Fahrsimulator der Hochschule Kempten

Mit 100 Sachen durch Paris? - Ein Fahrsimulator aus dem Allgäu macht das möglich

IFM Institut

Mit dem Fahrsimulator durch Paris. Das Institut für Fahrassistenz und vernetzte Mobilität der Hochschule Kempten macht das möglich.

Bild: Thomas Weigert

Mit dem Fahrsimulator durch Paris. Das Institut für Fahrassistenz und vernetzte Mobilität der Hochschule Kempten macht das möglich.

Bild: Thomas Weigert

Mit dem teuren Simulator der Hochschule Kempten testen die Wissenschaftler, wie sich selbstfahrende Autos für den Menschen anfühlen.
16.11.2021 | Stand: 17:57 Uhr

Schon mal mit fast 100 Sachen durch Paris gedüst? Falls ja, sind Sie entweder wahnsinnig – oder hatten die einmalige Gelegenheit, mit dem Fahrsimulator der Hochschule Kempten ein paar Runden durch die französische Metropole zu drehen. Richtig: Das moderne und nicht ganz günstige Hochleistungsgerät ist nicht zum Rasen gedacht – aber es macht einfach Spaß, wenn man den Dreh einmal raus hat.

Denn zu Beginn ist es gar nicht so einfach, den Wagen durch die virtuelle Welt zu steuern. Vielmehr überfällt einen im ersten Moment etwas Übelkeit, wenn die Häuser auf einer riesigen halbrunden Leinwand an einem vorbeiziehen und der Simulator mit seinem elektrischen Antrieb jede Bodenwelle, jede Lenkbewegung und jedes Bremsmanöver ins Cockpit schickt. Das fühlt sich im Kopf an wie Seegang. Aber das seltsame Gefühl legt sich mit jedem Meter, und das Spiel mit Gas und Bremse funktioniert immer besser.

Kempten: Der Fahrsimulator kostet rund drei Millionen Euro

„Es gab aber auch schon Fahrer, die mussten nach ein paar Minuten abbrechen und waren den halben Tag über noch kreidebleich im Gesicht“, sagt Stefanie Trunzer. Die 29-jährige Diplom-Ingenieurin hat einen Master für Fahrassistenzsysteme an der Hochschule in Kempten abgelegt und arbeitet seither mit dem Fahrsimulator, den die Schule seit etwa zwei Jahren ihr Eigen nennt. (Lesen Sie auch: Für ein gutes Semester: Tipps rund um das Studium in Kempten)

Das rund drei Millionen Euro teure Gerät basiert auf einem Simulator des britischen Formel 1-Rennstalls Williams und wurde von der englischen Firma AB Dynamics für die zivile Anwendung weiterentwickelt und optimiert. Dagegen stammt der Aufbau – also der auf dem Simulator installierte Wagen – von der Hochschule Kempten selbst. Dabei handelt es sich um einen entsprechend umgebauten VW Golf, der zuvor bei einem Unfall vorne und hinten beschädigt wurde. Aber einen Motor und ein Heck benötigt der Wagen ja eh nicht (siehe Foto).

Stefanie Trunzer
Stefanie Trunzer
Bild: IFM

Der Simulator stand zunächst in Kempten und ist erst vor ein paar Wochen ins neue Hochschul-Institut für Fahrerassistenz und vernetzte Mobilität (IFM) nach Benningen (Unterallgäu) verfrachtet worden. Die Hochschule hat sich dort in ein neues Gebäude der Firma Fakt Motion im Gewerbegebiet beim Allgäu-Airport eingemietet. (Lesen Sie auch: Amazon möchte sich am Allgäu Airport einrichten - doch es gibt viel Kritik)

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Das Institut verfügt über Werkstätten, Labore und Büros. Zudem können die Wissenschaftler das Prüf- und Testgelände von Fakt Motion im Zuge einer Kooperation zu vergünstigten Konditionen nutzen. Das IFM fördert der Freistaat.

Fahrsimulator aus Kempten: Teststrecken wie Slalomkurse, Buckelpisten oder Großstädte

Zu den Schwerpunkten des Instituts gehören Tests von Fahrerassistenzsystemen im Hinblick auf deren Sicherheit und Zuverlässigkeit. Dabei leistet der Simulator wertvolle Dienste – auch was die Wirtschaftlichkeit anbelangt. Denn durch die Virtualisierung von Tests wird der Aufwand dafür erheblich reduziert. „Zudem können die virtuellen Strecken so gebaut werden, wie man möchte“, sagt Trunzer, „und man ist wetterunabhängig“.

Für derartige Tests stehen im Simulator nicht nur normale Straßen wie in Paris zur Verfügung, sondern auch spezielle Teststrecken mit Slalomkursen, Buckelpisten und Rundkursen. Bei ihren Forschungen kooperieren die Mitarbeiter des IFM mit anderen Hochschulen sowie mit Industrieunternehmen – darunter namhafte deutsche Autohersteller.

Ziel der Tests: Wie fühlt sich ein Assistenzsystem an?

Als Beispiele für Simulatorfahrten nennt Trunzer die Abstimmung von Lenkungen sowie Tests von Reifen und Fahrassistenzsystemen. Letztere können Spurhalteassistenten oder Abstandstempomaten sein. Bei den Tests werden verschiedene Fahrer ohne spezielle Qualifikationen in den Simulator gesetzt und anschließend befragt, wie sie persönlich die jeweiligen Assistenzsysteme empfunden haben.

Hier liegt der Fokus auf der individuellen Einschätzung der Menschen – also auf deren Gefühlen. Es geht also nicht nur darum, ob ein Assistenzsystem technisch einwandfrei funktioniert, sondern wie es auf den Fahrer wirkt. Ist der Assistent leicht zu bedienen? Fühlt man sich sicher im Auto?

Eines der jüngsten Projekte des IFM ist laut Trunzer eine Studie, bei der der Simulator selbstständig fährt und die Insassen sich einen Film ansehen oder eine E-Mail schreiben. Dabei wird getestet, ob sich die Probanten auf die „Nebentätigkeit“ konzentrieren können, oder ob sie doch auf den Verkehr achten, weil sie sich unsicher oder unwohl fühlen in dem völlig selbstständig fahrenden Wagen. Schließlich ist so ein Auto ja das angestrebte Ziel des Forschungsfelds. Bis es soweit ist, werden laut den Experten aber noch ein paar Jahre ins Land ziehen.

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