Debatten in Kempten

Bundestagswahl 2021: Zwei Diskussionen, acht Kandidaten

Kempten Bundestagswahl

Stephan Nitschke (stehend vor der Bühne) moderierte die Podiumsdiskussion der Wirtschaftsjunioren Kempten-Oberallgäu in den Räumen von „Allgäu Digital“. Vor Ort war Platz für 40 Zuschauer, weitere Interessierte verfolgten das Gespräch per Livestream.

Bild: Ralf Lienert

Stephan Nitschke (stehend vor der Bühne) moderierte die Podiumsdiskussion der Wirtschaftsjunioren Kempten-Oberallgäu in den Räumen von „Allgäu Digital“. Vor Ort war Platz für 40 Zuschauer, weitere Interessierte verfolgten das Gespräch per Livestream.

Bild: Ralf Lienert

Die Direktkandidaten des Wahlkreises Oberallgäu nahmen an einer Podiumsdiskussion und an der "Wahlparti" in Kempten teil. So verliefen die Veranstaltungen.
18.09.2021 | Stand: 05:30 Uhr

Die Bundestagswahl rückt näher und trotzdem sind noch viele Menschen unentschlossen, wo sie dieses Mal ihre Kreuzchen setzen. Zumindest ist das immer wieder zu hören, wenn es um den 26. September geht. Um den Wählerinnen und Wählern im Wahlkreis Oberallgäu – zu dem auch die Stadt Kempten und der Landkreis Lindau gehören – die Entscheidung leichter zu machen, veranstalteten die Wirtschaftsjunioren Kempten-Oberallgäu am Mittwochabend eine Podiumsdiskussion. Einen Tag später lud der Stadtjugendring Direktkandidatinnen und -kandidaten zur „Wahlparti“ ins Künstlerhaus in Kempten. Zwei unterschiedliche Formate, insgesamt acht Kandidaten und viele verschiedene Standpunkte.

Im Vorfeld der Veranstaltungen ging es darum: Wer darf aufs Podium? Die Wirtschaftsjunioren entschieden sich für die Bewerber aus den Parteien, die bereits entweder im Landtag oder im Bundestag vertreten sind. Das allerdings veranlasste Martin Holderied (SPD), Pius Bandte (Grüne) und Engelbert Blessing (Linke) vorab zu einer gemeinsamen Pressemitteilung.

Der AfD nicht das Feld überlassen

Darin rechtfertigen sie sich, warum sie gemeinsam mit einem Vertreter der AfD (in diesem Fall Dr. Rainer Rothfuß) auf die Bühne gehen. „Ein Boykott solcher Podien kommt für uns nicht in Frage, da wir als überzeugte Demokraten und Pluralisten, der AfD das Feld nicht alleine überlassen können“, heißt es in dem Schreiben. Ein Boykott hätte aus ihrer Sicht „nicht zur Folge, dass die Podien abgesagt werden, sondern lediglich mehr Raum für die Selbstdarstellung der AfD zur Verfügung stünde“.

Stadtjugendring lädt Rechtsextreme nicht ein

Ein Thema, das den Stadtjugendring im Vorfeld ebenfalls beschäftigte. Dort stellte sich statt Rothfuß ÖDP-Kandidat Franz Josef Natterer-Babych den Fragen. „Es gab einen Vorstandsbeschluss des Stadtjugendrings, die AfD nicht einzuladen“, sagt Vorsitzender Thomas Wilhelm. Die rechtsextreme Partei stehe den Werten der Jugendorganisationen entgegen.

Bei den Wirtschaftsjunioren waren es dann auch Stephan Thomae (FDP), Mechthilde Wittmann (CSU) und Hauser-Felberbaum (Freie Wähler), die ihre Distanz zur AfD deutlich machten. Dort reichte Moderator Stephan Nitschke für eine Blitzrunde, wie er es nannte, allen sieben Diskussionsteilnehmern eine Polizeikelle in Mini-Format. Ohne Worte sollten die Politikerinnen und Politiker die darauf folgenden neun Fragen beantworten: Wenn sie das grüne Licht zeigten, stimmten sie zu, das rote bedeutete Ablehnung:

  • Für ein Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen bekannten sich Hauser-Felberbaum, Bandte, Blessing und Holderied.
  • Auf die Frage, ob der Familiennachzug für Flüchtlinge aus Krisengebieten vereinfacht werden sollte, zeigten Wittmann und Rothfuß das rote Licht.
  • Einzig Thomae und Rothfuß sprachen sich gegen einen Ausstieg aus der Kohleverstromung vor 2038 aus.
  • Gendern vorzuschreiben, befürworteten Blessing, Hauser-Felberbaum und Bandte (der zunächst zwar das rote Licht gezeigt hatte, das später aber korrigierte).
  • Dass auch nach 2025 Autos mit den herkömmlichen Verbrennermotoren uneingeschränkt zugelassen werden dürfen, wollten Thomae und Rothfuß.
  • Alle außer Rothfuß zeigten ihr rotes Licht bei der Frage, ob Deutschland aus der EU austreten solle.
  • Für eine höhere Einkommenssteuer für vermögende Multimillionäre stimmten Holderied, Blessing, Bandte und Hauser-Felberbaum.
  • Dass die ökologische Landwirtschaft höher gefördert wird als die konventionelle, wollten Blessing und Bandte.
  • Den gesetzlichen Mindestlohn auf zwölf Euro die Stunde anheben? Rotes Licht bei Thomae, Wittmann und Rothfuß. Grün zeigten Hauser-Felberbaum, Bandte, Blessing und Holderied.
Bei der „Wahlparti“ des Stadtjugendrings im Künstlerhaus führte Moderatorin Julia Lienhart charmant durch mehrere Fragerunden vor 70 Besuchern.
Bei der „Wahlparti“ des Stadtjugendrings im Künstlerhaus führte Moderatorin Julia Lienhart charmant durch mehrere Fragerunden vor 70 Besuchern.
Bild: Ralf Lienert

"Wahlparti" löchert Kandidaten zu Themen, die junge Menschen bewegen

Lesen Sie auch
##alternative##
Wahlergebnis in Oberstaufen

Bundestagswahl 2021: Hier finden Sie die Ergebnisse aus Oberstaufen

Einmal mehr erwies sich die „Wahlparti“ des Stadtjugendrings als buntes Format, um junge Menschen mit der Politik zusammenzuführen. Die Direktkandidaten im Stimmkreis 256 Oberallgäu, Lindau, Kempten stellten sich Zufallsfragen per Glücksrad-Auswahl, sowie direkten Beiträgen aus dem Publikum und dem Live-Chat. Die Diskussion wurde parallel auf YouTube im Netz gezeigt und ist dort weiter zu sehen. Nicht zu allen Fragen kamen alle Bewerber zu Wort.

Cannabis: Einen legalen, kontrollierten Verkauf an Volljährige stellten in Videos und im Saal mehrere junge Menschen zur Diskussion. Mechthilde Wittmann (CSU) möchte das nicht: Cannabis gilt für sie „immer noch als Einstiegsdroge“. Auch Franz Josef Natterer-Babych (ÖDP) ist aus diesem Grund skeptisch, kann sich aber vorstellen, „mal die Türen zu öffnen und sehen was passiert“. Pius Bandte (Grüne) ist für die Legalisierung.

Faktencheck: Wann qualmte der letzte Joint?

Martin Holderied (SPD) legt auch aufgrund seiner Erfahrungen in Holland Wert darauf, die komplette Produktionskette zu legalisieren. Sein letzter Joint liege übrigens sechs Jahre zurück. Unter einigem Gelächter forderte Stephan Thomae (FDP) dazu einen „Faktencheck“. Er sieht in der Beschaffung im kriminellen Milieu das eigentliche Problem. Engelbert Blessing (Die Linke) wünscht sich eine „rückwirkende Legalisierung“ mit der Löschung eventueller Vorstrafen.

Bildung: „Weg vom Notensystem aus dem 18. Jahrhundert“ will Engelbert Blessing: „Wenn junge Leute Schwächen in zwei Fächern haben, fallen sie raus.“ Martin Holderied erkennt keinen Sinn in 16 verschiedenen Bildungssystemen bundesweit. Meisterschulen sollten gebührenfrei sein. Stephan Thomae stellt sich ebenfalls den Abschied „von der Kreidezeit“ in den Klassenzimmern vor. Franz Josef Natterer-Babych, selbst Lehrer, sieht Probleme im Mittelschulbereich, der „eher entkoppelt von der Gesamtgesellschaft“ sei.

Digitalisierung: An den Schulen hapert’s noch überall“, findet Annette Hauser-Felberbaum. Sie spricht sich dafür aus, dass alle Schüler mit Endgeräten ausgestattet werden. „Extrem wichtig“ ist ihr ein Netzausbau auch im Mobilfunk.

Rechtsextremismus: In der ansonsten meist sachlich geführten Runde geht es in diesem Bereich nicht ohne Sticheleien aus. In der Ablehnung der AfD sind sich alle einig. Wittmann wünschte sich dies auch in der Abgrenzung nach links. „Höchst unanständig“ findet Holderied die Andeutung, dass die Linken genauso schlimm seien wie die AfD.

Linke für ein Wahlrecht ab 14 Jahren

Ein Wahlrecht ab 16 genießt bei den meisten Unterstützung, Blessing will dies bereits ab 14. Alle Bewerber würden lieber neben einem Windrad als neben einem Kohlekraftwerk wohnen. Vogelschlag durch die Windriesen brachte Wittmann dazu ins Gespräch. Im Hintergrund recherchierten die Veranstalter und kamen auf Zahlen des Naturschutzbundes: Demnach seien Windräder in Deutschland jährlich für den Tod von 8500 Mäusebussarden und 250 000 Fledermäusen verantwortlich. Katzen wiederum erlegten 200 Millionen Vögel.

Plastikstrohhalme sind verboten, warum Plastikflaschen nicht? Dazu gab es verschiedene Antworten – pro gesetzliche Regelungen, zum Nutzwert von Kunststoffen oder der Kreislaufwirtschaft. Was alle berührte: Die Frage kam von Johanna. Das Mädchen ist neun Jahre alt.

Alle Infos rund um die Bundestagswahl im Allgäu lesen Sie hier im Bundestagswahl-News-Blog.