Kempten/Durach

Der Widerstand der Dekane

Widerstand der Dekane

Widerstand der Dekane

Bild: Ralf Lienert

Widerstand der Dekane

Bild: Ralf Lienert

Forschung Der Historiker Gerhard Hölzle spürt der Geschichte von Anton Fischer und Hermann Kornacher im Dritten Reich nach. Sie traten in Kempten und Durach mutig für Demokratie und Ökumene ein

Von li
13.06.2019 | Stand: 17:08 Uhr

Was hat Durach im „Ortsregister der Meldungen“ aus dem Dritten Reich verloren? Diese Frage stellte sich der Kemptener Historiker Dr. Gerhard Hölzle. Monatelang durchstöberte er Archive quer durch die Republik. Und stellte fest: Zwei Dekane aus der Region leisteten im Dritten Reich mutig Widerstand gegen das NS-Regime. Das waren der Duracher Ortspfarrer Anton Fischer, der immer wieder durch regimekritische Predigten auffiel, und Dekan Hermann Kornacher von der St.-Mang-Kirche in Kempten.

Jetzt hat Hölzle seine Forschung präsentiert – und kommt zu dem Fazit: Beide Dekane erkannten den Totalitätsanspruch der braunen Machthaber nicht an. Sie forderten vielmehr das freie Kanzelwort. „Das mutige Eintreten für demokratische Werte und die Ökumene macht die beiden Dekane zu Vorbildern.“ Ab dem Machterhalt Hitlers im Januar 1933 fragten sich viele Christen: Wem sollen wir folgen, dem Hakenkreuz oder dem Kreuz Christi? Für die verunsicherte Christenheit in Kempten und Durach waren Anton Fischer (1880 – 1952) und Hermann Kornacher (1886 – 1980) Leuchttürme, an denen man sich orientieren konnte. Sie leisteten mit Mut und Organisationsgeschick dem kirchenfeindlichen Nazi-Regime Widerstand.

Ihre schärfste Waffe war die Predigt. Sie bot Gelegenheit, die Gemeinde im Glauben und in der Treue zur Kirche zu bestärken, aber auch die NS-Ideologie als antikirchlich zu entlarven. Als der Katholik Fischer im Februar 1942 das Entladen eines Lkw an einem Sonntag als Verstoß gegen das Ruhegebot am „Sabbat“ anprangerte, schrieben Gestapo-Leute in schwarzen Ledermänteln jedes Wort mit, beurteilten das als „Kanzelmissbrauch“. Die Gestapomeldung landete sogar im NS-Reichssicherheitshauptamt in Berlin. Fischer galt bis 1944 als Staatsfeind und war ständig von KZ-Haft bedroht. Verhöre bei der Polizei oder beim Kreisleiter und Schikanen wie Post- und Telefonüberwachung sollten ihn zermürben. Als seine risikoreichste Widerstandshandlung ist das wochenlange Verstecken einer Berliner Jüdin im Duracher Pfarrhaus zu werten, die den Krieg dadurch überlebte.

Fischers Widerstand gegen die Kirchenverfolgung war für das Ordinariat hinreichender Grund, den Duracher Pfarrer erst nach 1945 zum Dekan zu ernennen. Heute erinnert eine Straße in Durach an den mutigen Geistlichen.

Aber auch in Kempten regte sich Widerstand gegen die NS-Kirchenverfolgung. Der Protestant Kornacher organisierte schon vor 1933 einen allgäuweiten Informationsdienst und verteilte Flugblätter. Eines davon fand der Historiker Hölzle im Bundesarchiv in Berlin. Kornacher war ein wortgewandter Verfechter der „Bekennenden Kirche“, der sich, wie Fischer, in zwei Richtungen verteidigen musste. Einmal gegen die „Deutschen Christen“, die eine Symbiose zwischen Protestantismus und Nationalsozialismus anstrebten. Der Dekan konnte aber auf die Münchner Kirchenleitung und lutherische Getreue zählen.

Zum anderen musste er sich gegen örtliche Nazis behaupten, die mit Störaktionen die Gemeinde der St.-Mang-Kirche und ihn verfolgten. Er war der Unterdrückung der Kemptener NSDAP-Vertreter ausgesetzt: Verhöre, Post- und Telefonüberwachung sowie die latente Bedrohung, „abgeholt“ zu werden.

Der NS-Staat sah im Widerstand der Dekane seinen Totalitätsanspruch verletzt. Beide Geistliche reizten die Möglichkeiten so geschickt aus, dass sie weiter ihrer Gemeinde vorstehen konnten. Hölzle urteilt: „Es war ein Kampf für Meinungsfreiheit und uneingeschränkte Seelsorge mit der freien Verkündigung von Gottes Wort.“