Forschungsprojekt mit Allgäuer Beteiligung

Antibiotika bei Kühen: Zwei Allgäuer Bauern wollen weniger Medikamente einsetzen

Hans Reiser (links) und Tobias Weizenhöfer behalten die neue Methode, das „selektive Trockenstellen“, bei. Weizenhöfer hält zudem Vorträge bei Kollegen, Viehzuchtgenossenschaften und in Arbeitskreisen zum Thema Antibiotika-Einsatz.

Hans Reiser (links) und Tobias Weizenhöfer behalten die neue Methode, das „selektive Trockenstellen“, bei. Weizenhöfer hält zudem Vorträge bei Kollegen, Viehzuchtgenossenschaften und in Arbeitskreisen zum Thema Antibiotika-Einsatz.

Bild: Ralf Lienert

Hans Reiser (links) und Tobias Weizenhöfer behalten die neue Methode, das „selektive Trockenstellen“, bei. Weizenhöfer hält zudem Vorträge bei Kollegen, Viehzuchtgenossenschaften und in Arbeitskreisen zum Thema Antibiotika-Einsatz.

Bild: Ralf Lienert

Antibiotika-Einsatz bei Nutztieren wie Hühnern oder Kühen? Da schrillen bei vielen Menschen im Allgäu die Alarmglocken. Muss das sein?
09.08.2021 | Stand: 10:13 Uhr

Was, wenn die Medikamente in den Lebensmitteln landen? Landwirt Hans Reiser und sein Stiefsohn Tobias Weizenhöfer aus Haldenwang (Oberallgäu) wollen mit Alltagsmythen aufräumen und erklären, was es mit dem Antibiotika-Einsatz bei Milchkühen auf sich hat. Mehr noch: Sie haben an einem Forschungsprojekt der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) teilgenommen, das die Medikamente auf ein Minimum reduzieren sollte – mit Erfolg.

„Milch in Bayern ist das am besten kontrollierte Lebensmittel der Welt“, sagt Reiser. Es würden Proben auf dem Hof entnommen, bevor sie in den Tankwagen gesaugt wird. Und auch vor dem Abladen im Milchwerk werde ein Schnelltest durchgeführt, erklärt er. Die Tests auf Medikamentenrückstände seien sehr scharf. Und es müsse eine lange Wartezeit eingehalten werden, bis die Milch einer behandelten Kuh wieder verwertet werden dürfe.

Allgäuer Landwirt: Strenge Kontrolle bei der Milch

Tobias Weizenhöfer betont zudem, dass jede Antibiotika-Gabe mit dem Tierarzt abgestimmt ist. „Der muss das Medikament verordnen, ich kann das den Tieren nicht einfach so geben“, sagt der Landwirt. Eingesetzt würden die Mittel, genau wie beim Menschen, wenn eine Kuh krank ist – bei einer Entzündung des Euters etwa. Und beim Trockenstellen.

„Trockenstellen“ ist eine sechs- bis achtwöchige Phase, in der eine Kuh keine Milch gibt. Am Ende wird ein neues Kalb geboren. „Die Empfehlung war immer, dass ein antibiotischer Schutz unverzichtbar ist“, sagt Weizenhöfer. Denn es bestehe die Möglichkeit, dass sich die Kuh zuvor Keime eingefangen hat – durch Umwelteinflüsse wie etwa Insektenstiche.

Forschungsprojekt widmet sich selektivem Trockenstellen möglichst ohne Antibiotika

Bisher hätten alle Kühe Medikamente bekommen – ob sie krank waren oder nicht. Das RAST-Projekt der LfL setzte genau da an. „Die Grundfrage war, ob selektives Trockenstellen möglich ist ohne die Gesundheit der Euter zu gefährden“, erklärt Weizenhöfer. Selektives Trockenstellen bedeutet, dass Antibiotika nur dann eingesetzt werden, wenn die Kuh sie braucht.

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Über die Landwirtschaftsschule in Kempten lernte der junge Bauer 2016 das Projekt kennen. „Wir haben da perfekt reingepasst.“ 60 Milchkühe hält seine Familie auf dem Hof. Weitere 15 Milchviehbetriebe nahmen teil.

Zu Beginn untersuchte der Tiergesundheitsdienst Bayern (TGD) die Herde. Auch, um zu klären, ob der Betrieb fürs selektive Trockenstellen geeignet ist. Denn seien bestimmte Keime vermehrt vorhanden, könne auf Antibiotika nicht verzichtet werden, sagt Reiser. Danach mussten mehrfach Proben aus der Milch entnommen werden. Diese seien auf den Gehalt an abgestorbenen Zellen – ein Wert, der Aufschluss über den Gesundheitszustand gibt – und auf sämtliche Keime untersucht worden.

Projekt: Hälfte der Kühe konnten auf Antibiotika verzichten

Abhängig vom Ergebnis konnte man in einem Baumdiagramm ablesen, welcher Schritt als nächster zu tun ist. So stehe am Schluss fest, welche Tiere Antibiotika während des Trockenstellens brauchen und welche nicht, erklärt Weizenhöfer. Zunächst habe die Landesanstalt alles vorgegeben. Dann sollten die Betriebe mit dem Tierarzt selbst entscheiden (Lesen Sie auch: Bauern setzen auf Dinkel wegen mauer Aussichten für Braugerste).

Das Ergebnis: Die Gesundheit der Euter ist nicht gefährdet, im Gegenteil. Und in 48 Prozent der Fälle konnte auf Antibiotika verzichtet werden. Auf dem Reiser-Hof waren es 50 Prozent. Allerdings verzeichnete Weizenhöfer auch 200 Euro Mehrkosten im Jahr, die für Untersuchungsgebühren und Material anfielen. So hätten sich die eingesparten Medikamente wieder ausgeglichen. „Aber die 200 Euro sind es uns wert, um dem Verbraucher zu signalisieren, dass wir mit der Zeit gehen und etwas für die Tiere tun.“

„Und gewiss habe ich eine gesündere Herde“, ergänzt sein Stiefvater. Die Untersuchung des TGD werde jährlich wiederholt, weshalb man früher mitbekomme, dass Kühe krank sind. So habe er auch ein Jungvieh entdeckt, das sich auf der Weide einen aggressiven Keim eingefangen hatte – äußerlich aber gesund schien. „Wir konnten sie sofort von der Herde trennen.“ Denn eine Kuh, die nach ein paar Wochen Milchgeben eine Euterentzündung hat, hat große Schmerzen und „ist der größte finanzielle Schaden“.

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Bild: Ralf Lienert