Classix-Festival

Flöten-Sternstunde: Dorothee Oberlinger entführt ins nächtliche Venedig

Brachte Musik aus Venedig mit: Flötistin Dorothee Oberlinger.

Brachte Musik aus Venedig mit: Flötistin Dorothee Oberlinger.

Bild: Ralf Lienert

Brachte Musik aus Venedig mit: Flötistin Dorothee Oberlinger.

Bild: Ralf Lienert

Die Blockflötistin Dorothee Oberlinger zelebriert beim Festival „Classix“ in Kempten ihre Virtuosität - zusammen mit einem Spezialisten-Ensemble aus Italien.
21.09.2021 | Stand: 19:28 Uhr

Schwedische Spiellust prägte den Auftakt des Kemptener Kammermusikfestivals „Classix“. Zweimal trat am Wochenende das 15-köpfige Ensemble „Musica Vitae Växjö“ im Stadttheater vors Publikum. Geiger Benjamin Schmid, der künstlerische Leiter von Classix, hat es vor kurzem unter seine Fittiche genommen. Unter dieser österreichischen Führung interpretierten die jungen Schweden Musik von Bach, Tschaikowsky, Weinberg, Mendelssohn und anderen umwerfend lebendig und farbig. Beim Montagskonzert wandelte sich die Stimmung radikal, die musikalische Qualität blieb aber ähnlich hoch. Ins nächtliche Venedig vor 300 Jahren entführte Blockflöten-Königin Dorothee Oberlinger die Zuhörerinnen und Zuhörer – zusammen mit dem italienischen Ensemble Sonatori Gioiosa de la Marca und der Sängerin Elisabetta de Mircovich.

Auf die „Nachtgedanken“, wie das Motto des Konzertabends lautete, werden die 140 Besucher auf bezaubernde Weise eingestimmt: Elisabetta de Mircovich intoniert ein Schlaflied der sephardischen Juden, das sie selbst auf der Vielle begleitet, einem violinenartigen Streichinstrument aus dem Mittelalter. Darauf improvisiert Oberlinger – einfühlsam, lieblich. Wie ein sanft wehender Wind klingt diese Musik aus ferner Zeit.

Dann taucht sie in die Musikwelt der Lagunenstadt ein, wo Antonio Vivaldi (1678 - 1741) lebte und komponierte. Drei Concerti aus seiner Feder (RV 104, 270, 441) und eine Ouvertüre sind die Säulen dieses Konzertes, ergänzt von Stücken anderer Barockkomponisten. Das Publikum lernt einen Vivaldi abseits der sprühenden „Jahreszeiten“ und eines strahlenden Barock-Pop kennen. Feingliedrig, luftig, italienisch leicht ist diese Musik, aber auch melancholisch und dunkel. Im Concerto „La Notte“ etwa führt er in einen verwunschenen Palazzo, wo Geister ihr Unwesen treiben und den Protagonisten quälen, so dass ihm das Herz pocht.

Das Fundament, das die Sonatori legen, ist famos. So kann sich Dorothee Oberlinger austoben – mit herrlich geblasenen Melodielinien und sprudelnder Spiellust. Solche Blockflötenkunst sucht ihresgleichen. Viel schöner, packender lässt sich das Instrument kaum spielen. Etliche Flöten hat die 52-jährige Kölnerin auf der Bühne bereitliegen, von der großen Bassblockflöte bis zum Sopranino. Bei jedem Stück kommt eine andere zum Einsatz.

Fein, aber nicht sehr prickelnd

Die Sonatori Gioiosa de la Marca, ein Streichensemble aus der nahe Venedig gelegenen Stadt Treviso, übernehmen die Rolle der perfekten Diener. Seit über 30 Jahren widmen sie sich der Alten Musik – auf historischen Instrumenten und mit viel Wissen über die (barocke) Musik. Ein besonderes Augenmerk legen sie auf die Traditionen Venedigs, wo Vivaldi wirkte. Feiner kann man sich den Klang, den diese Spezialisten produzieren, kaum wünschen. Die beiden Violinen, die Viola, das Cello und der Kontrabass verweben sich perfekt miteinander, Cembalo sowie Laute oder Theorbe steuern zurückhaltend die harmonische Grundierung bei. Aber es fehlen bei dieser Gediegenheit dann doch ein wenig der Esprit und das Musikantische, die die Stücke zum Perlen oder auch mal Schäumen brächten. Es gibt Alte-Musik-Ensembles, die prickelnder aufspielen.

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Vielleicht fällt der Applaus deshalb anfangs nicht arg euphorisch aus. Erst am Ende, wenn Oberlinger als kontrapunktischen Farbtupfer ein modern angehauchtes Arrangement von Thelonious Monks Jazz-Standard „Round Midnight“ und zwei fröhliche Zugaben bringt, wirkt das Publikum begeistert.