Bebauung

Kempten: Stadtrat verzichtet trotz hoher Werte auf Lärmschutz

Südlich der Lenzfrieder Straße (im Bild rechts) sollen neun Doppelhäuser entstehen. Der Lärmschutz ist dabei ein Knackpunkt.

Südlich der Lenzfrieder Straße (im Bild rechts) sollen neun Doppelhäuser entstehen. Der Lärmschutz ist dabei ein Knackpunkt.

Bild: Ralf Lienert

Südlich der Lenzfrieder Straße (im Bild rechts) sollen neun Doppelhäuser entstehen. Der Lärmschutz ist dabei ein Knackpunkt.

Bild: Ralf Lienert

Geplante Doppelhäuser bekommen Schall von der Lenzfrieder Straße und von der A 7 ab. Räte diskutieren über ein Tempolimit auf der Autobahn.

06.08.2020 | Stand: 06:00 Uhr

Neun Doppelhäuser will ein Investor am Ortsrand von Lenzfried bauen. Was sich zunächst unproblematisch anhört, birgt an der vielbefahrenen Lenzfrieder Straße doch einen Knackpunkt: Der Verkehrslärm ist nicht so einfach in den Griff zu bekommen, wie im Stadtrat deutlich wurde. Dennoch soll auf eine Schallschutzwand verzichtet werden.

Zur Beurteilung von Schallimmissionen gibt es die Industrienorm 18005. Sie sieht als Orientierungswerte in reinen Wohngebieten 50 Dezibel (dB) tagsüber vor, nachts 40. In allgemeinen Wohngebieten, in denen beispielsweise nichtstörende Handwerksbetriebe zugelassen sind, liegen die Werte jeweils fünf Dezibel höher.

DIN-Werte wurden überschritten

In einer schalltechnischen Untersuchung wurde in verschiedenen Modellen untersucht, wie die Belastung auf der Fläche südlich der Lenzfrieder Straße ausfällt, sagte Baureferent Tim Koemstedt in der jüngsten Stadtratssitzung. Dabei ergaben sich in jedem Fall Überschreitungen der DIN-Werte. Selbst in der Variante „Allgemeines Wohngebiet“ mit Lärmschutzwand ging es um sieben Dezibel. Ohne den baulichen Schallschutz wurden an den künftigen Gebäuden Werte bis zu 61,7 dB tags und 53,7 dB nachts ermittelt. Also im allgemeinen Wohngebiet 8,7 Dezibel zuviel.

Um das einzuordnen, gibt das Bayerische Landesamt für Umwelt eine Formel vor: „Eine Erhöhung des Schalldruckpegels um zehn dB wird als Verdoppelung der Lautstärke wahrgenommen“, heißt es in einer Broschüre. Und weiter: „Lärm ist heute eines der gravierendsten Umweltprobleme: Vor allem durch den fast flächendeckenden Verkehrslärm fühlen sich sehr viele Menschen belästigt.“ Das Problem: Weghören funktioniert nicht, das Ohr ist immer ganz Ohr.

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Davon kann auch Stadtrat Joachim Saukel (Freie Wähler/ÜP) ein Lied singen. Für ihn ist unverständlich, dass die Autobahn, die östlich von Lenzfried verläuft, keine Rolle bei den Betrachtungen spiele: „Auf meiner Terrasse und im Schlafzimmer höre ich die sehr wohl.“ Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der A 7 brachte er ins Gespräch. Die allerdings genieße Bestandsschutz, und die Grenzwerte würden deutlich unterschritten, berichtete Oberbürgermeister Thomas Kiechle von aktuellen Messungen.

Tempolimit auf der Lenzfrieder Straße?

Ein Tempolimit auf der Lenzfrieder Straße regte Katharina Schrader (SPD) an. Ob das rechtlich möglich sei, bezweifelten Koemstedt und Josef Mayr (CSU). Letzterer erinnerte an den „Riesenaufwand“, Tempo 30 bei Kirche, Kindergarten und Schule durchzubringen. Ihm war wichtiger, an den künftigen Häusern ohne Schutzwand auszukommen, die den Schall sonst auf die gegenüberliegende Seite werfen würde. Für Michael Hofer (UB/ÖDP) wäre Tempo 30 nur „eine Frage des Wollens“ – angesichts neuer Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat.

Beschlossen wurde letztlich, statt eines reinen Wohngebiets ein allgemeines festzusetzen. Es soll ohne Lärmschutzwand geplant werden – laut Koemstedt hätte sie ohnehin nur einen geringen Effekt, weil sie zum Schutz der Baumreihe nicht direkt an die Straße gestellt werden könnte. Einwände von der Unteren Immissionsschutzbehörde seien zwar zu erwarten. Gesunde Wohnverhältnisse würden aber jederzeit gewährleistet.