Kemptens neue dritte Bürgermeisterin

Erna-Kathrein Groll im Porträt: Sie will raus aus den Schubladen

Kempten Groll

Ihr Vorgänger hat dritter Bürgermeisterin Erna-Kathrein Groll Erinnerungsstücke im Büro überlassen, unter anderem eine Glocke aus Tschernobyl.

Bild: Ralf Lienert

Ihr Vorgänger hat dritter Bürgermeisterin Erna-Kathrein Groll Erinnerungsstücke im Büro überlassen, unter anderem eine Glocke aus Tschernobyl.

Bild: Ralf Lienert

Erna-Kathrein Groll ist Kemptens neue dritte Bürgermeisterin. Der Familienmensch gilt als das soziale Gewissen der Grünen und hat ein Herzensanliegen.

12.06.2020 | Stand: 06:45 Uhr

Am Nebeneingang des Rathauses gibt es eine Klingel. Dritte Bürgermeisterin Erna-Kathrein Groll steht auf dem Schild. „Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, hat’s mich schon gefreut“, sagt die 60-Jährige. Einige Niederlagen hat sie in den vergangenen Jahren weggesteckt – zuletzt blieb ihr wegen ein paar Stimmen ein Landtagsmandat verwehrt. Nun aber hat der Stadtrat erstmals eine Grünen-Politikerin in das Amt gewählt, und zwar mit breiter Unterstützung.

Den Respekt beinahe aller Kollegen hat sich Groll seit 2008 aufgebaut. Sie verkörpert keinen Öko-Fundamentalismus. Vielmehr steht sie für soziale Verantwortung und den festen Willen, die Schöpfung zu erhalten. Einen „selbstverständlichen Glauben ohne rosarote Brille“ hat ihre Oma vorgelebt.

Verheiratet mit einem Banker

Apropos Familie: Die Mutter von drei Jungs und einem Mädchen, die alle erwachsen sind, ist verheiratet mit einem Banker. Dass die beiden Enkel zurzeit wegen Corona kaum bei der Oma sind, tut ihr weh. Normalerweise kommen alle Familienmitglieder zum gemeinsamen Sonntagsessen. In der Whats-App-Gruppe wird vorher schon diskutiert, was auf den Tisch kommt.

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Am Beispiel soziale Medien lässt sich nachvollziehen, wie offen Groll stets für Neues ist. Seit 2008 ist sie persönliche Referentin von Thomas Gehring, der mittlerweile Vizepräsident des Landtags ist. Auf Kanälen wie Facebook und Instagram wollen Themen gespielt werden wie Bienen, Bildung, Bahn. In die Organisation dieses Büros hat sich die gelernte Kauffrau genauso hineingefuchst wie früher in Themen der Justiz beim Familiengericht, den European Energy Award bei Eza, oder den Aufbau der Geschäftsstelle des Kinderschutzbunds.

Landesvorsitzende der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung

Als „Hebamme für neue Projekte“ gründete sie ehrenamtlich den Aktionskreis familienfreundliches Kempten mit. In der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung ist Groll Landesvorsitzende und damit beispielsweise eingebunden in den Landesplanungsbeirat mit Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger.

Viel zu Fuß und mit dem Rad unterwegs

Persönliches Ziel für ihre Amtszeit ist, „die zwischenmenschliche Kommunikation in der Stadt zu stärken“. Es gehe darum, Menschen aus den Schubladen zu holen, auf denen „Kita“ oder „Altenheim“ steht. Groll ist viel zu Fuß und mit dem Rad unterwegs in der Stadt, da sollten Schwerpunkte in der Verkehrspolitik gesetzt werden: „Die Seilbahn kann weg.“ Für ein garantiertes Grundeinkommen macht sie sich stark, wenn das Finanzsystem dies nach Corona hergibt. Und der „Gefahr von Rechts“ will sie sich entgegenstellen. Die Anliegen von Future for Kempten kann Groll verstehen: „Ich bin gespannt, wie die Jungen manches Lästige aushalten.“ Sechs Jahre seien eine lange Zeit.

Faible für Geschichte

Als gäbe es nicht genug Akten, Gesetzestexte und Vorlagen zu studieren, ist Lesen eine der Grollschen Leidenschaften, vor dem Einschlafen sogar tägliches Ritual. Sie hat ein Faible für Geschichte und andere Länder. Kürzlich gewährte sie auf Facebook einen Einblick in ihre Literaturliste. Da finden sich beispielsweise Landolf Scherzer, „Der Letzte“, Eric Vuillard, „Die Tagesordnung“ und Anita Diamant, „Das rote Zelt der Frauen“.