Blasmusik

Blaskapellen stecken im Dilemma: Musikfeste ja oder nein?

Ob es solche Szenen im Sommer 2021 geben wird: viele Musikanten, noch mehr Zuhörer – und alle ohne Abstand oder Masken ... Unser Bild entstand beim Bezirksmusikfest 2019 in Schrattenbach – beim Sternmarsch mehrerer Blaskapellen zum Auftakt der Feierlichkeiten.

Ob es solche Szenen im Sommer 2021 geben wird: viele Musikanten, noch mehr Zuhörer – und alle ohne Abstand oder Masken ... Unser Bild entstand beim Bezirksmusikfest 2019 in Schrattenbach – beim Sternmarsch mehrerer Blaskapellen zum Auftakt der Feierlichkeiten.

Bild: Matthias Becker

Ob es solche Szenen im Sommer 2021 geben wird: viele Musikanten, noch mehr Zuhörer – und alle ohne Abstand oder Masken ... Unser Bild entstand beim Bezirksmusikfest 2019 in Schrattenbach – beim Sternmarsch mehrerer Blaskapellen zum Auftakt der Feierlichkeiten.

Bild: Matthias Becker

Können die großen Musikfeste mit tausenden Besuchern in Sommer stattfinden? Diese Frage diskutieren die Blaskapellen intern gerade intensiv. Dabei müssen sie erhebliche Risiken abwägen.
14.01.2021 | Stand: 17:00 Uhr

Sollen die großen Musikfeste im kommenden Sommer stattfinden oder nicht? Diese Frage treibt derzeit gleich mehrere Oberallgäuer Blaskapellen um. Denn sie wissen nicht, wie sich die Corona-Pandemie weiterentwickelt und die Hygiene-Regeln in einigen Monaten aussehen werden. Momentan halten die Harmoniemusik Wiggensbach und die Musikkapelle Lauben-Heising noch an den Plänen für ihre Bezirksmusikfeste fest. Aber die Zweifel wachsen. „In mir reift die Erkenntnis: Es wird schwierig“, sagt Helmut Huber, Vorsitzender der Wiggensbacher Kapelle. Ähnliches gilt für den Trachtenverein „D’ Koppachtaler“ in Altusried, die das Gautrachtenfest stemmen müssen, sowie die Harmonie-Musik-Gesellschaft Weitnau, die das Hauchenbergring-Treffen organisiert.

Im südlichen Oberallgäu hat die diesjährige Gastgeberin, die Musikkapelle Akams, die Reißleine schon gezogen und das Musikfest des ASM-Bezirks Sonthofen abgesagt – „aufgrund der anhaltenden unkalkulierbaren Situation“. Genau mit dieser Unkalkulierbarkeit kämpfen auch die Festausschüsse um Florian Gröger in Lauben-Heising und Helmut Huber in Wiggensbach. Im Bezirk Kempten des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes gibt es heuer nämlich zwei große Feste: das reguläre 49. Bezirksmusikfest, mit dem die Harmoniemusik Wiggensbach von 8. bis 11. Juli ihr 200-jähriges Bestehen feiern möchte, und das 48. Bezirksmusikfest, das die Musikkapelle Lauben-Heising auf 17. bis 20. Juni terminiert hat – als Ersatz für das ausgefallene Fest im Sommer 2020.

Ein Desaster für den Verein

„Wir sind in einer intensiven Diskussionsphase“, sagt Helmut Huber. Lange Zeit waren der Vorsitzende der Wiggensbacher Kapelle und seine Leute überzeugt davon, dass die Feierlichkeiten 2021 über die Bühne gehen werden. „Inzwischen wissen wir nicht mehr, ob wir’s machen können – zumindest in der geplanten Form.“

Was Huber und Gröger nervös macht, sind vor allem die finanziellen Risiken. Schließlich müssen die Ausgaben in Höhe von mehreren zehntausend Euro an den vier Festtagen am Ende wieder reinkommen. Sollten im Juni oder Juli aber immer noch Abstands- und Hygieneregeln gelten, so dass in die 3000 Besucher fassenden Festzelte nur ein Bruchteil davon eingelassen werden darf, ginge die Rechnung nicht mehr auf. „Das wäre für einen kleinen Verein wie uns ein finanzielles Desaster“, erklärt Helmut Huber. Sein Pendant von der Musikkapelle Lauben-Heising, Florian Gröger, weist auf den riesigen organisatorischen Aufwand hin: „Wie sollen wir die vielen Musikanten und Tausende von Besucher schützen?“

Besonders bitter wäre eine Absage für die Musikerinnen und Musiker, weil sie seit ein, zwei Jahren intensiv auf die Mammutfeste hinarbeiten – mit unzähligen Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Ein stimmungsvolles Fest und ein finanzieller Überschuss für die Vereinskasse wären dann schöne Belohnungen. Doch der Glaube, dass es klappen könnte, schwindet sowohl bei Huber als auch bei Gröger.

Sie befürchten zudem, dass viele Blasmusikfreunde aus Angst vor Ansteckung wegbleiben. Der Wiggensbacher Kapellenchef Huber zieht daraus diesen Schluss: „Lieber kein Fest als ein schlechtes Fest und am Ende ein Loch in der Vereinskasse.“

Politik soll Perspektive bieten

Beide Kapellen planen einstweilen weiter – freilich auf Sparflamme. Eine Entscheidung wollen sie Ende Januar, Anfang Februar treffen – bevor dann größere Ausgaben anstehen. Bis dahin wird wohl auch geklärt sein, ob es Wertungsspiele gibt. Das musikalische Kräftemessen der Blaskapellen würde Ende April in Wiggensbach stattfinden. Eigentlich. „Sie wackeln auch“, sagt Vorsitzender Huber. Man stehe in dieser Sache in engem Kontakt mit Bezirksdirigent Georg Hartmann. Voraussetzung für Wertungsspiele wäre auch, dass die Kapellen proben können. Wann dies wieder möglich ist, wagt derzeit niemand zu prognostizieren.

Sowohl Huber als auch Gröger wünschen sich mehr Signale aus der Politik – sei es von der Bundes- und Landesebene, aber auch von der Kreisebene. Beide sagen, sie wären dankbar für eine Perspektive und für Unterstützung. „Von Politikern haben wir bisher nullkommanull gehört“, klagt Florian Gröger. „Sie stellen sich sonst gern auf die Ehrentribüne und winken. Aber jetzt lassen sie uns hängen.“ Und fügt an: „Wir sind halt nicht die Nordische Ski-WM.“

Hauchenbergring: Ob das große Treffen der zehn Kapellen in Weitnau stattfindet, entscheidet sich Ende März

Etwas gelassener als seine Kollegen ist Hubert Müller, der mit seiner Harmonie-Musik-Gesellschaft Weitnau das diesjährige Hauchenbergring-Treffen organisiert. Für die Entscheidung über eine Absage des viertägigen Fests von 29. Juli bis 1. August, dessen Programm steht, hat der Vorsitzende der Blaskapelle noch etliche Wochen Zeit. Erst Ende März müsse sie getroffen werden, erläutert er.

Die Weitnauer haben nämlich in die Verträge mit Bands und Brauerei Corona-Klauseln eingebaut. Bis Ende März käme die Kapelle ohne großen finanziellen Schaden davon, erklärt Müller. „Die bisherigen Ausgaben sind vertretbar.“

Gleichwohl wäre eine Absage „ewig schade“, fügt Müller an. Deshalb hat er mit seinem Ausschuss, der Sitzungen mittels „Teams“ abhält, schon mal über einen Plan B gesprochen. Ergebnis: Wenn ein großes Treffen der zehn Hauchenbergring-Kapellen nicht möglich ist, werde man ein kleineres Fest mit weniger Besuchern organisieren, vielleicht als Open-Air auf dem Dorfplatz. Müller: „Es findet auf jeden Fall etwas statt.“

Allgäuer Gaufest: Der Altusrieder Trachtenvereins-Chef Franz Merk erwartet Unterstützung von der Kreispolitik

„Ich hänge in der Luft“, sagt Franz Merk. Dieser Satz des Vorsitzenden des Trachtenvereins „D’ Koppachtaler“ Altusried, zeigt, wie angespannt die Lage ist. Die Koppachtaler, die heuer 100. Geburtstag feiern, richten zusammen mit dem Nachbarverein „D’ Allgäuer“ Bad Grönenbach von 3. bis 6. Juni das Allgäuer Gautrachtenfest aus. Auch Franz Merk und seinem Festausschuss stellt sich angesichts der Unsicherheiten und finanziellen Risiken immer dringlicher die Frage: Weitermachen oder absagen? Merk ist inzwischen soweit, dass er zur Absage tendiert. „Mir wird die Nummer langsam zu heiß“, sagte er auf Anfrage der Allgäuer Zeitung. Eine Verschiebung des Gaufestes komme für ihn nicht infrage.

Warum Merk und seine Leute nervös werden, zeigen die Zahlen: Bis jetzt haben die gastgebenden Trachtler schon 20 000 Euro ausgegeben. Am Ende werden es laut Merk mehr als 80 000 Euro sein, „bevor das erste Bier verkauft ist“. Am Festsonntag (6. Juni) erwarten die Organisatoren 5000 bis 6000 Besucher in Altusried. „Was aber ist, wenn wir wegen Corona nur 600 Leute ins Festzelt lassen dürfen“, fragt Franz Merk, der als Vorsitzender besonders in der Verantwortung steht.

Weil er sich alleingelassen fühlt, würde Merk gern Entscheidungshilfe aus der Kreispolitik erhalten. „Die können uns doch nicht hängen lassen.“ In seiner Not hat er vor wenigen Tagen sogar bei der Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller angerufen, sei aber im Vorzimmer hängen geblieben. Man habe ihm einen Rückruf versprochen. Bis gestern Nachmittag sei der aber nicht gekommen.