Blasmusik

Die musikalischen Neujahrsgrüße der Blaskapellen fallen heuer aus

Das Silvester- und Neujahrsblasen hat Tradition bei den Allgäuer Kapellen: Schon ab den 1950er Jahren spielten Musikanten in Buchenberg.

Das Silvester- und Neujahrsblasen hat Tradition bei den Allgäuer Kapellen: Schon ab den 1950er Jahren spielten Musikanten in Buchenberg.

Bild: MK Buchenberg

Das Silvester- und Neujahrsblasen hat Tradition bei den Allgäuer Kapellen: Schon ab den 1950er Jahren spielten Musikanten in Buchenberg.

Bild: MK Buchenberg

Corona-Beschränkungen verbieten Kapellen, von Haus zu Haus zu ziehen und Ständchen zu spielen. Das ist auch ein herber Schlag für die Vereinskassen. Wie sollen sie nun zu Spenden kommen?
23.12.2020 | Stand: 18:30 Uhr

Die Blasmusikanten schätzen es, und ihre Fans warten regelrecht darauf: Viele Kapellen im Oberallgäu ziehen in den Tagen nach Heiligabend von Haus zu Haus und überbringen musikalische Weihnachts- und Neujahrsgrüße. Dabei spielen sie kleine Ständchen mit einem Marsch, einer Polka oder auch mal mit einem schmissigen Rock-Pop-Stück. Bei den einen heißt dieser Brauch Silvesterspielen, bei den anderen Neujahrsblasen. Doch das wird es dieses Jahr nirgendwo geben.

Der harte Lockdown wegen Corona verhindert jeden Auftritt – und sei der Abstand noch so groß. Kein Ton wird erklingen, was beide Seiten enttäuscht, die Musikanten und ihre (potenziellen) Zuhörer. Besonders schlimm ist der Ausfall der Aktion jedoch für die Kassen der Blaskapellen. Denn sie wurden für ihre Ständchen nicht nur mit Schnäpsen und kleinen Brotzeiten belohnt. Sie sammelten auch Geld für den Verein. „Der Ausfall ist sehr schmerzlich“, sagt Lothar Geist, der Vorsitzende des Blasmusikbezirks 1 Kempten im Allgäu-Schwäbischen Musikbund. „Damit bricht vielen Musikkapellen eine große Einnahmequelle weg.“

15 000 Euro kommt in die Kasse

Zum Beispiel in Buchenberg. Dort ziehen die 45 Musikerinnen und Musiker aufgeteilt in sechs Gruppen drei Tage lang durch das Dorf sowie seine Ortsteile und Weiler. Das Silvesterblasen sei „unabdingbar“ für die Vereinskasse, erklärt Vorsitzender Thomas Steidele. Rund 15 000 Euro sammeln sie jährlich durch die Auftritte – 90 Prozent des Jahresbudgets. Das Geld sei nötig, um Noten, Instrumente und Trachten zu kaufen und um die Jugendausbildung und den Dirigenten zu finanzieren.

In ihrer Not haben die Buchenberger nun einige Register gezogen, um wenigsten einen Teil der üblichen Spenden einzuwerben. Sie stellten ein Video auf Youtube ein, das unterlegt mit melodramatischer Kinofilm-Musik verkündet: „In den vergangenen 70 Jahren konnten weder Schnee noch Regen und eisige Kälte uns am Silvesterblasen hindern. Doch im Jahr 2020 macht es die Corona-Pandemie unmöglich.“ Dann wird die Kontonummer eingeblendet. Außerdem gibt es einen Rückblick auf das Jahr 2020 mit Videoschnipseln und Fotos. Auf diese Aktion hin seien schon 1000 Euro bei der Kapelle eingegangen, berichtet Vorsitzender Steidele. Doch auf das Video allein vertraut er nicht. In diesen Tagen erreicht alle Buchenberger Haushalte ein Schreiben der Musikkapelle, in dem sie deutlich macht, wie sehr sie auf das Spendengeld angewiesen ist. Mittels eines QR-Codes kann man sich das Video dann direkt auf dem Smartphone anschauen.

Musikanten freuen sich darauf

Ähnlich sieht es in Sibratshofen aus. Dort rückt die Kapelle aufgeteilt in drei Gruppen zu je 10 bis 13 Musikanten zwei Tage lang aus, um musikalisch zu grüßen und zu sammeln. „Für uns ist das ein Höhepunkt im Jahr“, schwärmt Vorsitzender Paul Rosner. „Die Musikanten freuen sich schon Wochen vorher darauf.“ Sie spielen durchschnittlich einen mittleren vierstelligen Betrag ein. Wie bei den Buchenbergern deckt er einen Gutteil des Budgets ab. Auch die Sibratshofer verteilen nun eine Grußkarte an alle Haushalte und erklären darin, warum die Spenden so wichtig sind. Paul Rosner macht sich – wie auch sein Buchenberger Kollege Thomas Steidele – keine Illusion, dass die Bürger das Gleiche geben wie sonst. Beide wären schon mit 50 Prozent zufrieden. Gut, dass die beiden Blaskapellen noch Rücklagen haben aus den vergangenen Jahren.

Gern hätten die Blasmusikanten die Blasmusikfreunde getroffen

Bezirksvorsitzender Lothar Geist wäre aber nicht nur wegen der Spenden gern losgezogen. Die Menschen sollten durch die Ständchen auch merken: Die Blaskapellen sind noch da. Schließlich gab es wegen der Pandemie keine großen Konzerte im Jahreslauf. Geist: „Heuer wäre es wichtiger gewesen als jemals zuvor.“ Gern hätten die Blasmusikanten die Blasmusikfreunde wieder mal getroffen und ein paar Worte mit ihnen gewechselt. Bei all der Enttäuschung über die ausgefallenen Silvester- und Neujahrsblasen herrsche in den Kapellen aber Verständnis für die Corona-Beschränkungen, betont Geist.

Und wie wird es weitergehen im neuen Jahr? Geist ist nicht sehr optimistisch. Frühjahrskonzerte werde es vermutlich nicht geben, sagt er. Er glaubt, dass Blaskapellen erst wieder im Sommer oder Herbst auftreten können.