NS-Zeit in Kempten

Hermann Esser war ein treuer Gefolgsmann Adolf Hitlers

Hermann Esser

Hitler sprach 1932 in Kempten – links neben ihm Hermann Esser, ein treuer Gefolgsmann.

Bild: Repro: Naumann/Stadtarchiv Kempten

Hitler sprach 1932 in Kempten – links neben ihm Hermann Esser, ein treuer Gefolgsmann.

Bild: Repro: Naumann/Stadtarchiv Kempten

Hermann Esser aus Kempten kämpfte früh an der Seite des späteren Diktators Adolf Hitler. Nun ist eine Biografie von Historiker Paul Hoser über ihn in Arbeit.
12.01.2022 | Stand: 11:48 Uhr

Kempten hat gerade eine Kommission für Erinnerungskultur gegründet. Eine ihrer Hauptaufgaben: mehr Licht in die dunkle Zeit des Nationalsozialismus in der Stadt zu bringen. Dabei wird sie vermutlich auch auf einen Mann treffen, der zu den treuesten Gefolgsleuten Adolf Hitlers zählte: Hermann Esser. Seine Familie zog nach Kempten, als der Junge sechs Jahre alt war. Er besuchte das Gymnasium, entschied sich aber vor dem Abitur für ein Volontariat bei der sozialdemokratischen Zeitung Allgäuer Volkswacht und für politische Aktivitäten. Esser gründete zusammen mit dem späteren Diktator Hitler und weiteren Mitkämpfern im Jahr 1920 die NSDAP – da war er gerade mal 19 Jahre alt. Der Münchner Historiker Paul Hoser, der schon das Wirken des nationalsozialistischen Bürgermeisters von Memmingen, Heinrich Berndl, nachzeichnete, arbeitet gerade an einer Biografie über Esser. Schon 2020 stellte er ihn in einem Vortrag in Kempten näher vor; nun gibt er eine Kostprobe seiner Ergebnisse im Allgäuer Geschichtsfreund, der in Kempten erscheinenden Zeitschrift für historische Forschung und Heimatpflege.

Hitler war Hoser zufolge lange Zeit mit Hermann Esser per Du – was offenbar wenigen erlaubt war. Esser galt in den 1920er Jahren als der wichtigste Propagandaredner der Partei nach Hitler. Der hielt trotz des „Du“ offenbar wenig von ihm. „Ich weiß, dass Esser ein Lump ist“, soll Hitler einst erklärt haben.

Die Kemptener Ortsgruppe der NSDAP auf einer undatierten Aufnahme. Hermann Esser ist in der Bildmitte stehend mit dunklem Anzug zu sehen.
Die Kemptener Ortsgruppe der NSDAP auf einer undatierten Aufnahme. Hermann Esser ist in der Bildmitte stehend mit dunklem Anzug zu sehen.
Bild: Naumann/ Stadtarchiv Kempten

Nach dem Ersten Weltkrieg war Esser erst der SPD beigetreten. Schon 1919 vollzog er einen radikalen Schwenk und machte bei der gegenrevolutionären Volkswehr mit. Er ging nach München, wo er Hitler traf und von dessen Redetalent überwältigt war. Bald trat Esser selbst als Redner auf – „immer durchdrungen von der Lust zu aggressiver Polemik“, stellt Hoser fest. Er gelte sogar als Urheber des Führerkults.

Hermann Esser sei vom Antisemitismus besessen gewesen, stellt Historiker Hoser fest

In den 1920er Jahren arbeitete Esser als NS-Propagandist und Politiker. In diesen Funktionen kam er mehrmals zu Veranstaltungen in seine Heimatstadt Kempten zurück. Am 30. Juli 1932 trat er zusammen mit Hitler auf dem Platz vor der Tierzuchthalle auf. Esser sei „von antisemitischen Vorstellungen besessen“ gewesen, urteilt Hoser. Die Schmähung von Juden war eines der zentralen Elemente in seinen Reden. Seine Vorstellungen hätten sich mit denen Hitlers gedeckt.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Esser Minister in der bayerischen Regierung und zweiter Vizepräsident des Reichstags in Berlin. In der Parteihierarchie geriet er allerdings bald unter Druck.

Im April 1933 erhielt Esser die Ehrenbürgerwürde Kemptens

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Im April 1933 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Kempten, was am 27. Mai 1933 mit dem Geehrten gefeiert wurde. Der Antrag, so schreibt Hoser, sei von Oberbürgermeister Merkt und der NSDAP-Fraktion ausgegangen. Merkt habe freilich nach dem Ende der NS-Herrschaft nichts mehr von seiner Initiative wissen wollen. Am 2. August 1946 entschied der Stadtrat, das Ehrenbürgerrecht Essers zu streichen – freilich mit dem Zusatz, dass Esser „manch Gutes für die Stadt Kempten geleistet“ habe.

Hermann Esser bei den Altusrieder Freilichtspielen 1933, wo er Schirmherr war (in der Bildmitte). Ganz links der damalige Kemptener Oberbürgermeister Otto Merkt.
Hermann Esser bei den Altusrieder Freilichtspielen 1933, wo er Schirmherr war (in der Bildmitte). Ganz links der damalige Kemptener Oberbürgermeister Otto Merkt.
Bild: Sammlung Ingrid Müller

1935 trat Esser als Minister zurück, war aber ab 1936 Präsident des Reichsfremdenverkehrsverbands und ab 1939 Staatssekretär im Reichspropagandaministerium für den Bereich Fremdenverkehr. Hitler hielt zwar nicht (mehr) viel von seinem Mitkämpfer aus frühen Tagen, ließ ihn aber auch nicht fallen.

Nach dem Krieg war Esser insgesamt fünf Jahre lang interniert. Zu seinem 80. Geburtstag 1980, ein Jahr vor seinem Tod, erhielt er noch Glückwünsche vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß.

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