher nennt. Der 66-Jährige hat sich immer schon weit über das gängige Maß hinaus für seine Mitmenschen engagiert. In seinem langjährigen Wohnort Balderschwang etablierte der gebürtige Oberstaufner vor 33 Jahren in Eigeninitiative ein Ersthelfersystem, dem zahlreiche Menschen ihr Leben zu verdanken haben. Später übernahmen die Oberallgäuer BRK-Bereitschaften das System der „Helfer vor Ort“. Heute gibt es sieben HvO-Standorte im Oberallgäu und Kleinwalsertal.

Mit Leidenschaft Rettungsdienstfahrer

1985 kam Klamert zur Sanitätskolonne des BRK Sonthofen und absolvierte mehrere Ausbildungen bis zum Rettungsdiensthelfer. „Ich fuhr mit Leidenschaft Rettungsdienst“, blickt der 66-Jährige zurück. Wohnhaft war er damals im 23 Kilometer entfernten Bergdorf Balderschwang. Dort arbeitete er zunächst beim Zoll später als Leiter eines kirchlichen Schullandheims.

„Balderschwang ist ja ziemlich weg vom Schuss“, sagt er. „Wenn es dort damals zu einem medizinischen Notfall kam, musste man schon eine ganze Weile warten, bis der Rettungsdienst aus Sonthofen, Oberstdorf oder Oberstaufen da sein konnte“, erinnert er sich. Immerhin wies der 14 Kilometer langen Bergpass stellenweise 16 Prozent Steigung auf. „Im Winter war es noch schlimmer. 35 Minuten Anfahrtszeit waren üblich“, erklärt er. Im Vergleich dazu sei die heutige Riedbergpassstraße eine regelrechte Autobahn. Deshalb habe er sich überlegt, „dass man doch etwas machen müsse“, um die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken. „Durch meine Erfahrung im Rettungsdienst war ich in der Lage dazu. Also habe ich es halt gemacht“, meint er lakonisch. So kam es, dass der damals 33-Jährige 1987 einen Ersthelferdienst für Balderschwang ins Leben rief. „In der ersten Zeit war ich da oben allein auf weiter Flur.“ Da sei er mit dem eigenen Auto und Minimalausrüstung gefahren, „quasi mit einem besseren Verbandskasten“. Später hätten die Gemeinde und die Ortsvereine für ihn einen Notfallkoffer mit Sauerstoff und Defibrillator angeschafft.

Das Prinzip des inzwischen fest etablierten „Helfer vor Ort“ – oder First Responder-Dienstes – mit speziell ausgebildeten ehrenamtlichen Rettern habe es seines Wissens damals noch nirgends in Süddeutschland gegeben. Die Idee fiel beim Roten Kreuz auf fruchtbaren Boden, sodass der Dienst ab 1990/91 unter dessen Dach lief. Nach einiger Zeit hätten sich Kollegen aus der Feuerwehr Balderschwang gefunden, die beim Notfalldienst mitmachen wollten. Sie ließen sich bei Klamert, der auch Erste-Hilfe-Ausbilder war, und beim BRK Sonthofen schulen. Im Lauf der Zeit wurden es immer mehr. Heute sind elf Balderschwanger Helfer in dem Ort.

Größtenteils gelten die Einsätze Urlaubern und Gästen. Viele Reanimationen habe es gegeben, Kindernotfälle wie Erstickungen, Auto- oder Motorradunfälle. Einmal habe eine Person die Beine in die Schneefräse bekommen, erinnert sich Klamert an einen schlimmen Fall.

Festlicher Abschied

2009 gab Klamert seine Mitwirkung im Rettungsdienst Sonthofen aus persönlichen Gründen auf. Dem HvO blieb er bis vor Kurzem treu. Im Juni 2020 ging der zweifache Familienvater in Rente und zog mit seiner Ehefrau nach Lauben. Sämtliche Balderschwanger Ortsvereine und die Pfarrgemeinde sowie die Gemeindeverwaltung organisierten ihm eine herzliche Verabschiedung – mit Festgottesdienst, einem Zug ins Gemeindehaus, Beifall-Spalier und festlichem Empfang. Klamert war überwältigt, wie er sagt. „Ich war immer gern für die Leute da. Aber irgendwann muss man so etwas in andere Hände geben.“ Bei seiner Nachfolgerin Anna-Maria Vögel sei der HvO-Dienst jedenfalls in besten Händen.