Ausstellung in Kempten

Flüchtlinge und Farbenfreude

letzte Ausstellung Kunstarkaden bis Dez 2020 (Aky und Schnurer)

Rettungswesten von Flüchtlingen und Fotos von Kunstaktionen hat Christian Schnurer in die Kunstarkaden mitgebracht.

Bild: Harald Holstein

Rettungswesten von Flüchtlingen und Fotos von Kunstaktionen hat Christian Schnurer in die Kunstarkaden mitgebracht.

Bild: Harald Holstein

Zwei konträre Positionen werden zum Finale in den Kunstarkaden Kempten miteinander kombiniert. Eine spannende Sache
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Von Harald Holstein
25.10.2020 | Stand: 11:30 Uhr

Politische Kunst und eine rein ästhetische Erforschung von Malerei: Passt dies zusammen? Ja, die Kunstarkaden Kempten zeigen in diesen Tagen, wie das geht. Zwei Künstler aus München, deren Ansätze kaum unterschiedlicher sein können, bespielen die Räume: Çiˇgdem Aky und Christian Schnurer. Es ist die letzte Ausstellung in den von Guido Weggenmann initiierten Kunstarkaden. Zum Abschluss lässt er innovative Malerei und aufrüttelnden Installationskunst aufeinanderprallen.

Mit der 31-Jährigen Çiˇgdem Aky ist eine Malerin der jungen Generation vertreten, die schon drei Jahre nach Ende ihres Kunststudiums in München und Karlsruhe viel Erfolg hat mit der Serie von hochformatigen Farbverläufen. Im Aufbau sind ihre Variationen gleich. Ein langgezogenes, scharf abgegrenztes Rechteck in Zentrum des Bildes zeigt reine Farben, die von Stufen der Helligkeit oder Farbkontrasten bestimmt werden. Drumherum gibt es grellbunte Farbstreifen, die die Künstlerin mit weißer Farbe verwischt. „Die Umräume male ich nass in nass, im Gegensatz zur Innenfläche auch mit Öl“, erläuterte Aky in einem Interview mit der Kunsthistorikerin Birgit Höppl, das gedruckt auch in der Galerie ausliegt. „Das muss sitzen, ich kann die Schritte nicht rückgängig machen.“ Dabei gehe es ihr immer um die Verbindung zwischen strenger Vorgabe und freier Geste. Mit diesem Kontrast schafft Aky eine Spannung zwischen Ruhe und Dramatik, zwischen Reinem und Unreinem.

Eine ganz andere Spannung erzeugt Christian Schnurer mit seiner Bombenattrappe und einer eingeworfenen Fensterscheibe, zumal er noch einen Fußtrittschalter für die Bombe und einen Pflasterstein für die Scheibe mitliefert. „Als Künstler sehe ich meine Aufgabe darin, diese heile Welt etwas zu irritieren, nicht zuletzt, um mein eigenes Verhältnis zur realen Welt zu überprüfen“ sagte der 49-Jährige im Interview mit Birgit Höppl.

Rettungswesten von der griechischen Insel Lesbos

Auch Zeichen der Flüchtlingskrise stellt er ungeschminkt in unser westeuropäisches Paradies. Von seinem Hilfsprojekt „Salva Vida“ (Leben retten) brachte er 4000 benutzte Rettungswesten von der Insel Lesbos mit. Er wirft sie in einem Haufen übereinander. Sandreste, Abschürfungen und das ungeordnete Durcheinander machen die vorgefundenen Gegenstände beredt und eindringlich.

Seine Aktion „Ostexport“, bei der er sich mit einer rosafarbenen Raketen-Attrappe auf dem Dach eines Trabi vor sowjetischen Kriegsdenkmälern von Wien bis Kiew ablichten ließ, dokumentiert Schnurer auf Fotos und Videos. Dies stellt nicht nur martialische Gebärden des Gedenkens in Frage, das Video gibt vor allem darüber Aufschluss, wie restriktiv Kunst in anderen Ländern behandelt wird.

Zwei Künstlerinnen arbeiten vor Ort: Man kann ihnen über die Schulter schauen

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Weil die Nachfrage bei Künstlern für das Kunstarkaden-Format „Artist in Residence“ inzwischen sehr hoch ist, hat sich Guido Weggenmann entschlossen, in der letzten Runde zwei Künstlerinnen gleichzeitig aufzunehmen. Bis Ende Oktober arbeitet Esther Zahel aus Augsburg an kleinen, tagebuchartigen Zeichnungen. Parallel dazu beschäftigt sich Erika Wakayama aus Amberg im Grünen Haus mit den Möglichkeiten des Materials Papier. Im November und Dezember kommen noch vier weitere Künstler nach Kempten, denen man jeweils vier Wochen lang beim Arbeiten über die Schulter schauen kann.

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