Gespräch

Bleiben die Bäume? - Debatte um Fällungen hinter Klinik-Parkhaus in Kempten

Kempten Klinikum

Sechs Eschen und Buchen sind hinter dem Mitarbeiter-Parkhaus des Kemptener Klinikums zur Fällung markiert.

Bild: Ralf Lienert

Sechs Eschen und Buchen sind hinter dem Mitarbeiter-Parkhaus des Kemptener Klinikums zur Fällung markiert.

Bild: Ralf Lienert

Ein Treffen zwischen Baumfreunden und Forstbetrieb soll die Frage um sechs Buchen und Eschen in Kempten klären. Warum es dabei vor allem um Verantwortung geht.
20.06.2021 | Stand: 12:54 Uhr

„Nachhaltigkeit ist unser Evangelium“, sagt Forstdirektor Peter Titzler vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten, als er zwischen dem Stadtwald und dem Mitarbeiter-Parkhaus des Klinikums steht.

Hier trifft er zusammen mit Revierleiter Michael Balk auf Kemptener Baumfreunde. Sie haben sich in den vergangenen Tagen schützend vor sechs Bäume gestellt, die zur Fällung markiert sind (wir berichteten).

"Alte Bäume sind wichtig für die Umwelt": Deshalb wollen Kemptener Baumfreunde die Rettung

„Ich bin wertvoll“, das haben Kati Bernhardt und weitere Mitglieder des Freundeskreises für ein lebenswertes Kempten auf Schilder geschrieben und vor den Bäumen platziert. „Diese großen, alten Bäume sind wichtig für uns und unsere Umwelt“, sagt Bernhardt. Sie seien Brutstätte für Vögel, Lebensraum für weitere Tiere, aber auch wichtig für die Aufnahme von CO2 angesichts des Klimawandels. Bernhardt: „Was diese Bäume leisten, kann ein junger Baum erst in vielen Jahren aufholen.“

Auch Revierleiter Balk liegt viel an einem Waldbild mit alten Bäumen. Er ist für insgesamt 4400 Hektar Wald in sieben Gemeinden zuständig. „Nach 31 Jahren kenne ich diesen Wald nicht nur, ich bin mit ihm verwachsen“, sagt der Duracher. Schon im März habe er die sechs Bäume zur Fällung ausgewählt. Grund dafür: Schäden bedrohen das nebenstehende Parkhaus und die Menschen darin. So sei an einigen Eschen bereits sogenanntes Eschentriebsterben festzustellen. „Das kann noch zehn Jahre gut gehen, kann aber auch schon in wenigen Monaten dafür sorgen, dass der Baum umfällt“, sagt Balk. An einer Buche habe er außerdem beginnende Fäulnis festgestellt.

Frage der Verantwortung: Bei Unfällen durch Bäume in dem Kemptener Wald haftet der Revierleiter

Trifft ein brechender Ast oder gar ein Baum beispielsweise einen vorbeilaufenden Jogger, falle die Verantwortung auf ihn persönlich zurück. „Die Bäume so wie sie sind stehen zu lassen, geht deshalb nicht.“ Dieses Argument verstehen die anwesenden Baumfreunde zwar, wollen aber dennoch für den Erhalt der Buchen und Eschen kämpfen.

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In einer fünfseitigen Stellungnahme erklärt Baumpfleger und Sachverständiger Christian Knaus vorab, warum er die Bäume für erhaltenswert hält. So seien Eschentriebsterben und Fäulnis bereits mehrere Jahre alt und noch nicht soweit fortgeschritten, dass eine Fällung unmittelbar nötig wäre. „Ich biete außerdem an, die Baumkronen zu sichern.“ So sei das Risiko geringer, dass ein Ast auf das oberste Deck des Parkhauses und somit möglicherweise auf einen Menschen oder ein Auto falle.

Peter Titzler und Michael Balk kümmern sich um den Kemptener Wald.
Peter Titzler und Michael Balk kümmern sich um den Kemptener Wald.
Bild: Laura Wiedemann

Auch ein Trägersystem könne das verhindern, sagt Stadtrat Thomas Hartmann (Grüne). Dafür will er sich – egal ob es zu einer Fällung kommt oder nicht – mit der Klinikleitung in Verbindung setzen. Hartmann: „Es geht hier um ein grundlegendes Problem. Wir müssen als Gesellschaft unsere Haltung ändern, eine Fällung darf nicht immer die einzige Lösung sein.“

Revierleiter und Baumfreunde wollen in Verbindung bleiben: Fällung erst im September

Am Ende bleibe aber die Verantwortung für das Revier, sagt Titzler. „Fällt ein beschädigter Baum beispielsweise bei einem Unwetter, sind Tonnen in Bewegung.“ Außerdem sei ein Einschlag in dem Wald, der der katholischen Waisenhausstiftung gehört, auch wirtschaftlich und mit Blick auf die Nachhaltigkeit nötig. „Wir wollen Wald für kommende Generationen schaffen, deshalb braucht es auch Platz für junge Bäume“, sagt Balk.

Wegen der Vogel-Brutzeit schlägt der Revierleiter vor, die Bäume erst im September zu fällen. Außerdem soll der Stamm der Buche bis zu sechs Meter hoch als Totholz und somit als Lebensraum erhalten bleiben. In jedem Fall wolle er mit den Baumfreunden in Verbindung bleiben und bietet dem „Freundeskreis lebenswertes Kempten“ einen Waldrundgang an. Balk: „Damit Bewusstsein und Verständnis für unsere Arbeit wachsen.“ Ob ein Trägersystem oder Baumpflege einige Bäume retten können, sollen die nächsten Monate zeigen.