Terror in Afghanistan

„Es ist ein einziges Chaos“ - Afghanen in Kempten über den Vorstoß der Taliban

Dr. Assadullah Taj ist in Kabul aufgewachsen. Gerade versuchen viele Menschen von dort aus mit dem Flugzeug zu fliehen.

Dr. Assadullah Taj ist in Kabul aufgewachsen. Gerade versuchen viele Menschen von dort aus mit dem Flugzeug zu fliehen.

Bild: Ralf Lienert/dpa

Dr. Assadullah Taj ist in Kabul aufgewachsen. Gerade versuchen viele Menschen von dort aus mit dem Flugzeug zu fliehen.

Bild: Ralf Lienert/dpa

Die Familie von Dr. Assadullah Taj in Afghanistan bekommt den Vormarsch der Taliban hautnah mit. Auch ein anderer Kemptener sorgt sich um Angehörige vor Ort.
16.08.2021 | Stand: 18:00 Uhr

Dr. Assadullah Taj fühlt sich an die Vergangenheit erinnert. Er selbst verließ Afghanistan 1968, zehn Jahre später floh seine Familie in einer Nacht- und Nebelaktion und nun versuchen einige seiner Angehörigen, den Taliban zu entkommen. „Die Menschen wollen sich in Sicherheit bringen“, sagt der Kemptener Arzt, der in Kabul aufgewachsen ist. „Eine Flucht nach Pakistan, in den Iran oder mit dem Flugzeug ist kaum mehr möglich.“ Ohne ein Visum oder Hilfe von außen gebe es aktuell keine Möglichkeit, das Land zu verlassen.

Angst um Rechte und Freiheit: Vor allem Frauen in Afghanistan sind laut Taj bedroht

Am Sonntag habe Taj mit seiner Tante und deren Kindern gesprochen. Sie wohnen im Norden von Kabul. „Es ist ein einziges Chaos“, sagt Taj. Banken und Lebensmittelmärkte hätten seit Tagen geschlossen, den Menschen fehle es am Nötigsten und seit Sonntagabend steht nun auch die afghanische Hauptstadt unter der Macht der radikal-islamischen Taliban. „Meine Tante fürchtet um die Sicherheit ihrer Familie“, sagt Taj. Vor allem für Frauen und Mädchen seien die Taliban, die das Land schon einmal bis 2001 regiert haben, eine Bedrohung. „Wir haben Angst, dass die jungen Frauen von den Taliban mit Gewalt geholt werden“, sagt Taj. Er befürchte, dass die Herrschaft der Taliban dazu führt, dass Frauen ihre Rechte verlieren und beispielsweise nicht mehr arbeiten, wählen oder zur Schule gehen können.

Hamid – der zum Schutz seiner Familie seinen vollen Namen nicht veröffentlichen möchte – ist 1999 selbst vor diesen Zuständen nach Kempten geflohen. „Es gab viele Tote, keine Lebensmittel mehr und keine Hilfe“, erzählt er. Nun hat er Angst, dass seine Eltern, Geschwister und deren Kinder dies noch einmal erleben müssen. Aktuell versuche sich seine Familie in Sicherheit zu bringen, doch die Mutter sei zu alt und krank, um zu fliehen. Bedroht ist laut Hamid vor allem, wer für Behören gearbeitet hat oder sich gegen die Taliban stellt. Tausende trieb das am Montag zum Kabuler Flughafen. Hamid habe Videos von Freunden erhalten – dort seien Schüsse gefallen und Menschen klammerten sich an startende Flugzeuge. „Diese Menschen haben keine Angst mehr vor dem Tod, sie wollen einfach raus“, sagt er.

Taj zum Einsatz internationaler Kräfte: "Man hätte die Menschen früher retten können"

Assadullah Taj sieht die Demokratie in seinem Heimatland am Ende. „Die Taliban werden die Macht niemals freiwillig abgeben.“ Taj frage sich, wie es nach 20 Jahren Einsatz von Nato und den USA so schnell zu einer Übernahme durch die Taliban kommen konnte. Weder die internationalen Kräfte noch das afghanische Militär hätten sich den Radikalen entgegengestellt. „Wie kann es sein, dass die Taliban alles kampflos erobern können?“, fragt Taj. Er suche nun nach Möglichkeiten, Familie und Freunden in Afghanistan zu helfen.

„Die Lage ist furchtbar. Den Menschen fehlt jegliche Perspektive.“ Auch afghanische Ortskräfte, die die westlichen Truppen in den vergangenen Jahrzehnten als Dolmetscher oder Sicherheitskräfte unterstützt haben, seien zurückgelassen worden. Taj sagt: „Man hätte die Menschen dort früher retten können.“

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