Jazzfrühling und Corona

Jazzfrühling in Kempten zum ersten Mal digital - Ein Blick hinter die Kulissen

Theater Jazz Aufbau

Das Stadttheater wird zum Sendestudio: Die Techniker Katharina Höß und Victor Rothermel bereiten Bühne und Saal für das Streamen der Konzerte vor.

Bild: Ralf Lienert

Das Stadttheater wird zum Sendestudio: Die Techniker Katharina Höß und Victor Rothermel bereiten Bühne und Saal für das Streamen der Konzerte vor.

Bild: Ralf Lienert

Das Online-Jazzfestival aus dem Stadttheater Kempten ist Neuland für die Organisatoren. Wie es unter Corona-Bedingungen ablaufen soll.
24.04.2021 | Stand: 21:46 Uhr

Ein wenig Bammel haben sie schon, die Mitglieder des Klecks-Arbeitskreises, die sich wie immer ehrenamtlich um die Durchführung des Kemptener Jazzfrühlings kümmern. 35 Mal war dies bislang der Fall, doch nun bei der 36. Auflage ist alles anders: Erstmals findet das Festival nicht vor Live-Publikum statt. Die Konzerte werden stattdessen im Internet übertragen, was einen immensen organisatorischen und technischen Aufwand bedeutet.

Mit der ersten Online-Ausgabe betreten die „Kleckser“ Neuland: Vieles, was sich über die Jahre hinweg eingespielt hat, gilt heuer nicht. So gibt es bei der Eröffnung am Samstag, 24. April, gleich zwei Feuertaufen: Um 18 Uhr steht die 20-köpfige Big-Band-Formation „Poly Radiation“ unter Corona-Bedingungen auf der Stadttheater-Bühne. Und zwei Stunden später wird das Konzert der polnischen Wunder-Bassisten Kinga Glyk und ihrer Band über die Klecks-Webseite übertragen.

Jazzfrühling in Kempten zum ersten Mal digital: Bei den Machern steigt der Adrenalin-Spiegel

Bereits am Donnerstag reisten einige Mitglieder von „Poly Radiation“ an. Tags darauf kommt der Rest, und dann wird im Pfarrsaal von St. Lorenz unter Berücksichtigung der Abstands- und Hygieneregelungen geprobt. Das vor drei Jahren gegründete Kollektiv besteht eigentlich aus einem Pool von 60 kreativen Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Die meisten sind Musiker, aber zu „Poly Radiation“ gehören auch Designer, Informatiker, Comic-Zeichner, Regisseure, Dolmetscher. „Unser Kollektiv setzt sich aus allen Sparten der Kulturbranche zusammen“, sagt Benedikt Weiß. Der 25-Jährige ist Bandleader und studiert Schlagzeug an der Pop-Akademie in Mannheim.

Jazzfrühling unter Corona-Bedingungen: Für jeden Bläser gibt es ein eigenes Podest

Wegen Corona musste Weiß bei der Jazzfrühling-Besetzung von „Poly Radiation“ vor allem auf deutsche Musikerinnen und Musiker zurückgreifen. Und die Pandemie erfordert auch eine ganz besondere Bühnenkonzeption. „Jeder Bläser steht beispielsweise auf einem eigenen, zwei Quadratmeter großen Podest mit Geländer“, berichtet Festival-Organisator Andreas Schütz.

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Premiere mit viel Power: der Kemptener Jazzfrühling im Internet

Wegen der Corona-Abstandsregelungen werde die Bigband den gesamten Bühnenraum des Stadttheaters, also gut 100 Quadratmeter Fläche, benötigen. Im Klartext bedeutet dies, dass es auch keinen schwarzen Moltonbühnenvorhang gibt, der wie sonst üblich Kabelstränge und Technikvorrichtungen verdeckt. „Wir werden also ein etwas rustikales Bühnenbild haben, das einer Fabrikhalle ähnelt“, sagt Schütz.

Drei Kameras liefern Live-Bilder

Auch die Versorgung der professionellen Musikerinnen und Musiker, die alle mehrmals coronagetestet werden, ist nicht so einfach, erklärt Ursula Speiser. Da Restaurants geschlossen sind, erhalten die Musiker Essen und Getränke vor Ort. Wegen der Abstands- und Hygieneregelungen geschieht dies an diversen Orten im Theater.

Bereits am Samstagmittag wird die Bigband ins Stadttheater einziehen, denn die Vorarbeiten für das Streaming-Konzert um 18 Uhr sind umfangreich. Der Ton muss stimmen, und vor allem das Bild. Videoregisseur Denis Spiess kombiniert dabei die Bilder, die drei Kameraleute aus diversen Perspektiven liefern. Einer von ihnen ist Wilfried Hanslmeier. Seit ein paar Jahren dokumentiert er mit Mitgliedern der Arbeitsgruppe Multimedia des Allgäu-Gymnasiums (Leiter: Andreas Herz) den Jazzfrühling.

Dazu produzierte er mit den Schülerinnen und Schülern Trailers für Bands, Roadmovies zur Jazznacht oder Einspieler. Film und Video faszinieren den Musiklehrer, der auch die AG-Bigband leitet, seit jeher. Wie andere Klecks-Kollegen auch ist er aufgeregt. „Wir werden unser Bestes geben, aber wir sind keine geschulten Filmleute und machen das ja nur hobbymäßig“, sagt Wilfried Hanslmeier. (Lesen Sie auch: Warum Jazzsängerin Lydia Schiller einen neuen Weg einschlägt)

Das Publikum darf tanzen

Das Kollektiv „Poly Radiation“ ist aus dem bayerischen Landes-Jugendjazzorchester hervorgegangen. Nach einer Tournee im Jahr 2017 beschlossen einige junge Musiker weiterzumachen – mit einem neuartigen Projekt. Schlagzeuger Benedikt Weiß und Pianist Konrad Bogen waren die Antreiber. Ziel war es, energiereichen, tanzbaren Big-Band-Sound in die Clubs zu bringen. „Früher wurde zu Bigband-Klängen getanzt“, sagt Weiß.

Damals war freilich vor allem Swing schwer angesagt. Doch das junge Publikum von heute steht auf einen anderen Sound. Und so setzt „Poly Radiation“ auf einen Fusion-Mix aus Hip Hop, Funk, Neo-Soul, Pop und Rhythm ’n’ Blues. Ein Schwerpunkt sind Kompositionen aus der Feder des musikalischen Leiters Roman Fritsch (Regensburg).

Auch eine Uraufführung steht bei diesem ersten Konzert des Jazzfrühlings in Kempten an

Beim Jazzfrühling wird es eine Uraufführung geben: Die Bigband wird nach einer Pause die erste Suite des vierteiligen multimedial angelegten Epos „Message From Another Planet“ spielen. Erzählt wird darin die fantastische Entdeckungsreise der ersten bemannten intergalaktischen Raummission, die außerirdisches Leben finden soll.

Die sieben Stücke der Suite „Arecibo Signals“ haben Roman Fritsch und Benedikt Weiß komponiert und arrangiert. Unmittelbar nach dem Live-Stream wird im Netz eine Video-Version der Suite auf Youtube zu finden sein, kündigt Weiß an. Die Geschichte werde dann im Comic-Style erzählt und mit animierten 360-Grad-Videos visualisiert.

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