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Eine Drei Minus für das Fahrradangebot

Unterwegs mit Verkehrsexperte Heiner Monheim

Unterwegs mit Verkehrsexperte Heiner Monheim

Bild: Matthias Becker

Unterwegs mit Verkehrsexperte Heiner Monheim

Bild: Matthias Becker

Verkehr Stadtplaner Heiner Monheim radelt durch Kempten. Sein Fazit der Tour: Vieles ist gar nicht so schlecht, wie es zunächst scheint. Doch er benennt auch dringenden Handlungsbedarf. Das 100-Euro-Ticket bezeichnet er als „Ramsch“
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Von Aimée Jajes
16.01.2020 | Stand: 17:39 Uhr

Professor Dr. Heiner Monheim betrachtet Kempten als Puzzle, als halb fertiges Puzzle. Der Stadtplaner und Verkehrsexperte ist am Donnerstag zusammen mit Vertretern der „Freunde für ein lebenswertes Kempten“ sowie des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) durch die Innenstadt geradelt. Immer wieder hielt er mit seinem roten Klapprad an, verwies hier und da auf dringenden Handlungsbedarf. An anderer Stelle lobte er, was umgesetzt ist. Monheim ist ein Freund klarer Worte. Das bewies er bereits während einer Diskussion über die Stadtseilbahn im vergangenen Sommer. Das in Stadt und Land heftig diskutierte 100-Euro-Jahresticket zum Beispiel bezeichnete er jetzt als „Ramsch“. Sein Appell am Ende der Fahrradtour: „Fangt an, die Stadt als Ganzes zu begreifen.“ Die fehlenden Teile des Puzzles müssten ergänzt, Verbindungen geschaffen werden.

Insgesamt bezeichnet Monheim, der Verkehrsprobleme in zahlreichen deutschen Städten analysiert hat, Kempten als „Mittelklasse“, was das Angebot für Fahrradfahrer angeht. Müsste er eine Schulnote vergeben, wäre das eine Drei Minus. Während der Fahrt weist er zum Beispiel auf geteilte Geh- und Radwege hin. Manche würden den rechtlichen Vorgaben nicht mehr entsprechen. Nämlich dann, wenn ein weißer Mittelstreifen die Bahnen trennt, aber nicht ausreichend Platz vorhanden ist. „Die müssten eigentlich aufgelöst werden.“ Die erste Kemptener Fahrradstraße lobt er. Für eine Stadt der Größe Kemptens könne er sich 200 derartig gestaltete blaue Bereiche vorstellen. Kritik gibt es für die vielen „Felgenkiller“(siehe Bild): Die Räder fallen hier leicht um und werden beschädigt. „Die Felgenkiller gehören auf den Müll“, sagt Monheim. Alternativ könnten sie leicht zu größeren Abstellplätzen umgebaut werden.

„Da bin ich leidenschaftslos“, sagt er beim Stopp an der Kronenstraße auf die Frage, ob er diese für den Verkehr sperren würde. Stattdessen verweist er auf die unterschiedliche Struktur: Höhe Rathaus verkehrsberuhigt, einige wenige Meter weiter wirke die Straße aufgrund der gestrichelten Mittellinie wie eine Hauptverkehrsstraße. „Das ist grotesk.“ Er würde den verkehrsberuhigten Bereich verlängern.

Halt an der Rottachstraße. Monheim stellt das Rad ab, misst in Schritten die Fahrbahn. „Das sind sechseinhalb Meter“, sagt er. „Drei Meter können wir rausholen.“ Für Fuß- und Radweg. Das ist im Mobilitätskonzept ohnehin vorgesehen. Der Experte empfiehlt, alle Hauptstraßen auf ihre Breite zu untersuchen: Je schmaler eine Fahrbahn, desto besser fließe der Verkehr.

An dieser Stelle an der Rottachstraße weisen die Mitfahrer kritisch auf die Überquerungshilfe Höhe Orangerieweg hin. „Tatsächlich ist eine aufgeklebte Mittelinsel eine tolle Sache“, lautet hingegen das Urteil des Experten. Klar, ein Zebrastreifen wäre noch besser, sagt er. Monheim halte es zudem für eine sinnvolle Überlegung, das Tempolimit hier auf 30 km/h festzusetzen.

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Es sei wichtig, Verbindungen zu schaffen – für Fußgänger wie für Radfahrer. „Das, was gemacht wurde, ist Stückwerk.“ Verkehr funktioniere aber in Netzen. „Sorgt dafür, dass die Menschen zwei Kilometer in die Stadt laufen können.“

Die Diskussion in Kempten und dem Oberallgäu über das 100-Euro-Ticket hat Monheim verfolgt. Er halte das Angebot für zu billig, sagt er. Schließlich koste der öffentliche Nahverkehr auch etwas. Aber: „Generell ist es positiv, dass Bewegung in die Debatte kommt.“ Doch auch das Angebot müsse verbessert werden: Es seien mehr Bus-Haltepunkte in der Stadt nötig.

Nach wie vor hält er es für richtig, dass eine Stadt in der Größe von Kempten die Seilbahn-Lösung in Betracht zieht und untersucht. Statt spezielle Trassen zu beleuchten, hätte er jedoch eine offenere Herangehensweise empfohlen.

Monheim plädiert für eine „Politik der kleinen Schritte“. Das Mobilitätskonzept der Stadt bezeichnet er als „sehr ehrgeizig“, es beinhalte bereits einige „Verkehrswende-Überlegungen“.

Nach der Radtour hielt Monheim auf Einladung der Grünen abends einen Vortrag im voll besetzten Pfarrheim St. Lorenz.