Ausstellung

Im Kunstreich hängt der Himmel voller Bonbons

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Rote und weiße Bonbons lässt Dana Lürken im Kunstreich von der Decke baumeln.

Bild: Harald Holstein

Rote und weiße Bonbons lässt Dana Lürken im Kunstreich von der Decke baumeln.

Bild: Harald Holstein

Kunst ist wieder erlebbar: Dana Lürken befasst sich in Kempten mit dem Thema Leere. Ihre Installationen und Videos sind doppeldeutig und heiter
16.03.2021 | Stand: 18:35 Uhr

Nach vier Monaten coronabedingter Schließung hat die Kunst endlich wieder einen Auftritt: In der Galerie Kunstreich des Kemptener Artig-Vereins zeigt Dana Lürken aus München zum Thema Leere Installationen und Videos. Vor lauter Freude über den ersehnten Zugang zur lang vermissten Kunst könnte der Himmel ja voller Geigen hängen. Im Kunstreich hängt er jedoch voller Bonbons.

Die roten und weißen „Guezle“ mit dem absichtlich falsch geschriebenen Werk-Titel „Süsigkeit“ ist die heiterste und größte Installation in der ehemaligen Alten Münze in der Schützenstraße. Die von der Decke baumelnden Bonbons sind geschickt ausgeleuchtet und nehmen mit ihren Schattenmustern den ganzen Raum ein. Im Eingangsbereich empfangen den Besucher „Handarbeiten mit Haaren“ – reduzierte Werke, in denen die Künstlerin die Tradition der Stickerei neu auslegt und hauchzarte und verletzliche Muster aus einzelnen Haaren schafft. Ebenso minimalistisch wirkt der weiße Kopfkissenbezug mit weißen Stickmustern vor weißer Wand. Nur bei genauem Erforschen dieser „Leere“ erkennt man eine geflickte Stelle in diesem vorgefundenen Kopfkissenbezug aus dem Bestand ihrer Großmutter.

Wer auf dem Weg zu den Videoarbeiten in den Keller den bereitliegenden Kopfhörer aufsetzt, wird mit dem vielfach variierten Zuruf „Kopf hoch!“ beschallt. Allein die Wiederholung in den unterschiedlichsten Betonungen lässt diese Ermutigung immer leerer und floskelhaft erscheinen. Auch die Videoarbeiten „Der leere Raum“ oder „11 Minuten“ befassen sich mit Gesten und Worten im Übergang von Authentizität zu leerer Beteuerung. Der doppeldeutige Titel des Videos „Versprechen“ zeigt, dass man sich mit angekündigten Versprechen gehörig versprechen kann.

2018 war Dana Lürken schon einmal mit ihrer Arbeit „Zeitzeugenberichte“ bei der Ausstellung zum Artig-Kunstpreis in der Galerie zu sehen. Ihr Thema Leere findet sich nicht nur in den Objekten und Videos wieder, auch der Ausstellungsort strahlt es aus. Da bedauerlicherweise nur zwölf Werke der Künstlerin zu sehen und nicht alle Wände bestückt sind, erscheint die Galerie nach der langen Zeit des Stillstands recht kahl und gespenstisch leer. Doch diese leeren, unbespielten Flächen könnte man auch als beabsichtigtes Gesamtkunstwerk auffassen, das die ereignislose Atmosphäre der gegenwärtigen Zeit trifft. Zu dieser passt auch die Installation im Treppenaufgang zum zweiten Stock, in dem die 44-jährige Künstlerin einen Andachtswinkel mit dem „Zettelsammlungsnachlass“ ihrer Großmutter gestaltet. Ein Kreuz, Heiligenbilder, Todesanzeigen sowie Postkarten, Fotos und Zeitungsausschnitte geben Auskunft über die Frömmigkeit und die besonderen Sehnsüchte der Großmutter. Sie lassen aber auch an die abrupt beendeten Lebensgeschichten der weltweit über 2,6 Millionen Corona-Toten denken.

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Öffnungszeiten: Die Ausstellung in der Galerie Kunstreich in der Schützenstraße 7 ist bis Sonntag 11. April zu sehen: Dienstag von 16 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Eintritt frei (nur mit FFP2-Maske und gemäß aktuellen Inzidenz-Zahlen).

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